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Die Wahrheit · 1918-09-20 · Heft 19 (20.9.1918) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1918
Issue
Heft 19 (20.9.1918)
Date
1918-09-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Enderherzen erspart, das mik tiefer Bitternis die ersten Zurücksetzungen als Judenkind empfindet. ,Gibt es doch keinen grausameren Schmerz, als den eines Endes, das zum erstenmal die Schlechtigkeit anderer entdeckt/ Auch für Fortgang und sittliche Erziehung hätte die jüdische Schule viel Bestehendes. Die relativ geringe Zahl der Kinder, die soziale Gleichheit der meisten jüdischen Kinderstuben ließen viel mehr Raum dem individualisierenden Unterricht, als die überfüllten, gesundheitsschädlichen Lehrzimmer der öffentlichen Schulen, in denen der Schüler, insbesondere der jüdische Durchschnittsschüler, nur Nummer ist. — Man hat sich anfangs von der -gemeinsamen Schule für das friedliche Zusammenleben der Konfeffionen viel versprochen. Nach dieser Richtung haben wir wohl alle eine recht herbe Enttäuschung erlebt. Fast konnte man behaupten, daß in Ländern mit konfessionellen Volksschulen der Judenhaß weniger schroffe Formen aufzuweffen hat, als in Ländern, in denen die Simultanschulen eingeführt sind ..." Selbst die „Allgemeine Zeitung" des Judentums, der«r Herausgeber aus feiner Gegnerschaft gegen jüdische Schulen kein Hehl macht — hat doch Ludwig Geiger jüngst erst wieder erklärt, „er sei kein Freund jüdischer Schulen" (ich zitiere nach dem Gedächtnis) — selbst diese Zeitung kann nicht umhin, einem anonymen Verfaffer, der unter dem Namen Theologus eine Serie beachtenswerter Artikel zu der Frage eines neuen Organisationsgesetz-Entwurfes geschrieben hat, das Wort zu folgenden Ausführungen über die jüdische Schule zu geben: „Die Volksschule bildet ein Blatt für sich. Zu den Forderungen des politischen Liberalismus gehört bekanntlich die Simultanschule. Die Kämpfe um das Volksschulunterhaldmgsgesetz haben gezeigt, daß die großen christlichen Bekeimtniffe beiderseits eine getrennt konfessionelle Volksschule vm^iehen. Wir Juden glauben ein überwiegendes Jntereffe baxcca zu haben, unsere Jugend, und sei es auch gastweise, in die nichtjüdische Gemeindeschule zu schicken, damit die kleinen Staatsbürger von Jugend auf an ihr künftiges Zusammenleben gewöhnt werden. Das Kriterium einer wirklichen Simultanschule sollte aber die Stellung des jüdischen Lehrers an derselben sein. Verweigert sie diesem den Unterricht in den sogenannten Gefinnungsfächern (abgesehen von Religionslchrr), dann ist sie nicht simultan, und es gebietet uns die Selbstachtung, dem jüdischen Lehrer die jüdffche Schule zu errichten, wo immer eS noch daran fehlt. In die gleiche Richtung weist das Jntereffe des Mischen Kindes überall da, wo weite Kreffe der Gemeinde überhaupt ihre Kinder in den ersten Schuljahren der VoWschule zuführen. Sind wir auch im Leben stärker auf Protestanten und Katholiken angewiesen, als diese aufeinander, so fft doch dem jüdischen Kinde die jüdffche Umwelt in den ersten Schuljahren zu gönnen. Auch aus den Mittel- und Oberstufen unserer jüdischen Volksschule werden wir junge Menschen entlassen, die als Bürger und Juden ihren Platz um so sicherer finden werden, als es der jüdischen Schule gelungen ist, sie zu einheitlichen Menschen zu erlichen und für eine Mische Lebensordnung (man denke an den Sabbat!) zu gewinnen. Dies ist allerdings die höhere Bestimmung der Mischen Schule für das Judentum; alles andere lefftet die simultane Schule ebensogut." In noch viel eindringlicherer Weise behandelt Rabbiner Dr. G o l d m a n n-Leipzig die gleiche Angelegenheit in einem oortreMchen Artikel in der „Fr. Jüd. Lehrerstimme." Dort heißt es: Was erreichen wir denn für uns, wenn wir unentwegt an der Fiktion der paritätffchen Schule festhaüen, obwohl sie garmcht da ist? Zunächst schicken wir unsere Kinder in christliche VvWschulen, andere gibt es nur ganz vereinzelt. Es brancht gewiß nicht überall so schlimm herzugehen wie in Sachsen^ wo die jüdische KnÄer im ersten Md zweiten Schuljahr gezwungen sind, sogar am christlichen Religionsunterricht teilzumhmen! Es bleibt aber überall wahr, daß eine christliche Schule vom