Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 21 (18.10.1918)
- Date
- 1918-10-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die Wahrheit ' «ebaktiv» ««d «dminlstratiou^; Wien, 11., Novoragasse 27 Xtlcpbou: Nedaktio» Slmoutat 48.8t». Hsakhängige Hertfchnft für jüöffche Bez » gSprer »r «an,s«hri».IC M.— Halbs iihrt».K S — (tiratinifuation tlnt. 47J64 Jt. k. iktxr. Postsparkasia- €di«ct.fcDino Rr. 100.918. Interesse«. Für KttltttSbeauite: «H«u|ilbri4.IC 12.— Inserate: - I 3>te viermal «»spalten« «ouparrille-Zeil« Sb Helirr. Erscheint jeden Areitag. Für AttSlaiid: , »boanenirius- und Znsertion»« beirügr sind in Wien zahlbar und klagbar. Hott«: „Du» Siegel Motte» lei Wahrheit!“ Ganziahri».10 M«ct. Kr. S1. Wie«, 18. Oktober 1918. I tt halt: Verfassungsänderung in Oesterreich. — Die ersten Prediger des Tempels. — Ressebrief aus Budapest. — Audienz des Men« Oberrabbiners beim Kaiser. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. i*» 8 Infolge Erkrankung des Druckereipersonals erscheint die Nummer «m einen Tag später. U rrfa ssungs and erun g i« Oesterreich. Der überlange schreckliche Weltkrieg enttäuscht in seinen Ergebnissen alle Kriegsteilnehmer, denn er brachte ihnen keineswegs die erhofften Vorteile, sondern der Schaden überwiegt den etwaigen Kriegsertrag vielfach und unerwünschte und unerwartete Aenderungen und Umwälzungen sind seine Früchte. Am furchtbarsten und durchgreifendsten geschah dies im zaristischen Rußland. Alle im Kriege befindlichen Völker und ganz besonders diejenigen, die bereits mehrere Jahre furchtbar ringen, sind nun kriegsmüde und möchten den Krieg je früher desto lieber beenden, wenn dies ohne katastrophale Schäden möglich wäre. Sie haben eben furchtbar gelitten und wenn es dank seiner allseitigen Ertraglosigkeit der letzte Krieg war, dann ist das viele kostbare Menschenblut nicht vergeblich geflossen. Die allgemeine Friedenssehnsucht zwingt die Machthaber lange schon ihre Raubgelüste zu verschleiern und selbst die unersättlichen Lenker der Geschichte Albions beteuern, nicht Machthunger sei das Motiv ihres Kampfes, sondern nur der Wille, das Selbstbestimmungsrecht aller Nationen der Welt, sowohl der großen als der kleinen, vor Vergewaltigung zu schützen und den Militarismus endgiltig aus der Welt zu schaffen. Leider wollen sie dies aber nur bei den Gegnern durchsetzen, denn in ihrem eigenen Reiche werden Iren und Indier nach wie vor geknebelt und in Griechenland wurde der Hochverräter Veniselos gegen seinen König machtvoll unterstützt. Die Entente hat es im Laufe der Kriegsjahre verstanden, sich derart zu verstärken, daß sie ihren tapferen Gegnern die weitere Lebensmöglichkeit einschnüren kann und so wird und muß endlich ein Verständigungsfriede zustande kommen. Aber die Demokraten aller Nationen werden in ihrem eigenen Interesse scharf darauf achten müffen, daß die angeblichen Beschützer der Weltdemokratie ihr Programm ausführen, auch dann, wenn ihre Habgier hiedurch nicht befriedigt wird. Die maßgebenden Kreise Deutschlands und Oesterreich- Ungarns haben sich. endlich entschlossen, ihre Völker mehr und durchgreifender als früher zur Selbstbestimmung ihrer Geschicke heranzuziehen. Namentlich in Oesterreich, das unter der Regierung Stürgkh drei Jahre lang alle Volksrechte und die Staatsverfassung mit Füßen trat, rafft man sich zu ein«« solchen Systemwechsel auf und Kaffer Karl I. schob in Oesterreich bald nach seinem Regierungsantritte die Beeidigung auf die bestehende Verfassung mit der Begründung auf, daß eine Verfassungsänderung in Oesterreich unauffchiebbar und in Sicht sei. Deutschland und Oesterreich-Ungarn wollen die Wiksonschen Grundsätze als Grundlagen für Verhandlungen üb« den eventuellen Friedensschluß annehmen und im 10. Punkte der Wilsonschen Friedensvoraussetzungen vom 3. Jänner 1948 heißt es: „Den Völkern Oesterreich-Ungarns, d«en Platz unter den Nationen wir geschützt und gesichert zu sehen wünschen, soll die erste Gelegenheit zu autonomer Entwich, lung gewährt werden." Und in seinem 4. Punkte sein« Grundsätze vom 12. Februar 1918 heißt es: „Alle klar umschriebenen nationalen Ansprüche sollen die weitestgehende Befriedigung finden, die ihnen zuteil werden kann, ohne neue Elemente oder die Verewigung alter Elemente von Zwist und Gegnerschaft aufzunehmen, die den Frieden Europas und somit der ganzen Welt wahrscheinlich bald wied« stör« würden." Die nebelhaften Konturen des neuen polnischen Reiches und des südflavischen Staatsgebietes dürften den ReichSdualismus Oesterreich-Ungarn, auf den die Sechen imm« mit begreiflicher Eifersucht und Neid blicken, schwer erschüttern. Oesterreichische Staatsbürger können und dürfen sich daher von einer objekiven Kritik des Dualismus nicht abschrecken lass«, dessen Folgen wir während der schrecklichen Kriegsnot schmerzlich fühlen. Nur widerwillig und unvollkommen kommt der ungarische Bruderstaat seinen Pflichten zu Oesterreich nach und er ist deshalb nicht berechtigt, uns eine durchgreifende Verfassungsreform deswegen verbieten zu wollen, weil « dadurch etwa auch gedrängt würde, in seinem Gebiete ähnliche Maßnahmen durchzuführen.*) Nur durch undemokratische Maßnahmen konnte bisher die Majorität der nichtdeuffchen und nichtmagyarffchen Staatsbürger in beiden Reichshälften verschleiert w«den. Nationale und religiöse Ideale sind aber erfahrungsgemäß ungemein zähe und erwachen nach jahrhundertlanger Unter- *) Durch das mittlerweile erschienene Manifest des Kaisers, das die Umbillmng Oesterreichs zu einem Bundesstaate ankündigt, und durch das offene Bekenntnis .der ungarischen Regierung zur Personalmnon ist das bisherige Gefüge des Dualismus bereits aufgegeben. (Anm. d. Red.)