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Die Wahrheit · 1918-11-01 · Heft 22 (1.11.1918) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1918
Issue
Heft 22 (1.11.1918)
Date
1918-11-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 4, Die Wahrheit Rr. 22. diezu erreichen, ist es notwendig, daß Vertreter der einzelnen Richtungen Zu ernster und leidenschaftsloserBeratung zusammentreten, um das gemeinsame Band, das uns alle umschließt, zu finden. Schreiendes Klnt. Jeder Brbellundige wird sich wohl des gruselnden Gefühls entsinnen, das ihn beim Lesen des Verses in GeneseS: 'bx D'pjnx 'an bip Das Blut deines Bruders fllbel) schreit zu mir, beschlichen hatte. Schreiendes Blut! SS war uns dabei zu Mute, als hörten wir eine Stimme emS dem Blute rufen: Wehe, wehe, warum hast du, Brüder Sdnn, mich ermordet? Ich habe dir doch nichts zu Leide getan. WaS wolltest du mit meinem Tode bezwecken? Auch in der griechischen Sage finden wir schreiendes Blut. Aus dem Blute des erschlagenen Helden Ajax entsproß eine Blume, uns der eine Stimme erscholl: „Wehe, wehe." Nun ist es unS bewußten Juden, als vernähmen wir Stimmen aus dem vergossenen Blute der jüdischen Helden, die auf allen Schlachtfeldern des Weltkrieges gefallen sind. Schreiendes Blut. Es schrett: „Aus dem Blute aller anderen Helden werden Freiheit, nationale Selbstbestimmung, kulturelle Entwicklung u. dgl. entsprießen, was wird aus unserem Blute für unser Volk entstehen? Wird der seit zweitausend Jahren gehetzte Ahaswer endlich zur Ruhe kommen? Alle Völker rüsten sich polittsch zum Kampf für ihre nationalen Rechte und das Volk Israel soll weiter der Spielball der Nationen bleiben? Die Juden brauchen eine doppelte Lösung ihrer nationalen Frage: es soll ihnen ihr altes Vaterland Erez Israel als nattonales Eigentum, wie auch nationale Autonomie in denjenigen Ländern, wo Juden wohnen, gegeben werden. Denn wenn wir auch Palästina bekommen, so werden wir doch nicht , alle und auf einmal dahin auswandern und es wird doch auch weiterhin noch ein großer Teil in, anderen Ländern unter fremden Völkern wohnen, wie überhaupt kein Volk e^stiert, daß nicht Teile unter anderen Völkern hätte. Sogar zur Zeit de? zweiten Tempels wohnten viele Juden m anderen Ländern. Für diese Juden der Diaspora nun soll ein modus vivendi geschaffen werden, ein würdiges Dasein, gemäß seinem Eharakter und Wesen. Das jüdische Voll muß doch einmal aufhören zwischen Volk und Volk zu pendeln, eS muß aufhören das „Eigentum" anderer zu sein, eS muß aufhören den Proteus der Nationen zu spielen. Es auch anfangen, sich selber zu gehören, sein eigener Herr zu sein und den Fluch „waawado leolam“ zu lösen. Es ist eine äußerst traurige Rolle, welche das jüdische Voll fett zweitausend Jahren spielt, es bildet ein Mosaik auS hunderten Nationen, sodaß Messias, wenn er einst kommt, sein Volk gar nicht erkennen würde. Es werden vor ihm erscheinen gesondert nach Tracht und Sprache: Deutsche, Engländer, Franzosen, Italiener, Ungarn, Ruffen, Bulgaren, kurz ein Babel von Sprachen und Anschauungen. Diese? Poffenspiel müffen wir ein für allemal aufgeben und ein Volk mit einer Sprache und einem Ziele werden. Die Einheit ist doch unsere Erfindung: „El echod,“ „am echod,u „clmka achat,“ „safa achat,“ Vernunftaxiome ersten Ranges. Aus der Einheit Gottes resultiert die Einheit der Religion, die Einheit des Volles ohne Klaffen und Kasten, Kategorien und Ränge, eine Sprache, eine Ethik, ein Sinn und ein Ziel: ----- Friede... Möge auch einmal für uns Juden, dem ältesten Volke der Erde, dem abiy ay die Erlösung von der An- und Zugehörigkeit der Unselbständigkett und Erniedrigung kommen. Möge die Erkenntnis der Freiheit alle Köpfe des Volkes erleuchten. Möge die Stimme, die aus dem Blute unserer jüdischen Helden erschallt, in die Ohren aller Juden dringen : „Unser teueres Blut soll nicht für Fremde, sondern für unser Voll gefloffen sein, gerade wie es andere Völler von ihren Söhnen