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Die Wahrheit · 1918-10-04 · Heft 20 (4.10.1918) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1918
Issue
Heft 20 (4.10.1918)
Date
1918-10-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 6. Die Wahrheit Nr. 20. habe sie in Kellern und verfallenen Scheunen Hausen gesehen, mit Weib und Kind auf Gepäckstücken in Bahnhofhallen unzählige Nachtstunden wachen und warten — ich sah sie rastlos denken, sah sie voll innerer Unrast und Sorge, aber sie warteten geduldig, bis der Morgen graute, und bis es wieder Nacht wurde. Ich sah sie am Krankenlager und ich sah sie sterben, lautlos- und geduldig, und ich sah auch ihre Kinder sterben, aber davon kann man nicht reden, ohne daß einem die Tränen über die Wangen laufen. H. Die Kinder standen mir am nächsten und ich ihnen. In ihnen konnte man die ganze große Trauer, das ganze schwere Unglück eines ganzen Volkes erkennen. Ich bekam sie verwahrlost, verelendet am Körper und Geist; krank und verunreinigt am Körper und verkrümmt und verkümmert oft an der Seele. Folgen, unerbittliche, naturnotwendige Folgen von Geburt und Milieu. Eine schlichte und furchtbare klare Interpretation des „zweiten Gebotes." Sie bleiben nicht lange Kinder, altvererbte Not und Verfolgung hat sie frühreif gemacht; ein Siebenjähriger denkt oft erschreckend ernst, oft wie ein Erwachsener des Westens. Sie sind alle „nachdenklich," sie sind nicht harmlos heiter und ftoh, wie es sonst Kinder sind. Sie sind mißtraurisch, sie sind nicht gesprächig und nicht verspielt, und das silberne, Herz und Sinn erfreuende Kinderlachen wird dann und wann durch einen Ausbruch unbegründeter schrankenloser Ausgelassenheit ersetzt. Nachdenkliche Schwermut lastet auf all den Kinderstirnen, Kinderstirnen mit Falten. Wenn man sie jung in die Obsorge bekommt, ganz jung, dann sind sie ein herrliches, außerordentlich bildsames Element. Wenn man als Vater oder Mutter ihnen entgegen kommt, dann geben sie Liebe und Dankbarkeit in überreichem Maße, dann bleiben sie, dann werden sie Kinder. Es gibt keine schönere Aufgabe, keinen erquickenderen Quell reiner Freuden, als die Fürsorge, die wirkliche Fürsorge über diese Kinder des Ostens. Wer da muß man unter ihnen, mit ihnen leben. Sie lernen alles, leicht und rasch, und lernen jede Arbeit, auch die schwerste üben und lieben. Dem Rattenfänger von Hameln könnte seine Arbeit nirgends leichter sein als bei diesen Kindern, wenn er die richtige Melodie findet, um ihre armen, großen Herzen zu gewinnen. Weit schwieriger als die Gesundung von Geist und Seele, erweist sich die Gesundung von den Krankheiten des Körpers. Vererbte Krankheiten, Lurch die Unbilden der Flucht und allgemeine Kriegsnot verstärk, trotzen oft lange der größten Liebe und sorgsamsten Pflege, und oft ist alle ärztliche Kunst vergeblich, und sie gehen heim in das dunkle, unbekannte Land, in welches ihre Eltern ihnen vorangezogen waren. Sie sterben, wie eben kleine Helden sterben, und es ist so grauenhaft, wie sie ihren Tod vorausahnen, wie sie oft aus den Spitälern rührende Briefe schreiben und bitten, man möge sie aus der ftemden Umgebung herausnehmen und in das Heim, ihr Heim, ihre neue Heimat zurückbringen. Sie wollen unter den ihrigen, von Liebe umgeben sterben. Diese Kleinen 'haben solch eine Sehnsucht, solch einen unstillbaren Durst nach Liebe. Sie sind ja alle schon im Leben gestoßen und schlecht behandelt worden, am Spielplatz, in der Schule, unter den Menschen. Der größte Teil der Kinder aber gesundet glücklicher Weise und ftohe Hoffnung zieht einem ins Gemüt, aus den kleinen Knaben und MArchen werden einmal gute und gesunde Männer und Frauen werden. m. Die Jugend, die Kinder, das sind die Zukunft eines jeden Volles. Und wie die Fürsorge über die Kinder, insbesondere über jene jetzt in so großer Zahl vorhandenen geübt wird, die des Schutzes, ihrer natürlichen Ettern entbehren müssen, so wird einmal das Schicksal des betreffenden Volles sich wenden. In den Kindem liegt