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Die Wahrheit · 1918-11-01 · Heft 22 (1.11.1918) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1918
Issue
Heft 22 (1.11.1918)
Date
1918-11-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Unter den vielen bitteren Enttäuschungen, die uns der nun zu Ende gehende Weltkrieg gebracht hat, ist es eine, die in Deutschösterreich besonders schmerzlich berührt: wir können der aufdämmernden Morgenröte des Friedens nicht froh werden. Wie sollten wir auch Freude empfinden, wenn wir erkennen müssen, daß unermeßliche Opfer an Gut und Blut nutz- und zwecklos waren und daß dasjenige, wofür wir gekämpft und gelitten, dem Tode geweiht ist. Auf den Trümmern des österreichischen Staates, dem wir jederzeit treue und aufopferungsvolle Bürger gewesen sind, sollen nationale Sonderstaaten mit schroffer Ableugnung jeden Gemeinsamkeitsgefühles entstehen und in diesem Chaos von gewaltigen staatlichen, politischen und sozialen Veränderungen drängt sich uns Juden die bange Frage auf: Wie sollen wir unsere Zukunft bestellen? Die Zionisten und Jüdischnationalen sind um die Antwort nicht verlegen. Nationale Autonomie, Selbstbestimmungsrecht, jüdischer Kataster, jüdischer Nationalrat sind die Schlagworte, die in Wort und Schrift vielfach geprägt werden. Es kann nicht geleugnet werden, daß diese Bestrebungen, besonders bei den östlichen Juden, einen großen Anhang gefunden haben und in geschloffenen jüdischen Siedlungsgebieten, wie z. B. in Galizien, Berechtigung haben. Aber in Westösterreich gibt es eine große Masse von Juden — und wir denken ist erster Reihe an die Wiener Juden, die ja die Mehrzahl der Juden des in Bildung begriffenen deutschösterreichischen Staates repräsentieren — die nicht aus Gleichgültigkeit gegen jüdische Jntereffen, sondern üus vollster, in reicher Lebenserfahrung gehärteter Ueberzeugung der nationaljüdischen Politik in dem bisher gezeichneten Rahmen nicht Folgschaft leisten wollen. Schänder Beifall, den diese Politik bei den offenen und verkappten Judenfeinden gefunden hat, macht sie mißtranisch gegen das Danaergeschenk einer sicherlich stark zugestutzten nationalen Autonomie, die sie Eintauschen sollen gegen den vollen Anspruch - auf unbeschränkte politffche und materielle Rechte, welche ihnen, wenn das Wilsonische Friedensprogramm durch- ' geführt wird, nicht vorenthalten werden können. Aber trotz -des Gegensatzes der Anschauungen ist eine möglichst baldige Verständigung im allgemeinen Jntereffe dringend geboten. Der Weg hiezu scheint in dem Rundschreiben, das das Kopenhagener Bureau der zionistischen Organisation an die Landesverbände versendet hat, angedeutet. Dasselbe hat folgenden Wortlaut: „Der Augenblick ist nähergerückt, da die Grundlagen für einen dauernden und gerechten Frieden gelegt werden sollen. Ein solcher kann aber nur dann Zustandekommen, wenn die gerechten Forderungen aller Nationen, der kleinen wie der großen, erfüllt werden, und wenn für eine jede Nation die Möglichkeit geschaffen wird, sich bei Entfaltung aller ihr innewohnenden Kräfte und Fähigkeiten in den Dienst der Menschheit zu stellen. Auch das jüdische Volk erhebt in dieser historischen Schicksalsstunde seine Forderungen. In dem Friedensinstrument muß ihm gesichert werden: 1. Die Festsetzung Palästinas in den durch geschichtliche Ueberlieferung und durch politische und ökonomische Notwendigkeiten bestimmten Grenzen als nationale Heimstätte des jüdischen Volkes sowie die Schaffung der Vorbedingungen für den ungehinderten Aufbau. 2. Die volle und tatsächliche Gleichberechtigung der Juden in allen Ländern. 3. die nationale Autonomie auf kulturellem, sozialen und poMschem Gebiet, sowie aller anderen Länder, falls deren jüdische Bevölkerung Anspruch auf sie erhebt. Wir fordern die zionistischen Verbände aller Länder auf, diese Forderungen des jüdischen Volkes vor den Regierungen und der öffentlichen Meinung des Landes zu vertreten. Das jüdische Volk muß in den Bund der freien Nationen als gleichberechtigtes Glied eintreten." Die zionistische Organisation, Kopenhagener Bureau. Dr. Viktor Jakobsohn. Die Wichtigkeit der Forderungen scheint der Rechenfolge nach abgestuft zu sein und den ersten zwei Punkten düsten wol alle Juden zustimmen. Die nationale Autonomie wird an letzter Stelle angeführt und bemerkenswert ist hiebei die Einschränkung, „falls deren jüdische Bevölkerung Anspruch auf sie erhebt." Sollte da nicht die zionistische Organisation an die Juden in Amerika, England und Frankreich gedacht haben, von denen es wohl mehr als zweifelhaft ist, daß sie die nationale Autonomie der vollberechtigten Staatsbürgerschaft vorzögen? Und was den Juden der genannten Staaten zugebilligt wird, das kann auch den Juden in Oesterreich nicht vörenthalten werden. Also keinerlei Zwang, weder seitens der Regierungen der einzelnen Staaten noch seitens der Parteien innerhalb des Judentums. Nur gegenseitige Verständigung und Einigkeit nach, außen kann zum Ziele führen. Um

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