sagen". .. R. Lothringer. WetMrtrf ««» Kudapest. (Schluß.) ‘ 3 Budapest ist eine schöne Stadt. Die Bewohner nennen sie die schönste Stadt Europas. Die Architektur bewegt sich zwischen romanischem, florentinischem und byzantischem Stil. Die zahlreichen Monumente leiden an Ueberlebensgröße. Eine Ausnahme macht das Andrassy-Monument. Die zierliche schlanke Gestalt des großen, freiheitlichen Staatsmannes zu Pferde, wie wir sie in Wien noch lebendig vor Augen habe«, vor dem Parlamentsgebäude mit dem Blick nach der Ofner Königsburg ist überwältigend schön. Ich wohnte auch einer denkwürdigen Parlamentssitzung bei. Der jüdische Abgeordnete Farkas Pal, Sohn des Großindustriellen Wolfner in Neupest, hielt eine Rede über den sich wieder in Ungarn regenden Antisemitismus, angeblich wegen Schleichhandels der galizischen Juden. Der bekannte slovakische geistliche Abgeordnete Juriga wollte eine antisemitische Debatte weiterspinne«, wurde aber durch Stimmen: „Wir brauchen keine Judendebatte!" wie auch durch energisches Glockenzeichen des Präsidenten daran gehindert. War das schou erhebend genug. Noch mehr die Rede Dr. Wekerles, der energisch diese Bestrebungen einer Verhetzung zurückwies. Und erst Graf Tisza! Er nannte in seiner Rede den Abgeordneten FarkaS seinen Freund und Kriegskameraden, der zwei Jahren die Waffen, gegen den Feind führte, und forderte die Juden auf, selbst einzugreifen gegen die Schädlinge des Judentums, es gehe aber nicht an, sagte er, daß wegen Einzelner ein Odium auf eine ganze Nation falle. — Auf einem Spaziergange im Parke auf dem Elisabethplatz steht das Monument des viel verkannten Forschers Dr. Semmelweis. Aus weißem Stein gemeißelt steht die Figur in Lebensgröße aufrecht, den Blick auf den Boden gerichtä, wo eine Frau mit einem Kinde am Arme ihre von Dankbarkeit leuchtenden Augen zu ihrem Lebensretter emporhebt. Dr. Semmelweis hat das Mittel gegen das Kinderbettfieber entdeckt. Er war ein geborener Ofner und Jude. — Von der hochfreiheitlichen sozialen Begeisterung des Ungars gibt ein Standbild Zeugnis, welches in demselben Parke errichtet ist. Einer Lehrerin! Budapest hat eine einfache Frau durch ein Monument verewigt. Die Inschrift lautet: Frau Veres PLli (Benitzky Hermin). Sie kämpfte, damit die Frau mit ihrer Bildung und ihrem Herzen die Förderin des nattonalen Wohlseins werden könne. Im Mitteleuropa gewiß einzig. — Budapest hat auch ein Ungarisch-jüdisches Museum, gegründet im Jahre 1910, eröffnet im Jahre 1916. In der Hold utcza Nr. 23 ist es vorläufig in drei Zimmern unterbracht. Herr Dr. Fabo, der Leiter des Museums, macht in liebenswürdiger Weise die HonneurS. Er zeigte mir eine Hagada aus dem Jahre 1590, geschmückt mit italienischen Holzschnitten und Bildern. Dann eine Hagada aus dem Jahre 1649, hebräisch mit italienischer Uebersetzung. Ein Dekret mit eigenhändiger Unterschrift Maria Theresias. Geschenk des Baron Dirsztay und Frau. Das Dekret besagt, daß Markus und Israel. Schlesinger in Eisenstadt überall wohnen, Handel treiben und Militärlieferanten sein können. Sie haben schon Kaiser Karl VI., dem Vater Maria Theresias, ersprießliche Dienste geleistet. Dieses Dekret wurde in der Soproner und Pester Komitatsversammlung wie ein Adelsbrief verkündet. Die Nachkommen leben gegenwärttg in Preßkmrg. Sehr interessant ist ein Verkaufsbrief vom Jahre 1280. Der Jude Friedmann, oornes cameri im Eßtergomer Domkapitel, hat dem König Laßlo IV. 300 silberne Mark geliehen (7200 Gulden), dafür hat ihm der König zwei Güter (Zsigürd und Rigöeze) im Komorner Komitat geschenkt. Friedmann verkaufte das Gut Zsigä-rd an einen Edelmann namens Fulkus um 299. silberne Mark. Das andere Gut blieb ihm daher für eine silberne Mark als Eigentum, ... Ein vergoldetes Etui mtt der Feder, mit welcher Kaiser Franz Josef I. im Jahre 1857 feinen Namen anläßlich des Besuches des jüdischen Pester Spitals in ein Buch schrieb. Eine rote Fahne der russischen

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