Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 20 (4.10.1918)
- Date
- 1918-10-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 5 Nr. 20. _Die Wahrheit Die Aufgabe« der jüdische«, Jugend. Mn Gespräch mit Dr. Alfred Stern, Präsidenten der Wiener israelitischen Kultusgemeinde*). Herr Dr. Alfred Stern hatte die Freundlichkeit, dem Schriftleiter der „Blätter aus der jüdischen Jugendbewegung-, Robert E. Weiß, folgende Mitteilungen zu machen: „Was soll die jüdische Jugend tun, um wahrhaft jüdisch zu werden?" Um jüdisch zu werden, soll sich die Jugend in den Geist des Judentums versenken, sie soll die Bibel in der Ursprache lesen und in ihrem Geiste leben, sie soll die Feste unserer Religion feiern und die jüdischen Sitten und Gebräuche pflegen. Das was die Juden als kostbares Gut in die Welt mitgenommen haben, das ist unsere Religion. Sie sei uns alles, denn in ihr ist unsere Nationalität, unser Volkstum inbegriffen. Ich verstehe unter Religion nicht die strenge Orthodoxie, denn wir leben nicht mehr in der Zeit des Ghettos, aber mit der jüdischen Ethik, mit jüdischen Sitten und Gebräuchen, mit der hebräischen Sprache soll die jüdische Jugend voll und ganz vertraut sein. Die Religiosität verbleibt jedoch nicht im Innenleben des Menschen, sie dringt nach außen, sie will bezeugt werden. Und dazu sollen der Jugend unsere Gottesdienste, unsere jüdischen Feste und Gebräuche dienen. Sehen Sie, es ergriff mich eine unbeschreibliche Bewegung, als ich einmal am Schluffe des Gottesdienstes einen ganz alten Mann mit einem Kinde vortreten und das Kaddischgebet verrichten sah. Der Greis betete nach seinem Sohne und das Kind nach seinem Vater. Beide empfanden dasselbe jüdische Gefühl. Glauben Sie mir, im jüdischen Leben finden Sie den besten Trost gegen antisemitische Angriffe. „Wie denken Sie, Herr Präsident, über die jüdischen Jugendvereine?" Jede Vereinigung von jungen Juden ist zu fördern, solange sie nicht religionsfeindliche oder gar bis an die äußerste Grenze gehende assimilatorische Tendenzen hat. Das Leben in der Vereinigung läßt jenen Kitt entstehen, der zum Zusammenhalten gegen Angriffe von außen unbedingt notwendig ist. Geistige Gemeinsamkeiten entstehen und im Gespräch fliegt ein Geistesfunke auf, der in den Gemütern zündend und folgenreich wirkt. „Welche Stellung soll die jüdische Jugend dem Palästinagedanken gegenüber einnehmen?" Es ist sehr zu wünschen, daß sich die jüdische Jugend mit dem Gedanken der Gründung eines jüdischen Kultuszentrums in Palästina beschäftigt. Vor Jahren war ich ein Gegner des Zionismus, denn damals hielt ich den Zionismus für eine Utopie, welcher man das durch mühsame Kämpfe Errungene nicht opfern dürfe. Heute jedoch steht die Sache anders, heute ist die Aussicht auf die Besiedlung Palästinas in die Nähe gerückt und es ist nicht unwahrscheinlich, daß Dort ein jüdisches Kulturzentrum geschaffen werden wird Wir müssen trachten, am Aufbau dieses Zentrums jüdischer Kultur mitzuwirken und daher ist es sehr zu begrüßen, wenn sich die jüdische Jugend mit dem Palästinagedanken befaßt. Ich war nie ein Gegner des zionistischen Gedankens. Was mich aber besonders in der ersten Epoche gegen sein. Verbreiter aufzutreten veranlaßte, war jener Umstand, daß sie alles Bestehende für völlig wertlos erachteten. Wenn jemand, so wie ich, in den traurigsten Zeiten jüdischer Not - anfetzogen worden ist, wenn jemand, so wie ich, am Peter noch das „Judenamt" sah, weiters eine Austreibung der Juden miterlebte, dann betrachtet man die gegenwärtige bürgerliche und politische Stellung der Juden in Oesterreich mit ganz, anderen Augen. Wir haben zwar wenig, aber doch -etwas erreicht