Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 19 (20.9.1918)
- Date
- 1918-09-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19. Die Wahrheit Seite 5 nicht, was sie fordern sollen? Fürchten sie es nicht, in dieser furchtbaren Zeit solche Spässe aufzuführen. Ein gerechtes -Steuersystem vorzuschlagen, kann doch für einen treuen Volksvertreter nicht schwer sein! Je größer der Besitz eines Staatsbürgers ist, desto mehr Ansprüche macht er ganz besonders in Kriegszeiten auf den staatlichen Schutz desselben und desto höher steigt deshalb auch seine zu leistende Abgabenpflicht für den Staat. Niemand kann es daher ohne empörten Widerspruch als gerecht und klug annehmen, wenn heute nur die Kohlen- und Zuckersteuer erhöht, der Brotpreis mehr als verdoppelt wird, ohne die Volksvertretung darüber zu befragen, aber von einer ausgiebigen Vermögensabgabe, von großen Kriegsgewinn- und Vermögenzuwachssteuern, von Luxus- und unbegrenzt nach oben verhältnismäßig zunehmenden Einkommensteuern noch immer keine Rede ist. Ein Staatsgebäude, das die Lasten an Gut und Blut vorzugsweise auf die Schultern der besitzlosen Arbeiter wälzt, die Vorteile einer -Organisation aber nur besitzenden Volksklassen zuschiebt, ruht auf wankenden Grundlagen! Regierungsmänner und Volksvertreter, welche sich mit dieser Binsenwahrheit nicht befreunden wollen oder können, taugen nicht, denn sie verstehen nicht einmal die primitivsten Zeichen und Forderungen der Zeit! Es ist nicht nötig und gefährdet den inneren und äußeren Frieden, wenn man so ängstlich davor zurückschreckt, die heiligen Besitzrechte der Reichen zugunsten der Gemeinsamkeit etwas entschiedener als bisher anzutasten, während man den schwerbelasteten die entschiedene Majorität bildenden arbeitenden Volksschichten dazu verdammen will, dieses gewalttätige, ungleiche und ungerechte Steuersystem noch auf die Dauer zu setzen. Demokratisierung aller Bürgerrechte und Pflichten lautet die unausweichbare Forderung der Zeit! Mt einem gerechten -Steuersysteme mnß diese Zeitreform beginnen und mit dem -gleichen, allgemeinen Wahlrechte für alle Arten von Volksvertretungen muß sie enden, soll der massenhaft angehäufte .gefährliche Zündstoff zugunsten des allgemeinen Friedens wieder weggeräumt werden. Aufrechte jüdische Staatsbürger, die ihrer Religionsgenossenschaft und dem Vaterlande die '.Treue bewahrt haben, können nur einem solchen Steuersysteme Lustimmen. R. L. Die jüdische Schule. Sowohl bei uns als auch in Deutschland ist in letzter Zeit sehr viel über die Taufseuche und über die Mttel zur Eindämmung derselben besprochen und geschrieben worden. Ms eines der wirksamsten Gegenmittel muß unbedingt die -Gründung jüdischer Schulen angesehen werden und darum wollen wir die beachtenswerten Ausführungen, die Herr Lehrer M. Steinhardt-Magdeburg diesem Kapitel im .„Hamb. Jsr. Familienblatt" widmet, im Nachfolgenden auszugsweise wiedergeben: Im raschen Fluge der Zeit ist bereits ein halbes Jahrzehnt verstrichen, seitdem zwischen dem Deutsch-Jsraelittschen Gemeindebünde oder richtiger gesagt, zwischen den liberalen Führern der Berliner Judenheit und der Lehrerschaft ein heftiger Streit ausgebrochen war, bei dem es sich um die wichtigste Frage handette, die es bei jeder Volks- oder religiösen Gemeinschaft gibt: Um die Schule! Der Strest Ist damals nicht zu Ende geführt, er ist vielmehr vertagt worden. Ich muß es mir heute versagen, auf die mancherlei häßlichen Episoden, die sich damals in dem Kampfe gegen -uns Lehrer und gegen mich persönlich abgespielt haben, zurückzukommen. Es hindern daran die ZeitverhäÜnisse, und es hindert besonders der Umstand, daß mehrere der lautesten gegnerischen Rufer im Streite inzwischen die Augen zum ewigen Schlafe geschloffen haben. Was damals allgemein besonders auffiel, war die betrübende Tatsache, daß in einer für das religiöse Leben so -eminent wichtigen Frage der Rabbinerstand so vollständig Versagt hat, daß er vielmehr, wie auf Verabredung, sich einer außergewöhnlichen