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Die Wahrheit · 1918-11-15 · Heft 23 (15.11.1918) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1918
Issue
Heft 23 (15.11.1918)
Date
1918-11-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Und wenn man vor wenigen Tagen vielleicht noch in Zweifel sein konnte über die zukünftigen Staatsformen der einzelnen, nunmehr national geschiedenen Teile der österreichisch-ungarischen Monarchie, so ist es heute bereits' vollendete Tatsache, daß die Völker sich .überall für die republikanische Verfassung entschieden-haben. Auch in Deutsch-Oesterreich hat die provisorische Natianalversammlung am 12. November die Republik proklamiert und den Anschluß an die, fast über Nacht entstandene deutsche Republik beschlossen. Die jüdischen Staatsbürger Deutsch-Oesterreichs, die. mit Opfern an Gut und Vlut für ihr altes Vaterland niemandem gegenüber .zurückgestanden sind, werden auch dem neuen Staatswesen unentwegte Treue bewahren.' Sie werden die Pflichten der Staatsbürger voll und ganz übernehmen aber auch von ihren Rechten als solche sich nichts einschränken lassen. Eine freie Republik darf keine sozialen und konfessionellen Vorurteile kennen. Wir wollen eitlen dicken . Strich hinter der Vergangenheit machen, wurde in den.letzsen Tagen wiederholt von autoritativer Seite erklärt und die in der prooisorisorischen Nationatoersarnmlung mit besonderen: Nachdruck gesprochenen Worte des Staatskanzlers, daß der Zusammenschluß aller Kräfte, der i:i,ber Stunde der furcktbarsten Not erfolgte, auf dem Boden der vollen Rechtsgleichheit bestehen muß, hat - allgemeine Zustimmung gefunden. Aber an gewissenlosen Hetzern, die selbst den heiligsten Moment zu ihren dunklen Zwecken mißbrauchen, fehlt es auch jetzt nicht und bei Behandlung der von dem berichterstattenden Staatsrate Doktor Ofner vertretenen Vorlage über die deutsch-österreichische Staatsbürgerschaft hat der deutschnationale Dr. Wolf seiner .judenfeindlichen Gesinnung in einem Zusatzantrage unverblümten' Ausdruck gegeben. Im Kampfe gegen solche Sondergelüste, die der proklamierten Freiheit und Gerechtigkeit hohnsprechen, 'werden wir .wohl-nicht allein stehen,, aber vor allem müssen wir unter uns selbst zur Einigkeit gelangen. Die Bestrebungen des jüdischen Nationalismus und die großen politischen Ereignisse unserer Zeit haben ihre Schatten auf die Wiener Kultusgemeinde geworfen. Der Rücktritt des-Präsidenten Dr. Alfred Stern ist das Anfangsglied einer Kette von mannigfachen- , Veränderungen, die den gegenwärttgen Verhältnissen Rech- ' nung tragen sollen. Um diese im Interesse aller Mitglieder der Gemeinde und ihrer Institutionen durchzuführen, soll aus der Mitte des Kultusöorstandes eine Permanenzkommisfion gebildet werden. Die Ueberbrückung der Gegensätze in den Anschauungen der deutschösterreichischen Juden' über den 'Nationalismus ist nicht ihre alleinige Aufgabe. Die Behandlung dieser Frage ist übrigens in den letzten Tagen auf eine breitere Basis gestellt worden. Wenn der Anschluß Deutschösterreichs an die deutsche Republik Tatsache wird, dann können wir in der Lösung der Frage des jüdischen Nationalismus nicht selbständig, sondern nur im Einvernehmen mit unseren deutschen Glaubens- und Volksgenossen Vorgehen. Zudem verdient noch eine weitere Erwägung besondere Beachtung. Unleugbar tritt nicht nur beiuns sondern auch' in allen anderen Staaten der Sozialismus stark in den- Vordergrund und wenn nicht alle Zeichen trügen, gehört ihm die Zukunft vor dem.Nationalismus. Aber wie gesagt, wird sich die Permanenzkommission des Wiener Kultusvorstandes auch mit anderen höchst wiche tigen und dringlichen Fragen beschäftigen müssen. Die voraussichtliche Trennung von Staat und Kirche wird den gegenwärtigen Bestand der Kultusgemeinde von Grund aus verändern. Wie werderk dann die nötigen Mittel zur Befriedigung unserer religiösen und kulturellen Bedürfnisse aufgebracht werden? Mit der alleinigen Einführung eines demokratischen Wahlrechtes wird wohl da wenig gedient sein, zumal wenn man bedenkt, daß leider ein großer Perzentsatz der in Wien lebenden Juden starker materieller Nachhilfe bedarf, um den Existenzkampf zu bestehen und daß die Wirkungen einer allerdings von Seiten des. Staates zu erwartenden erhöhten Tätigkeit auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge vielleicht noch lange Zeit auf §ich warten lassen werden. Nebst diesen Zukunstsfragen, deren Lösung in einem Uebergangsstadium allmälig erfolgen kann, erfordern aber andere durch den langen Krieg geschaffene und durch die überstürzte Abrüstung vielleicht noch erhöhte Notlagen schleunige Abhilfe und unter diesen gibt es viele von Tag zu Tag sich mehrende Fälle, wo zudem noch der Staat durch den Mangel der staatlichen Zugehörigkeit der betroffenen Familien jede Mitwirkung zur Linderung der Not versagt, trotzdem die Väter und Brüder der elend gewordenen für daS frühere Vaterland gelitten und geblutet haben. Ein reiches und ergiebiges Arbeitsfeld liegt offen und umsomehr ist es geboten, daß die angekündigte Permakommission baldigst in Aktion tritt. fZu einer Zeit, wo die

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