und dies müssen wir. unter allen Umständen .aufrechterhalten. *) Aus Nr. 9 der „Blätter aus der jüdischen Jugendbewegung", Verlag R. Löwit, Wien. „Wie denken Sie, Herr Präsident, über die Judenhetze in der Schule von Seite der antisemischen Profefforen und Mitschüler?" Wenn mir ein solcher Fall berichtet wird, suche ich immer bei den zuständigen Behörden ein Einschreiten zu veranlassen. Solche Verstöße dürfen auf keinen Fall geduldet werden. „Was hallen Sie, Herr Präsident, vom Gedanken einer jüdischen Mittelschule?" Ob sich vielleicht einmal die Notwendigkeit der Errichtung eines jüdischen Gymnasiums in Wien ergeben werde, wollen lvir der Zukunft überlaffen. Wir benöttgen jedoch hie- . zu die nötige Anzahl von Schülern und vor allem dierichtige Auswahl von Professoren aller Fächer. Vorläufig ist das Wichttgste die Heranbildung tüchtiger Religionslehrer. Ich gedenke der Frage der Verbesserung des Religionsunterrichtes, insbesondere der Volksschule, zunächst her Ausgestaltung der Talmud Thoraschulen meine besondere Aufmerksamkeit zu schenken und hoffe, jederzeit fähige Lehrkräfte für sie zu finden. Wenn die jüdische Jugend die Unterstützung der Kultusgemeinde benötigt, wird sie sie immer finden. Was in meiner Macht liegt, will ich gerne für sie tun. Grüßen Sie mir die jüdische Jugend. Indische Kinder aus dem Osten.*) Bon Dr. Rudolf Ritter von Schwarz-Hiller, Gemeinderat der Stadt Wien und Leiter der Zentralsteste der Fürsorge für Kriegsflüchtlinge. Wien, am Abend des 16. September 1918. . . . denn Ich, der Ewige, dein Gott, bin ein eifriger Gott, ahndend die Schuld der Väter an Kindern, am dritten und am vierten Geschlechts, denen, die mich hassen . . (2. Mos. 29.5.) I. Im Laufe von mehr als vier Jahren sind sie zu Tausenden an mir vorübergezogen. Greise, Männer, Jünglinge und Knaben, Frauen und Mädchen. Ein ganzes Volk schien auf eiliger Wanderschaft zu sein. — Das war wieder einmal in ihrer Geschichte die Flucht; die Flucht mit all ihren Schreckniffen und Häßlichkeiten: die Flucht als notwendige neuerliche Wiederholung unzähliger und unvergessener Vorereigniffe. Und wenn ich in tiefdurchfurchte, wildumbartete Männerantlitze oder in große ttaurige Kinderaugen blickte, ich konnte das wunderbare Empfinden nicht unterdrücken, als hätten sie all das Grauen, all die Wirrnis erwartet, als hätten sie damit gerechnet, daß das Furchtbare wieder einmal eintreten müsse: heute, morgen, einmal, aber sicher und unvermeidlich. Ich habe niemals noch Menschen gleich ihnen dulden gesehen, in stummer Energie, in lautloser Ergebung, ohne Klagen dulden. Auch sie haben getobt und geweint, geschluchzt und gebeten, gedrängt und gestoßen, wenn sie etwas zu erreichen versuchten, wenn sie menschlichem Willen, menschlicher Laune etwau abtrotzen wollten. Dem Unmöglichen, Unabwendbaren gegenüber haben sie aber Helden gleich geduldet — ohne Klage — resigniert oder man möchte fast wieder sagen wie einst — gottergeben. Und sie hatten viel zu dulden in der Fremde, wohin der Krieg sie hinaustrieb, so wie sie vorher geduldet hatten irr dem Lande, das sie Heimat nannten und als Heimat liebten. Aus dieser Verweigerung der Menschenliebe kann aber keine blaue Blume der Ethik sprießen; der Vorwurf und die Verantwortung für die oft verkümmerte Seele trifft nicht jene, die an ihr leiden. — Sie litten an dieser kranken Seele, sie litten aber auch am Körper. Sie haben tagelang gehungert und gedurstet, sie sind Meilen gewandert, in Wind und Wetter, bei Tag und Nacht, bis die Knie wantten. Ich habe sie eingesperrt gesehen in Eisenbahnwagen gleich wilden Tieren, ich *) „Wr. Sonn- und Montags-Zeitung vom 23. September 1918, Nr. 38.