der Wunderschlüffel der Zukunft der Nattonen. Und der wichtigste Wiederaufbau nach dem Kriege wird und muß der Wiederaufbau des Nachwuchses werden.; Es ist merkwürdig, wie gerade für diese wichtigste Frage die Politiker des Tages oft so wenig Verständnis zeigen, zum mindesten für deren praktische Bearbeitung so wenig übrig haben. Kinderfürsorge, Wiederaufbau des Volles, heute ein Gebiet für ein paar Frauen und Männer, die innerer Drang zur Arbeit führt, und für ein paar mehr^ oder minder geeignete Beamte, welchen diese Arbeit Benrf und Brot ist. Nirgends, ein großzügiges System, dann und wann hervorragende Einzelleistungen. Soll die Zukunft dieser Ostkinder ungewiß, unsicher, und ttostlos bleiben? Schon herrscht Zersplitterung und Eigenbrödelei, schon glaubt man wieder mit ein bißchen Geld Pflichten an die Gesellschaft, an sein eigen Volk abzulösen. Schon verfällt diese ungeheure Aktion in das alte, schon zu normalen Zeiten unerträgliche Joch protziger Tempelspenden und ödester Vereinsmeierei, und Hunderte Frauen der intelligenten Kreise, welche keine eigenen Kinder besitzen und ihre- Mütterlichkeii verweisten Kindern zu widmen hätten, bleiben abseits und gedenken ihr egoistisches Eigenleben fortzusetzen, während die Gasse vor allem nicht nach Geld, sondern nach Arbeiterinnen schreit, denn Mutterliebe nnd Mutterpflichten sind schwer durch bezahtte Kräfte, welchen die Arbeit erst Brot und dann Beruf ist, zu ersetzen. Schon bginnt in Galizien wieder das „Kostkindersystem", das schon zu Friedenszeiten unter dem heuchlerischen Schlagworte, daß die Kinder möglichst in der Familie aufgezogen werden müßten, entsetzliche Schäden verursachte. Und in den Kämpfen der oft so hohlen und niedrigen Politik des Tages, vergessen berufene Vertreter oft bei der Regierung, die natürlich auch vergißt, unaufhörliche Mahner zu bleiben, daß sie in diesem Teile des Wiederaufbaues bei allen Völkern des Staates gleichmäßig fortwährend reichliche Hilfe leiste. Aber ohne werktättge Mitarbeii von Männern und Frauen, denen Wohltun Bedürfnis nicht Sport ist, und deren schönste Tugend Unermüdlichkett und Ausdauer ist, wird es nicht gehen. Und wenn bei irgend einer Aktion Geld nicht' nur nicht alles, sondern vielmehr das Geringste ist, so ist dies bei der wahren Fürsorge für die Kinder der.Fall. Wenn nach einer Schätzung, man kann ja heute nur von Schätzungen sprechen, zirka 40.000 Ostkinder der Fürsorge bedürftig wären, dann müßten 200 Kinderheime für je 200 Kinder geschaffen werden, und an die Spitze dieser Heime müßten eben so viele möglichst unabhängige kinderlose Frauen, welche die Eignung hiefür besitzen, als Leiterinnen treten, als Mütter für arme Kinder, da sie selbst eigene nicht besitzen. Eine derartige Aktton in einem solchen Umfange wäre eine wirkliche Aktton, einewirkliche Rettung. Und 40.000 zu guten, aufrechten Menschen herangezogene Kinder sind wohl in der Entwicklung eines ganzen Volkes ein nicht unbedeutender, ja ein maßgebender' Faktor. Langes Zögern und Ueberlegen, Sitzungen und Konferenzen statt werktättgen Schaffens, bedeuten furchtbare Schäden. Die hiefür überreichlich bemessene Zeit ist längst vorüber. Hier zählt nur die Tat. Und jeder verlorene Tag. bedeutet verlorenes Leben. Hier darf nicht gewartet werden, auch nicht auf das Kttegsende, denn ein Frieden mit tausenden unversorgten Kindern ist kein Frieden. Wenn aber die Tat geschieht und gelingt, dann ist es eine wohre Tat, die um mit Leflings Worten zu sprechen, dahin zielt und auch erreicht: Vieles, was man gemeiniglich gute Taten zu nennen pflegt, entbehrlich zu machen. Die neue Generatton aber, die dann einmal herangewachsen sein wird, die wird nicht wieder ein Menschenalter lang durch die Wüste des Lebens ziehen müssen in fortwährender Wanderung, sie wird einmal herangewachsev körperlich und sittlich rein und reif geworden sein, einzuziehen in das uralte Land, in das Land der Sehnsüchte und Träume, in Erez Jisrael.

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