Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 21 (18.10.1918)
- Date
- 1918-10-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063774-3063795--10725-3078087- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Noch ein Zug in der Persönlichkeit Salomons sei -Hier erwähnt, seine Apologetik. Gemütswarm aber sachlich, wissenschaftlich und ohne subjektive Färbung^ nur mit dem ihm eigentümlichen Humor und Witz tritt er kühn und sieghaft den Angreifern des Judentums entgegen. Bruno Bauer, die Professoren Hartmann, Rühs und Fries, diese den Emanzipationsgedanken öffentlich bekriegenden Geister, werden durch Salomons gediegene apologetische Arbeiten schachmatt. Salomons Abfertigung eines Judenfeindes mit dem Pseudonym -Carls habe ich vor etwa 33 Jahren unter dem Titel „Das schwarze und das blaue Buch" seinerzeit in der „Allgem. Zeitung des Judentums" veröffentlicht. Der üngst verstorbene -Philosoph Geheimrat Professor Hermann Cohen s. A. hat mir vor einem Jahre einen Artikel über Salomons apologetische Schriften für das geplante Festbuch zum Oftobet'1918 zuzusenden versprochen. Mit denr Hinweis auf seine geschwächte - Sehkraft entschuldigte er kurz vor seinem Hinscheiden die Zurücknahme seiner Zusage, was sehr zu bedauern ist. Auch -die Angriffe des Haffes gegen den Tempel und sein Gebet- Luch wies Salomon kühn uud kräftig, stets sachlich und wissenschaftlich ab und sine ira sad cum sr,udio trat er für die Erfordernisse der Neuzeit ein in den verschiedenen Rab- .binersynoden des vorigen Jahrhunderts. Mit einer, wie mir scheint, nicht unwichtigen Bemerkung .möchte ich diesen Aufsatz zur Charakterisierung der ersten Prediger des Tempels schließen. Mein unsterblicher Lehrer und väterlicher Freund, Adolf Jellinek, der der jüdischen Homiletik neue Bahn wies, schrieb vor vierzig Jahren in der Wiener „Neuzeit", der Hamburger Tempel sei „ein stolzes Schloß auf einsamer Höhe," er wollte damit sagen, daß der Wiener Tempel mehr Nachahmer gefunden hätte. Hier hat der geniale Wiener Prediger das lokale Interesse über das allgemeine gestellt. Nein, der Hamburger Tempel stand nicht auf einsamer Höhe, denn Wien selbst verdankt ihm seine Bedeutung, insofern als Jellineks Vorgänger,' Jsak Noa Mannheimer, sich einen Jünger von Kley und Salomon nennt, daß er in seinem Gutachten über das Tempelgebetbuch die Aeußerung tat: „Ich habe die Weihe zum Prediger im Hamburger Tempel empfangen." Er hat zwei Jahre die ersten Prediger hier gehört, einige Monde Salomon vertreten und ist von Salomon hier getraut worden. War auch Mannheimer, der Bearbeiter des für die österreichischen Gemeinden maßgebenden Wiener Gebetbuchs, in wenigen Punkten anderer Ansicht, die Hamburger Liturgie hat er in den allermeisten Stücken mit Wärme vertteten. Nicht auf einsamer Höhe steht ein Gotteshaus, das in Leipzig, Jellineks erster Gemeinde, eine Filiale hatte, das die Hanptgemeinde Europas und Amerikas in Liturgie und Kanzelrede grundlegend und maßgebend beeinflußt hat. Nicht auf einsamer Hohe steht der Tempel, der Meister wie Kley und Salomon an seiner Spitze Hatte, die die Rabbinen aller Richtungen in der neuesten Zeit gelehrt haben, wie Gottes Wort zu verkünden sei und deren Nachlässe und Schriftwerke Zeugnis abgeben für die Wahrheit, Tiefe und Größe der jüdischen Religion. Reisebrief ««« Budapest. Der gute Vater Danubius kümmert sich nicht um Dualismus, Selbstbeftimmungsrecht, Personalunion oder wie die Nationalbestrebungen sonst heißen mögen. Er trägt auf seinem breiten Rücken jeden von einem Lande in andere, ohne zu ftagen, woher des Weges und wes Namens der Reisende sei. So fuhr ich mit dem Dampfschiff von Wien nach Budapest, um meinen Sommerurlaub in dem gelobten Lande zu verbringen, wo, wie einst in Palästina, Milch und Honig fließt. Schon an der Grenze, dort wo die March in die Donau mündet, kenntlich gemacht durch eine einfache Steinfäule auf einem Felsenvorsprunge, empfing uns eine neue Welt. Musik und Gesang tönte uns entgegen und mit anderen Reisenden stieg auch eine „kleine" Zigeunerkapelle ein. Eine andere Sprache klang an unser Ohr, wir bekamen eine andere Menschenrasse zu Gesicht und es schien uns, als wären wir auf einen anderen Planeten geraten. Die Einsteigenden, lauter pausbackige, kerngesunde Menschen, denen man schon am Gesicht die gute Ernährung und innere Zufriedenhett ablesen konnte, erregten unsere Bewunderung, fast möchte ich sagen, unsern Neid, wenn wir Abgemagerten und Hungrigen ihnen gegenüberstanden. Und erst als sie ihre Bündel öffneten und weiße Brote, Butter, gebratene Fische, sonstiges Obst zum Vorschein brachten, da hob sich uns erst recht das Herz. Die kleinen Zigeunerjungen spielten ihre ungarischen Weisen dem Hungrigen wie dem Satten vor und der Fröhlichkeitsbazillus steckte uns alle an. Allerdings konnten wir nicht ohne Bitternis Zeugen dieses Ueberflusses und der Lustigkeit sein, wenn wir bedachten, daß wir drei Stunden von Wien entfernt, von der Residenz des Hungers und der Verdrossenheit, Menschen, Brüder eines vereinigten Staates sehen, die keine Not kennen, nicht traurig und gekränkt umherwandeln. — Das Bild dieser Zwiespältigkeit ve> vollkommnete sich von Statton zu Station. Und wir Wiener befanden uns mehr und mehr unter „Reichen" als Arme, Notdürftige, Brotlose. Fast wäre man versucht gewesen, einen Bissen weißes Brot, einen Pfirsich von den Glücklichen zu erbetteln. ... Es ist unschicklich, in Gesellschaft vom Essen zu sprechen, heißt es schon im Knigge. Aber dieser Sittenratgeber hätte heute sein Buch gewiß nicht geschrieben. Bei der allgemeinen Demokratisierung der Menschheit hat sich im Umgang von Mensch zu Mensch vieles geändert. Besonders das Unfaire, vom Essen zu sprechen, hat sich überlebt. Wovon spricht man jetzt ausschließlich? Nur von der Ernährung, beziehungsweise von der Mchternährung, von der verzweifetten Situatton der Nahrungssorge, die ftüher nur den Allermindestbemittetten bettaf, heute aber auch das ganze Denken des Bemittetten — ich sage nicht des Reichen — gefangen nimmt. In Budapest fand ich es anders. Während bei uns die Worte sich nicht mit den Taten decken, wird dort nicht viel gesprochen — vom Essen — nur gehandelt. Man tut es ausgiebig mit Behagen und epikuräischem Vollgenuß. Man sieht dort keine so bekümmerte und herabgekommene Menschen, alles ist fröhlich, gutgenährt und wohlerhalten vom Kinde bis zum Greise. Allerdings wissen die Hausftauen auch von Einschränkungen und Anstellen zu erzählen. Dafür blüht das Kaffeehausleben in seiner berühmten Herrlichkett, die Restaurants bieten alles Erdenkliche und jeder, auch der Sparsame, kann sein Geld genießen. Man lebt, aber vegettert nicht. — An der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Vormacht Ungarns sind unsere Glaubensbrüder hervorragend beteiligt. Das politische Milieu Ungarns, wo jeder Mensch sozusagen ein geborener Politiker ist, bedingt es, daß auch die Juden von Politik und Patriottsmus — die zwei Grundelemente Ungarns — ganz durchdrungen sind. Sie leben in einem Lande, in welchem sie volle Gleichberechtigung — nicht nur auf dem Papier — genießen, sich in allen Zweigen des Handels und Gewerbes, der Justiz und Politik voll und ganz betättgen können. Daß sie es mit ihrer ganzen geistigen Kraft und ihrer Geschäststüchügkett augiebig tun ist selbstredend. Die Presse, in Budapest sehr frei, frei nämlich auch in der Verbreitung und in der Art, wie sie ihre Erzeugnisse der ganzen Bevölkerung zugänglich macht — trägt zu der reifen polittschen Anschauung jedes Einzelnen ungemein viel bei. Vom frühen Morgen bis nahe an Mitternacht werden die Zeitungen auf den Straßen mtt großem Geschrei feilgeboten. In den Sttaßenbahnwagen springen sie aus und ein und setzen die öffentliche Meinung ab. So hat sich ein intimer Kontakt zwischen Presse und Publikum herausgebildet und die Presse hat die Bevölkerung dazu exogen, sie (die Presse) als täglichen Bedarfsarttkel wie das tägliche Brot anzusehen. Die großen, eleganten, sich aneinanderreihenden Ring, straßenkaffeehäuser sind fast ausschließlich von Juden betrieben-