Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 20 (4.10.1918)
- Date
- 1918-10-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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©dt« 4. Nr. 20. Die Wahrheit Diesen Geist solle» wir pflegen, wenn wir unsere Enütät echalteu wollen, wenn wir keinen nationalen Selbstmord begehen oder zur Karrikatur werden wollen. Wir sollen unsere eigene Kost genießen: unsere Sprache, unsere Literatur und unsere Gefühle pflegen — und wie der homerische Held, drr lieber auf Erden der ärmste Knecht als König int Hades sein wollte, so sollen wir lieber in Not in unserm Elemente als im Glück in der „Fremde" ein würde- und schattenloses Dasein fristen. Wir sollen der Tat des edlen Rabbi Jochanan den Sakkai eingedenk sein und seinem lehrreichen Beispiele folgen. N. Lothringer. Die ersten Prediger des Tempels. Zur Hundertjahrfeier des Hamburger Tempels von Rabbiner Dr. D. Leimdörfer. Am 18. Oktober, dem historischen Denktag der Völkerschlacht bei Leipzig, ist vor 100 Jahren der erste Hamburger Tempel seiner Bestimmung übergeben worden. Das vielgepriesene, mehr noch verlästerte Gotteshaus rief die größte UmwAzung des öffentlichen Kultus der Israeliten Deutschlands später auch Oesterreich-Ungarns und vieler anderer Staaten beider Hemisphären hervor. Die Schöpfer der Tempels hatten lediglich ideale, tief religiöse Ziele im Auge. Die Nachmendelsohnsche Zeit stellte als wichtiges Erfordernis der Neuzeit einen geordneten weihe- und würdevollen Gottesdienst hin. Die in deutscher Sprache und Wissenschaft geschulten und gebildeten Geschlechter vermochten nicht mehr sich an den in den meisten Synagogen üblichen Formen und Weisen der herkömmlichen Andachten zu erheben, es war ihnen das Verständnis und die Kenntnis der heiligen Sprache, der Bibel im Urtexte, der hebräischen Gebete, ihres Vortrags, ihrer Sang- und Klangart, ihrer Rezitation und vor allem das Interesse abhanden gekommen, ohne welches eine Erbauung im Gotteshause unmöglich ist. Der tiefe, Geist und Herz veredelnde Gehalt der jüdischer: Gotteslehre, verkündet in einer der Jugend unverständlichen Sprache und Vortragsweise, drang nicht in die Seelen ein, um das Interesse, für das heiüge Erbgut der Gemeinde Jakobs zu heben nnd zu beleben. Die Folge davon mußten sein: Entfremdung vom Elternideal, Erhaltung des religiösen Sinnes, Gleichgiltigkeit gegen alles religiöse Leben und Streben, moralische Verwahrlosung und Verfall, der allmählig zum Abfall führt. Dü Gründer der Tempels, begeisterte Anhänger des Judentums, ernst besorgt um die Zukunft der neuen Geschlechter, tief bekümmert um die Forterhaltung des uralten Väterglaubens in ihren Kindern und Kindeskindern, legten sich bk Frage vor: „Was soll geschehen, muß geschehen, um unser uraltes Judentum lebensfrisch, gegenwarts- und zukunftskräftig der neuen Generation zu sichern, dermaßen, daß dieses jüdische Fundament des sittlichen Weltbestandes ihr nicht verloren gehe? Die Antwort auf diese Frage war dir Gründung des Tempels. In neuer Gestalt, der Kultur, dee Wissenschaft und dem Zeitbewußtsein entsprechend muß die sichre Moses, für die Jahrtausende die Väter und Mütter gerungen, gelitten und die schwersten Opfer gebracht hatten, die Gemüter entflammen und die Jugend mü Begeisterung «Allen. Das Mittel hierzu sei die Erbauungsstätte, aus der wie einst „von Zion die Gotteslehre ausgehe und das Gotteswort von Jerusalem." An der Spitze dieser neuen Epoche standen zwei Theologen glänzenden Namens: Dr. Eduard Israel Kley und Dr. Gottlieb S a l o m o n. Schreiber dieser Skizze beabßichügt zu des Tempels Festesfeier eine Schrift herauszugeben, die süßer wichtigen Aussätzen und archioalischen Dokumenten zur Geschichte einen Abschnitt über die Prediger des Tempels enthalten soll. Hür möge dem Wunsche der Schristleitung dieses Blattes entsprechend, nur ein kurzer Abriß des Wirkens der «rfte» zwei Prediger gegeben werden, von denen die grundlegende Organisation der Bet- und Redestätte ausgkAang«r und die die geistigen Urheber und wirksamsten Förderer dieses neuzeitlichen ZUrltus- und