christlichen Geffte erfüllt ist ja es sein muß, und daß kein Unterrichtsfach ihn vermissen läßt. Zweck der christlichen Volksschulen ist es eben, bip Kinder im christlichen Glauben zu festigen, und es ist klar, daß jüdische Kinder nicht nur nicht hineingehören, sondern daß ste sogar an ihrem religiösen Bewußtsein Schaden erleiden. Und was in der Mischen Kindesseele in dreißig wöchentlichen Unterrichtsstunden verdorben wird, das können ein paar Religionsstunden unmöglich wieder gut machen. Auch äußerlich wird die religiöse Betätigung gehemmt. Einen Sabbat lernt das jüdische Kind nicht kennen, durch mehr oder minder sanften Druck, durch, den Hohn des Lehrers und die Hänseltten der Mitschüler wird es gezwungen, am Sabbat zu schreiben. Jndifferentismus und späterer Abfall werden fraglos dadurch vorbereitet und gefördert, daß wir Juden selber in unserem Bestreben, den polittschen Liberalismus zu retten, unsere Kinder auf dem Altar dieser unpolitischen und unklugen Denkweise opfern. Davon/daß die jüdische Volksschule dem Kinde unendliche Vorteile bringt, wollen wir gar nicht reben. Sie stellt eine Mische Umgebung dar, sie erzieht mit einem Unterrichte, der überall mit jüdischem Geiste durchtränkt ist, sie vermittelt jüdische Kenntnis, sie hält von der Kindesseelejene häßlichen Angriffe fern, die sie vergiften, die die unbefangene und harmlose Fröhlichkeit der Jugend ihr rauben. Wenn einstmals wirklich ehrliche Parität zur Grundlage der Volksschule gemacht werden sollte, werden wir Juden unsgewiß nicht dagegen sträuben. Es gibt aber nichts, was dafür angeführt werden könnte, daß man jüdische Schüler in christliche Schulen schickt und ihnen so aus Lust am Theorettfieren die besten Kräfte raubt. Wenn das deutsche Judentum von heute sich besonders in den Großstädten mit aller Kraft an die Gründung jüdischer Volksschulen machen wollte, würde es keinen Grundsatz aufgeben, sondern einen Beweis von seiner politischen Befähigung, oblegen. Zu den schweren Kämpfen der Zukunft brauchen wir in sich gefestigte Persönlichkeiten, die jüdisches Wiffen mit jüdischem Sinn und mit Liebe zum Glauben der Väter verbinden. Diewerden aber in christlichen Volksschulen nicht herangebildet. Der Weg ist klar und unabhängig von der religiösen Parteirichtung muß er beschritten werden. Ob einer orthodox oder konservativ oder liberal ist, bedeutet in dieser rein polittschen Frage wenig. Sofern er nur an einer Zukunft' des Judentums kraftvoll Mitarbeiten will, kann er sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß unter den heutigen Umständen nur die jüdische Volksschule jene Werte sichert, die jede ernsthafte Parteirichtung im Judentum erhalten wissen will. Im Prinzip besteht kein Unterschied zwischen der Gründung einer jüdischen Loge und der Errichtung einer Mischen Volksschule. Auch bei jener ist die Absonderung nicht Selbstzweck, sondern ein Mittel zur Erreichung eines allgemeinen Zieles. Die Gesundung so vieler Gebrechen am Körper des Judentums hängt davon ab, daß das auf so vielen Gebieten bereits erfolgreiche Prinzip des Konfessionalismus sich überall dort durchsetzt, wo das Interesse der Judenheit es erfordert. Die Kultur der Menschheit — heute fühlen wir es mehr denn je — ist eng verknüpft mit dem Siege der Religion. Jenen Völkern gehört die Zukunft, die in ihr die Grundlage alles Denkens und Handelns erblicken Und solchen Grundsätzen durch die Tat folgen." ' Das sind bedeutungsvolle Kundgebungen, die uns zeigen,, daß bis tief in die Reihen der liberalen Rabbiner hinein die Erkenntnis von der Notwendigkeit der Neugründung von Schulen der eigenen Konfession gedrungen , ist. Die Zeit ist' der Verwirklichung der Ideen nicht günstig,: Erst muß der Friede miedet seinen Einzug gehalten hüben! Dann üben hoffe ich, daß das, was mir seit Jahren als erstrebenswertes' Ziel vorschwebt, sich verwirklichen wird, daß Männer aller religiösen Richtungen und Parteischattterungen zusammentreten, um eine Vereinigung zu gründen, deren einzige Aufgabe seitt soll: Erhaltung und Förderung Mischer Schuleti! Briefkasten der AteÄakkintt Annonyiiiii8. Ihr „Eingesendet" kann ohne 'Näniensferttgung nicht veröffentlicht werden.

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