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Die Wahrheit · 1918-10-04 · Heft 20 (4.10.1918) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1918
Issue
Heft 20 (4.10.1918)
Date
1918-10-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Ich will über den Geist von Rabbi Jochanan ben Sakkai reden; nicht von seinen Taten als Rabbiner, Organisator oder Gottesmann, sondern als Humanist, das ist ein Mensch, dessen höchstes Ideal die Verbreitung von Bildung und Wissenschaft unter dem Volke ist und der glaubt, daß nur das Wissen ein Volk erhalten und auf eine hohe politische Stufe bringen kann. Die Römer sind wie die wilden Tiere ins jüdische Land eingedrungen und obgleich die jüdischen Helden sich auf eine Weise gewehrt haben, daß alle Geschichtsschreiber zugeben, daß ein derartiger Verteidigungskampf einzig und allein dasteht in der Weltgeschichte, haben die Römer doch den Tempel zerstört und den jüdischen Staat aufgelöst. Rabbi Jochanan ben Sakkai dachte nicht daran, die goldenen Gefäße oder die Juwelen des Uriva wetmnim zu retten, sondern er rettete ein .Buch, die Tora, die Quelle des Wissens. Er sammelte kein Heer, machte keinen Aufstand, sondern gründete eine Schule in Jabneh, aus der weise Männer hervorgingen, welche Bildung und Wisien unter den Juden verbreiteten. Diese Intelligenz hat uns bis heute erhalten. Ist unsere Existenz nicht ein Wunder? Jst's nicht ein Wunder, daß wir aus Feuer und Wasser, einem Meer von Haß und Feindschaft heute noch lebendig da sind, als Volk mit völkischen Gefühlen? Wo sind die stolzen, ritterlichen Römer, die kunstreichen Griechen, Assyrer, Babylonier, Chaldäer, und alle unsere einstigen mächtigen Feinde? Eingesargt sind sie im Massengrab der Weltgeschichte. Aber das jüdische Volk lebt und hegt daseins- und zukunftsgläubig das höchste und schönste Ideal eines gesunden Volkes: Die nationale und politische Selbständigkeit. Wahrlich, die Existenz des jüdischen Volkes ist ein Wunder und ein Problem der Weltgeschichte. Wir sehen, daß alle historischen Erscheinungen, die man bis jetzt hat beachten können, nur ihrer Zeit angehören; sie treten durch das Zusammenwirken verschiedener Umstände ins Dasein und verschwinden früher oder später, der Macht anderer Umstände unterliegend. Nur eine Tatsache erhebt sich als alleinige Ausnahme von dieser allgemeinen Regel und will sich nicht diesem historischen Gesetze unterordnen. Diese bestimmte und deutlich hervortretende Tatsache einer unerschütterlichen Fortdauer inmitten so großen Wechsels von Ereignissen, Völkern und Reichen ragt hoch über die gewöhenlichen geschichtliche Phänome hinaus und nimmt den Charakter eines höheren Gesetzes an, eines Prinzips,, welches sich auf die ihm innewohnende rege Kraft stützt und zu einem festen Ziele emporstrebt. Welche find die Ideen, die es vertritt, und welches das Ziel, zu dem es hinstrebt? Die Ideen, zu deren Träger und Verkünder Israel berufen ward, sind einfach, wie alle wahrhaft großen und bleibenden Ideen und kaffen sich auf die drei folgende zurückführen: 1. Gott, 2. das Gesetz, 3. die Gesellschaft. Diese hohen und hehren Ideen wollten Rabbi Jochanan ben Sakkai retten. Alle lebendigen Geschöpfe bedürfen bekanntlich zu ihrem Gedeihen und Sein der Nahrung. Das gilt auch von der Seele. So gut wie ein Körper zugrunde geht, falls er der Nahrung entbehrt, verkümmert auch die Seele, der es an Nahrung gebricht. Nicht jnur das Individuum, sondern auch die Gesellschaft z. B. ein Volk. Die Ernährungsmittel des Körpers sind gewiffe Stoffe und die der Seele Ideen, Gedanken, Gefühle. Es sind aber verschiedenartige Nahrungsmittel vorhanden. Nicht alle Geschöpfe können sich von ein und demselben Stoffe ernähren. Jedes Geschöpf kann nur gedeihen von den ihm zuträglichen Stoffen. Es geht zugrunde, wenn man ihm eine seinem Wesen nicht entsprechende Nahrung zuführt. Sv geschieht es auch in Bezug auf die Seele. Maimonides nennt es „mason hanefesch.“ Jeder Geist hat seine Neigung zu einer gewissen Geisteskost. Man nennt es Talent zu einem gewissen Fache: der Eine zur Mathematik, der Andere zur Musik, der Dritte zur Poesie u. s. w. Die Pädagogen ermahnen die Eltern, daß sie ihre Kinder nur jenes Fach lernen lassen, zu dem sie Hinneigen, mit andern Worten: jene Kost geben, die der Seele zuträglich ist, sonst wird aus dem Kinde eine Karrikatur. Jeder will und muß i n und von seinem Elemente leben. Das nämliche Gesetz gilt auch bei Völkern. Jedes Volk bedarf der Nahrung: der Ideen, Gedanken, Gefühle, die in seiner Entität liegt, mit andern Worten: seiner Sprache, Literatur, Erinnerungen u. dgl. Sobald man ein Volk zwingt, sich von ftemden Stoffen zu nähren, eine ftemde Sprache zu sprechen, ftemde Sitten zu üben, ftemde Literaturen zu pflegen, ftemde Gefühle zu hegen, so stirbt es ab oder nimmt mimetische Formen an, wodurch es zur Karrikatur wird. Das hat eben Rabbi Jochanan ben Sakkai klugerweise verhüten wollen, indem er in der größten Not des Volkes für dessen geistige, ihm eigene Kost sorgte, damtt es nicht in Mimikn) verfalle.

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