Kulturheims gewesen sind. Leopold Zunz und Abraham Geiger, die Bahnbrecher der Wissenschaft des Judentums im vorigen Jahrhundert, haben in ihren Schriften die Arbeiten und Verdienste Kleys und Salomons des öfter» gewürdigt, aber auch der religiöskonseroattve Salomo Jehuda Rappaport konnte nicht umhin, in seinen hebräischen Briefen Igrot ha SIR besonders Salomon als hervorragenden Homiletiker zu verherrlichen. Der 1817 zum Direktor der israelitischen Freischule von Berlin nach Hamburg berufene Eduard Kley, geb. 10. Juni 1789 in Bemstadt, Schlesien, war 22 Jahre lang Prediger am Tempel, legte dann sein Amt freiwillig nieder und starb 4. Oktober 1867. Gotthold Salomon, geboren 1. November 1784, kam von der Franzschule in Dessau, wo er. als Lehrer ^gewirkt hatte, 1818 nach Hamburg, wirkte 39 Jahre als Geistlicher des Tempels und starb 17. November 1862. Es dünkt mir wie ein Fingerzeig der Vorsehung, daß zwei Schulmeister fast zu gleicher Zeit zum Predigtamte hierselbst gelangten. Das abgebrauchte Wort: „wer die Schule hat, hat die Zukunft" und der vielfach angewandte Volksspruch vom „deutschen Schulmeister, der die Schlacht gewonnen" dürften auch da, wo es sich um die Pflegestätte religiöser Andacht handelt, in deren Mittelpunkt das Lehramt oder die Kanzel steht, angeführt werden! Wie beim Sonnenaufgang der jüdischen Geschichte — nach dem Midrasch Jalkut — der tteubewußte Leiter einer kleinen Herde zum Hirten Israels erwählt worden ist — Moses — wie beim Niedergange der Davidschen Dynastie Hillel und nach dem Untergange desselben Ben Sakkai Schulen gegründet hatten, dort Bet-Hillel, das Lehrhaus Hillels, hier Jabne, aus denen die Erhaltung des Judentums sich herleitet und die Meister und Lehrer der Schulen musterhafte religiöse Wortführer für ganz Israel geworden, so sind berufliche Pädagogen, Kindererzieher, Lehrer der Kleinen von israelitische Stiftungsschulen zu Volkslehrern und jüdischen Gemeindehäuptern erkoren worden. Die kleine Herde der Schüler zu lenken, galt ihnen als Vorstufe für das Seelenhirtenamt in der Gemeinde der Großen, für welches sie sich freilich schon früher nach dem Vorbilde nichtjüdischer Wegweiser der Kanzelrede in einem jüdischen Privattempel Bet-Jakob — gegründet von Israel Jacobsohn in Berlin — erfolgreich vorbereitet hatten. Der Hamburger Tempel fand seine erste Gemeinde in der Schule und seine ersten geistigen Führer wieder in der Schule — und was diese Beiden wollten, dachten, schrieben und sprachen, das machte — Schule. Schule machen heißt vorbildlich wirken, heißt Gleichstrebende zur Nacheiferung veranlassen, ihren Ideen zum j Durchbruch verhelfen und auf die Neugestaltung der Jnsti-! tuttonen in Beziehung auf die Welt des Geistes und des! religiös-ethischen Willens ausschlaggebenden Einfluß üben, j Beide, Kley wie Salomon, hatten ein Ziel: Die Erhaltung des posittven Judentums, die Belebung jüdischen Selbstbewußt-. seins, die Ausbreitung der mosaischen, prophetischen Ideen, insbesondere der Ethik des Judentums in der Gesamtjudenheit, wie außerhalb desselben in aller Welt, in der sie Achtung und Anerkennung der Lehren der jüdischen Religion erstrebten. Die Mittel und Wege dazu sollte der Tempel weisen durch seine würde- und weihevolle Andacht und durch das klar, rein und schön zu Gehör gebrachte Gotteswort. Der Tempel bahnte ferner die Pfade für Verbindung des Judentums mit dem Deutschtum insofern, daß die ewigen Wahrheiten des Judentums, ihr ttefsittlicher Gehatt Festigung finde durch die in die Erscheinung tretende gefällige Gestalt, die heilige Urne itt ästhetischer Form sollte das Uralte stets neu, erhaben, vornehm und damit zum Eigentum und würdig zum Besitz des von den Anherrn Vererbten machen in den Herzen einer deutschdenkenden, deutschempfindenden und deutschsprechenden in Schule und Leben zu deutschen Bürgen erzogenen Generation im Skttne Gabriel Rießers, dessen Zeitschrift „der Jude," dessen Parlamentsreden, dessen Wirken als Rechtsanwalt und auch als Vorsteher des Tempels der innigen Verbindung von Judentum und Deutschtum das Wort geredet hat. (Schluß folgt)