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Die Wahrheit · 1918-11-15 · Heft 23 (15.11.1918) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1918
Issue
Heft 23 (15.11.1918)
Date
1918-11-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. -Die Wahrheit eigniffe sich so überftstrzen wie heutzutage, ist Bedächtigkeit sicher nicht am Platze. Darum rasch alle Tüchttgen voran, um m das -ChaoS Ordnung -zu dringen. Kundgebung der Wiener israelitische« Knltusgememde. In der 'am 5. November 1918 unterdem Vorsitze des Ersten Vize-Präsidenten HofratesDr. Benjamin Rappaport stattgehabten Plenarsitzung des Vorstandes der Wiener israelitischen Kultusgemeinde wurde folgender Aufruf beschlossen: „An die Mitglieder derWiener isrüelititischen Kultusgemeinde. Der Ernst der Zeit, die Sorge für unsere Gemeinde und ihre Angehörigen erfordern den festesten Zusammenhalt «Her Juden. Jeder Unterschied in politischer, religiöser und nationaler Beziehung, muß zurücktreten, um die Juden Wiens und ihre Gemeinde — das größte und wichtigste Zentrum der Juden Deutschösterreichs — in diesen schweren Tag^r nicht unnötigen Erschütterungen auszusetzen. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde richtet diesen Appell an alle jüdischen Bewohner Wiens angesichts der vor kurzem erfolgten Proklamierung des „Jüdischen 'Nationalrates für Deutschösterreich", dessen Schaffung bei -allen in Wien lebenden Inden Beunruhigung hervorgerufen hat, die nicht auf dem Boden des jüdischen Nationalismus stehen und in dem Aufgeben des Standpunktes, daß die Zicken nur eine Glaubensgemeinschaft sind, eine Gefahr in sozialer und wirtschaftlicher Beziehung erblicken. Nach der festen Ueberzeugung des Kultusvorstandes bilden diese Juden die zweifellose Mehrheit in Wien und Deutschösterreich. Diese Mehrheit willaber die Minderheit nicht unterdrücken, so wenig sie sich selbst zu Anschauungen zwingen lassen will, die sie nicht teilt. , - . Der Vorstand hegt die Hoffnung, daß ein Ausgleich der Gegensätze nicht im Kampfe, sondern im Wege gegenseitiger Verständigung gelingen werde. Unter den jetzt bestehenden Gegensätzen darf jedoch — darüber sind beide Parteien einig — die Lösung jener Aufgaben uicht leiden, die im gemeinsamen Interessen gelegen und dringlich sind. . Zu diesem Zwecke wird aus der Mitte des Kultusvorstandes eine Permanenzkommission gebildet, in der beide Parteien vertreten sein werden, und die sich mit allen besonderen Fragen zu befassen haben wird, die aus der gegenwärtigen allgemeinen Lage sich ergeben, insbesondere aber mit der Ausarbeitung des Entwurfes einer neuen Wahlordnung auf demokratischer Grundlage. Diese Kommission wird ihre Tätigkeit solange fortsetzen, bis nach erfolgten Neuwahlen der Wille und die Anschauung der Gemeindemitglieder unzrveffelhaft feststehen und in einem neugewählten Vorstande Ausdruck gefunden haben werden. Der Vorstand erklärt schließlich, daß die Schaffung - eines ^Jüdischen Nationalrates . für Deutschösterreich" und auch die angeftrebte Anerkennung der Juden als Nation keinen wie immer gearteten. Zwang für den einzelnen bilden wird und darf. Jeden Juden wird und muß es vollkommen freistehen, nach seiner Ueberzeugung sich zu jener Nation zu bekennen, der er sich zugehörig fühlt. In keinem Falle aber - — und dies betont der Vorstand mit allem Nachdruck —- wird den vollen Rechten und vollen Pflichten der Juden ~al§ Staatsbürger Deutschösterreichs, dem sie in hingebungsvoller und opferbereiter Treue ergeben sind, Eintrag geschehen. --- Der Vorstand bittet, unter allen Umständen-und unbeirrt durch etwaige Aeußerungen und Handlungen extremer Elemente treu zur Gemeinde zu stehen. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeide Wien. * * Nr. 23. Demifsiqu des Präsidenten der Wierrer israel. ' Knttnsgemeitche-De Alfred Stern. Zn der üm 5. November d. I. stattgehabten Plenarsitzung des 'Vorstandes der'Wiener israel: .Kultusgemeinde legte t)er Präsident Dr. Alfred Stern, der vor einigen Tagen seine Demission gegeben hatte, die Gründe derselben ausführlich dar.' Für ihn sei nicht hohes Alter oder geschwächse Gesundheit bestimmend gewesen, sondern die Ueberzeugung^ daß der dem Vorstande zur Beschlußfassung vorliegende Kompromiß-Antrag mit der jüdisch-nationalen Partei eine Legitimierung des vor einigen Tagen konstituierten „Jüdischen Nationalrates für Deutsch-Oesterreich" beinhalten ivürde der er für seine Person absolut nicht zustimmen'könne. Er mißbilligte insbesondere die Bestrebungen des' Jüdischen Nationalrates. hinsichtlich der Schaffung eines besonderen Katasters, den er für die Judenschast Wiens und Deutsche Oesterreichs als in hohem Grade verderblich äusehe. Da er jedoch der von anderer Seite erhofften friedlichen Austragung der Gegensätze nicht. im Wege stehen wolle, lege er seine Stelle als Präsident der Kultusgemeinde nieder. Nach Abgabe seiner-Erklärung entfernte sich Herr Präsident Doktor Alfred Stern aus dem Sitzungssaale. Nachdem mehrere Vorstandsmitglieder, sowohl zum Kompromiß-Antrag, wie zur Demissionserklärung des Präsidenten das Wort ergriffen hatten, wurde bei der Abstimmung mit Stimmenmehrheit, die erfolgte Demission des Präsidenten'Mnter dein Ausdrucke innigster Dankbarkeit für. sein bisheriges Wirken und unbegrenzter Verehrung für seine Person mit tiefstem Bedauern zur Kenntnis genommen. Hierbei war für die Mehrheit des Vorstandes die Erwägung maßgebend, daß das Judentum in dieser Zeit allgemeiner Bedrängnis nicht auch noch durch innere Kämpfe — und solche wären unvermeidlich gewesen — geschwächt und erschüttert werden dürfe, daß über eine Bewegung, die weite Kreise der Juden ergriffen hat,, bei aller Betonung des gegensätzlichen Standpunktes /lichteinfach hinmeggegangen werden könne und daß endlich, in dieser schweren Zeit die Leitung der Wiener jüdischen Gemeinde ein in seiner unverminderten Geiftesfrische wohl bewunderungswerter, aber unter den körperlichen Beschwerden seines höhen Alters leidender Präsident nicht ohne Schädigung der Sache und ohne Gefährdung seiner Gesundheit führen könne. Gi« Karmlsirnch gegenPrelstreibrrei. Wie überall, so sind .auch in den Städten Litauens die Lebensmittelpreise horrend, gestiegen. Namentliche in der letzten Zeit hat die massenhafte Ausfuhr nach solchen Städten des besetzten Gebietes, in denen Lebensmittelknappheit herrscht, überhand genommen, Und die Preise sind stark tu die Höhe gegangen- So haben' denn in verschiedenen Städten des Ostens die- Rabbiner zu einer beinahe mittelalterlich aumutenden jüdisch-religiösen Maßnahme gegriffen, um ein Gegengewicht gegen die Verteuernng der Lebensmittel zu schaffen. Wie vor kurzem in Bialyftok, Wilna und Grodno, so sind nun auch nach einem von Dr. Julius Winter im „Hamburger Israel. Familienblatt" veröffentlichten Berichte die Rabbiner des Suckalkier Kreises übereingekommen, den Bannfluch, und zwar den schwersten, gegen solche Händler auszusprechen, die nicht nur durch Ausfuhr, sondern auch durch Spekulation, zu ^.weiterer Erhöhung der Wucherpxeise und zur Verminderung der Vorräte beitragen. Die Feier'fand ' am 13."Oktober vormittags statt. Alle jüdischen Läden waren wie am Sabbat geschlossen, die Stadt stand in Erwartung der großen und heiligen Feier. Tausende sah man zum alten Gotteshause wandern/das einsäulengeschmücktes Gebäude ist von-großen Dimensionen, umgeben von einem breiten Schulhof.-Schon beim Betreten dieses Hofes wurde man auf etwas ganz- Gewaltiges vorbereitet — die beiden Leichenwagen der . Gemeinde ' hatten dort Aufstellung genommen^ um alle an

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