Zurückhaltung befleißigte. Ja, einige Rabbiner traten offen als Gegner der jüdischen Schule auf, und einer der Hauptwortführer des Rabbinerverbandes machte auf dem Gemeindetage uns noch obendrein den Vorwurf, daß wir eine solche Parteiftage überhaupt vor den Gemeindebund gebracht hatten. Als ob die Erhaltung der jüdischen Schule eine Parteiftage wäre, als ob nicht vielmehr alle Parteien, denen es ernst um die Erhaltung des Judentums ist, an dieser Frage das lebhafteste Interesse haben müßten! Fünf Jahre haben genügt, um die Frage der jüdischen Schule allgemein ganz anders beurteilt zu sehen. Sie hat schon längere Zeit, wenn man von dem jugendlichen Schriftsteller Dr. Emil Schweizer in Breslau absieht, der nun durchaus Zionismus und jüdische Schule mit einander zu identtfizieren sich bemüht und in dem Kampfe gegen die jüdische Schule den Zionismus treffen zu können glaubt, überhaupt keinen publizistischen Gegner mehr gefunden. Wohl aber mehren sich erfteulicherweise gerade aus dem entschieden liberalen Lager die Stimmen, die mit denkbar größtem Nachdruck für die Erhaltung und Neugründung Mischer Schulen aller Schulgattungen, also nicht nur der Volksschulen, eintreten. Zuerst trat in der Leitung des Deutsch-Jsraelittschen Gemeindebundes selbst eine Wandlung hervor, indem sie bereits im April 1915 — also nur 1 x/4 Jahre nach dem in dieser Hinsicht in wenig gutem Andenken stehenden Gemeindetage vom Dezember 1913 — in einem Rundschreiben „von der großen Bedeutung der jüdischen Volksschule für das jüdische Leben innerhalb der Gemeinden" sprach. Sodann verdienen einzelne Stimmen von bekannten führenden Persönlichkeiten innerhalb der liberalen Judenheit besonders gewürdigt zu werden. Herr Rabbiner Dr. Ziegler- Karlsbad, den man wohl, ohne ihm zu nahe zu treten, als einen Vertreter der radikaleren Richtung im Judentum bezeichnen kann, hat kürzlich eine Broschüre erscheinen lassen: „Wie erziehen wir unsere Kinder zum Judentum?" (vergl. Nummer 34 des Israelitischen Familienblattes, Beilage für Jüdische Geschichte und Literatur). In dieser heißt es: „Die große Wandlung im Leben des Kindes tritt ein: es kommt in die Schul e. Nun teilen sich in das Werk der Erziehung Eltern und Lehrer. Bald überragt der Einfluß des Lehrers den der Ettern. Jedes Kind schwärmt für seinen Lehrer, wenn er Verständnis und Güte für die zarte Pflanze hat; die Worte des Lehrers werden dem Kinde zum Orakel, ist doch Autorität das tiefe Bedürfnis der erwachenden Seele. Einst war die Schule für das jüdische Kind die glatte Fortsetzung des Etternhauses. Der jüdische Geist bewegte sich in der Schule in den alten Bahnen. Heute wird der geringe Rest jüdischen Geistes, der noch in der Familie geblieben ist, durch die Schule verjagt. Die christliche Schule nimmt das Kind auf, — auch die Simultanschule, unsere Gemeindeschule, ist christlich, — christliche Lehrer erziehen das ttndliche Gemüt. Zwar hat der jüdische Religionslehrer, wenn er es nur halbwegs versteht, einen ganz außerordentlichen Einfluß auf das jüdische Kind, trotzdem ihm nur zwei Stunden wöchentlich zur Verfügung stehen. Unbewußt fühlt sich das Kind zu ihm, der oft sein Beschützer und Helfer ist, hingezogen. Es zwingt die Ettern, dem Wunsche des Lehrers nachzukommen, es fteut sich auf das Gotteshaus, den Seder, auf Laubhütte und Chanukkahlichtchen. Aber immer wieder tritt störend der Geist der christlichen Schule dazwischen und beeinträchttgt den Einfluß der kargen zwei Religionsstunden. Sollen wir, um unsere Kinder zum Judentum zu erziehen, auf die jüdische Schule wieder zurückgreifen? Vom Standpuntt der Erziehung zum Judentum wäre das nur zu begrüßen. Die Kenntnis des Gebetbuches und der Bibel wären dann kein pium desiderimn mehr, der Feier des Sabbats, dem Besuch des Gotteshauses gn Sabbaten läge nichts im Wege, die Teilnahme der Kinder an dem liturgischen Gesang wäre von großem Segen. Auch sonst böten jüdische Volksschulen nicht wenig Vorteile. Manche Beschimpfung bliebe dem jungen