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Die Wahrheit · 1918-10-18 · Heft 21 (18.10.1918) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1918
Issue
Heft 21 (18.10.1918)
Date
1918-10-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 21. druckung und nach längerem Scheintode wieder, wie dies besonders drastisch das kleine und zersplitterte jüdische Volk zeigt. — Lebensfähige Nationen lasten sich aber auch nicht ewig in bestimmte Grenzen pressen, deshalb können die Nationen in unserem Doppelstaaten auch nicht eine solche Derfassungsreform annehmen, die sie an bestimmte Kronlandsgrenzen bindet. Nicht die Kronländer, sondern die Bürger sollen und müssen durch eine solche Reform befriedigt werden und deshalb muß man sich hüten, den inneren nationalen Frieden im Staatsganzen durch Ungerechtigkeiten und Härten in Frage zu stellen. Wie will man es z. B. rechtfertigen,. die Kinder der Slooaken in Ungarn oder der Ruchenen in Galizien schon in der Volksschule zu zwingen, «ne Fremdsprache zu lernen oder nur die lateinische, aber nicht die chnen geheiligte cyrillische Schrift zu erlernen? Es ist wohl klar, daß derartige Maßnahmen die Autorität der Staatsgewalt nicht heben können, sondern die Anhänglichkeit an den Staat lockern müssen. Der österreichisch-ungarische Dualismus basierte auf die Hegemonie und Vorherrschaft der Deutschen und Magyaren im Doppelreiche und erzeugte dadurch viel böses Blut. In Oesterreich wurde dies durch 17 Kronlandsgebiete noch verschärft, die ebensoviele Hemmnisse und Schwierigkeit für die Nichtdeutschen bergen. Will man einen gerechten und billigen inneren Frieden in Oesterreich Herstellen, dann müssen die Kronlandsgrenzen ausgelassen und dafür nationale Reichsgebiete geschaffen werden, die durchaus nicht territorial zusammenhängen müssen. Diese Reichsgebiete können eigene Vertretungen und Verwaltungen erhalten und nur nach außen und in gemeinsamen Kultur- und Wirtschaftsfragen einen Bundesstaat bilden. Finden die einzelnen Nationalitäten innerhalb der Reichsgrenzen Freiheit und Selbstbestimmungsrecht im ausgiebigen Maße, dann werden zentrifugale Strömungen ihr Ende finden. Wir wissen heute noch nicht, ob die austro-polnische Lösung zur Ausführung kommt, auch - nicht ob es den magyarischen Machthabern gelingen wird, Bosnien samt den projektierten südslavischen Staat zu verschlingen. Doch sehen wir bereits, daß sich die nichtdeutschen und nichtkatholischen Volksschichten nicht länger bevormunden und vergewaltigen lassen. Sehen dies die hartnäckigen Hegenomie-Enthusiasten endlich ein, dann kann der nationale Friede in Oesterreich und die Treue und Anhänglichkeit zum Staatsganzen doch noch erreicht werden, denn wenn Oesterreich kein beherrschender Ueberstaat, sondern ein Völker-Bundesstaat sein will, dann wird und muß auch der freiwillige Zusammenschluß der verschiedenen Nationalitäten erfolgen, weil sie sonst gegen äußere Feinde zu schwach wären. Der österreichische Staatenbund wäre dann aber in seinem eigenen Interesse gezwungen, für dieses Reichsganze Rahmengesetze zu schaffen, denen die Prärogative gegenüber allen Gesetzen der zusammengefaßten Reichsgebiete zugebilligt werden müßte. Dadurch würde endlich auch das immens gefährliche Gesetzeschaos in Oesterreich beendet werden. Gegenwärtig gibt es nämlich in Oesterreich Gesetze, die sich selbst widersprechen (§§ 21, 48, 55 des R. V. G.) und Landes gesetze, welche einschlägige Reichsgesetze durchbohren. Die gewissen nationalen Schreier, welche den gerechten nationalen Ausgleich während der langen Friedenszeit verhindert haben, mögen sich die Schuld zuschreiben, daß nun Kriegsgegner zu dieser Entwicklung beitragen sollen. Eine gerechte nationale Sanierung in Oesterreich muß nun erfolgen. Alle Nationen in Oesterreich sind längst reif genug geworden, ihre Interessen selbst zu sichern. Werden sie in diesem Belange nun befriedigt, dann wird der innere Völkerbund in Oesterreich naturnotwendig erfolgen, weil nur er alle ihre Einzelinteressen vornehmen und sichern kann. Werden die nationalen Chauvinisten endlich zum Schweigen gebracht, dann wäre auch die Sanierung des hundertjährigen nationalen Streites in Oesterreich noch möglich. Der kommende Wel1> friede wäre dann in Oesterreich doppelt und dreifach segensreich und brächte auch den jüdischen Staatsbürgern Ruhe und Frieden, weil viel Judenfeindschaft auch auf das Konto des nationalen Mißtrauens zu setzen ist. R. L. Die erste« Keediger des Tempels. Zur Hundertjahrfeier des Hamburger Tempels von Rabbiner Dr. D. L e i nr d ö r f e r. (Schluß.) Kley und Salomon verfolgten diese Ziele sowohl in der Anordnung der wechselnd hebräisch und deutsch zum Vortrag gelangenden Gebete und Gesänge im Tempel als auch in ihren gottesdienstlichen Vorträgen. Worin sie sich unterschieden, das war die Methode jhrer Homiletik. In Kley war der Lehrer, in Salomon der Prediger vorherrschend. Dort waltete wie in der Welt der Schule das Unterrichtsmäßige, Lehrhafte ,wie eine abhandelnde Doktrin das Denken und die Reflexion vor, hier ward mehr als auf die Verstandestätigkeit, auf die Gemütstiefe, die Gefühlswärme Genücht gelegt, hier gestaltete eine lebhafte Phantasie die Exegest, den Ausdruck, die Anwendung und die Vortragsweise auf der Kanzel. Kleys gedankenreiche Predigt weise entbehrte des Schwunges, desGlanzes, des bestrickenden- Reizes, die Salomons bezaubernder Redekunst zu eigen war. Bei Kley wars der Kathederton der Unterweisung und Belehrung, bei Salomon die frisch und lebhaft erregende Einbilduugskraft, die erwärmend, rührend, begeisterndßdie Sinne und die Herzen der Hörer gefangen nahm. Kley sprach wohl nicht in salbungsvollem Tone, aber doch nach dem Muster protestantischer Geistlicher. Salomon, der zu Anfang seiner Predigerlaufbahn nach dem Vorbilde eines Dräteke seine Reden ausarbeitete, arbeitete an sich und meisterte Gedanken und Formen selbständig so lange, bis er es zu einer Ursprünglichkeit, Eigenart und vollständigen Unabhängigkeit von anderen Meistern der Rhetorik gebracht hat. Diese Originalität schreibt er selber der Vertiefung in die rabbinischen und midraschischen Schriften zu. „Ich habe," sagte er einmal in der Vorrede zu seinem Bande Festrede, „meine Art zu predigen, den Rabbinen abgelernt." Seine Gleichnisse, poetisch Stil- und Redeblüten, in denen Blumen der Agada verflochten sind, fesselten und beeinflußten die Gemüter in erhöhtem Maße. Insofern ist er der erste jüdische Prediger, dem die Herzen der Hörer wie der zahlreichen Leser seiner viel veröffentlichten Reden entgegenschlugen. Mit Recht nannte man ihn den Vater der jüdischen Homiletik in der Neuzeit. Ludwig Philippson schrieb in Nr. 42 „D. A. Z. d. I." zu Salomons 25 jährigem Amtsjubiläum folgendes: „Salomon durchwehte die jüdische Predigt mit freiem Geiste, löste sie von der Nachahmung anderer Glaubensparteien los, machte sie zuerst zu einem eigenen, dem Judentum selbst gehörenden Produkte. Er ward Meister und Lehrer in der deutsch-israelitischen Beredsamkeit nnd wer die von Tag zu Tag sich steigende Vielseitigkeit dieser für unfern Gottesdienst zu ermessen versteht, wird das Verdienst Salomons ganz zu würdigen wissen. Die herrliche deutsche Sprache floß aus der Feder vieler Juden vor ihm in ihrer ganzen Herrlichkeit; aber vom Munde eines Juden als lebendiges Wort war sie bis zu ihm in solcher Kraft, in solchem Glanze, in solcher Wichttgkeit noch nicht vernommen worden. Salomon war der erste, der der deutsch-israelitischen Kanzelberedsamkeit auch bei anderen Glaubensparteien Achtung abzwang — und man weiß, wie schwer dies ist." — Ist Kleys geistvolle Interpretation des Schriftwortes meist ohne poetischen Schwung, so war er als Schöpfer des Tempelgesangbuches doch auch poetisch hoch veranlagt und er sowohl wie seine treue Schülerin Therese Warendorff dichteten zahlreiche Lieder, die heute noch mit Vorliebe gesungen werden.

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