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Die Wahrheit · 1918-09-20 · Heft 19 (20.9.1918) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1918
Issue
Heft 19 (20.9.1918)
Date
1918-09-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Nr. 19. Die Wahrheit aber die Ruhe und Ueberlegung wiederkehrt, werden wir dies nach der Weltgeschichte Lauf einführen. Wehe, wenn wir uns banden und irreführen und von des Haffes Stimmen ganz unversöhnlich gegeneinander stimmen lassen, dann sind wir verloren, der Jammer der Kleinstaaterei muß uns in seine Wirbel ziehen und bei Entscheidungen großer Menschheitsfragen ausschalten. Darum Liebe und Treue gegeneinander, Verständnis und Entgegenkommen. Wir sind aufeinander angewiesen und können die Vorteile eines Großstaates, einer Großmacht nicht hoch genug anschlagen. Hüten wir uns vor falschen Schlagworten, trügerischen Hoffnungen, die bald der rauhen Wirklichkeit und ihren Forderungen weichen müssen. Seien wir einig, stark und eines eisernen Willens durchzuhalten bis zum ehrenvollen Frieden. Geben wir uns vor dem lc^ernden, spionierenden Gegner keine BVße, sondern zeigen wir ihm durch Einheitlichkeit und Geschlossenheit unseren festen Willen, aufrecht zu bleiben, groß und stark im Leben und Tode. Nur diese Größe und Selbstüberwindung kann einen Umschwung bringen, unsere erbittertsten Gegner von unserer Gesinnungsstärke und Unbeugsamkeit überzeugen und eine neue, große, starke, der Opfer würdige Zeit herbeiführen. Tuet Euer Möglichstes zur Herbeiführung dieser Zeit! Männer heraus, jeder an seine Stelle! Kein Hilferuf verhalle ungehört, die Lebenden und die Toten sprechen zu uns: Sollen wir umsonst bluten, umsonst gefallen sein? Nimmermehr! Darum kämpft auch Ihr mit uns, streitet für uns gegen Eigennutz, Selbstsucht, Habgier und alle niederen Regungen und schlechten Triebe. Seid würdig durch Gedanken, Worte und Taten dieser Helden, die Größtes durch Hingebung und Aufopferung geleistet. Seid würdig der Geister, die des Vaterlandes Rettung und Größe als höchstes Lebensziel erklärten und darnach handelten, dann kommt eine neue Zeit, deren Bürger Ihr werdet! Prof. Dr. L. Hirsch, Krmnmcm. Gi« gerechtes Steuersystem. Der überlange entsetzliche Weltkrieg hat von den Völkern Oesterreichs verhältnismäßig die größten Opfer an Gut und Blut gefordert und ihnen auch die größten Leiden Entbehrungen unter allen Kriegsteilnehmern auferlegt. Wesentlich verschärft wurden die Leiden des Volkes in Oesterreich durch die dreijährige Stürgkhsche Gewaltregierung, welche alle Vollsrechte sistierte und ganz besonders alle vermögenlosen, arbeitenden Volkskreise widerrechtlich knebelte. Nun soll Ausschuß und die offene Volksvertretung im österreichffchen Parlamente die von der Regierung vorgelegten Steuergesetze beraten und beschließen. Dies dürfte nun nicht so glatt erledigt werden, wie dies die gegenwärtige Regierung wünscht. Der österreichisches Staatswagen wurde von rückständigen und minderwertigen Regierungsmännern bisher arg verfahren und die gegenwärtige Staatsorganisation erscheint ganz unfähig, ihn aus dem tiefen Morast hinauszubringen, in dem er steckt. Trotzdem Oesterreich-Ungarn lange schon nicht mehr eine vorzugsweise agrarische Bevölkerung aufweist — zählt doch gegenwärtig die städtische und industrielle Bevölkerung der österreichischen Reichshälfte 17 Millionen Seelen gegenüber 10 Millionen der agrarischen Bevölkerung — geht doch bereits seit Dezennien die Regierungspolitik dahin, auf Kosten der Bevöllerungsmajorität den Agrariern Vorteile zuzüfchanzen. Am deutlichsten tritt diese Tendenz in der Steuergesetzgebung zu Tage. Während die Steuerschraube die Jndusttie, das Handwerk, den Handel und alle Angestellten in den Städten und größeren Ortschaften stetig immer empfindücher preßte, schonte die Grundsteuer den Landbesitz mrffallend. Nur in den Städten gab und gibt es eine oft recht empfindüche Verzehrungssteuer und die Wohnungssteuer in Wien ist vielleicht die höchste in Europa. Nicht immer wurde in Oesterreich diese Praxis geübt. So lange die freisinnige Bürgerschaft den Ton angab, also etwa von 1867 bis 1890, klagten die Agrarier über Steuerüberlastung. Mit dem Sturze des. Liberalismus und dem Aufblühen des Klerikalismus aber wendete sich das Glück zu Gunsten der Agrarier. Der Großbesitz besaß von altersher in Oesterreich verschiedene Vorrechte, wie die Fideikommißrechte, die erbliche Pairswürde ins Herrenhaus und verschiedene Vorteile im Belange der Spiritus- und Zuckerfabrikation. Alle Wahlrechte in die verschiedenen Volksvertretungen waren bis zum Jahre 1907 so organisiert, daß der Besitz günstigere Rechte besaß, wodurch die ausgiebigeren Bürgerrechte nur auf die besitzenden Staatsbürger beschränkt blieben. Erst im genannten Jahre drang für den österreichischen Reichsrat (Abgeordnetenhausdas allgemeine, gleiche Wahlrecht durch, während die alten rückständigen Zensuswahlrechte nahezu unverändert in Gemeinde- und Landesoertretung noch heute gelten. Speziell in Niederösterreich bestimmen. seit nahezu 20 Jahren 800.000 Seelen der bäuerlichen Bevölkerung die Landes-' gesetzgebung über 21/2 Millionen städtische Bewohner, trotzdem die letzteren die Landes- und Staatslasten im Verhältnisse von 80% tragen. Dieses schreiende Mißverhältnis tritt besonders kraß und aufreizend während der schrecklichen Kriegsnot zutage,, während welcher nur die besitzlose städtische Bevölkerung dem Hunger und der Verarmung ausgesetzt wurde, während der Großgrundbesitzer Reichtümer aufhäufen kann und die bäuerliche Bevölkerung nicht nur vor Nahrungsmangel bewahrt bleibt, sondern auch Schulden abzahlen und Ersparungen machen kann. Am empfindlichsten wird während der Kriegszeit der Beamte, der Lehrer _ und der pensionsberechtigte Festangestellte getroffen, denn alle Kriegszulagen und Anschaffungsbeiträge, welche diesen überaus nützlichen und unentbehrlichen Arbeitskräften der Gemeinschaft widerwillig und knauserig gewährt wurden, stehen in gar keinem Verhältnisse zur wahnsinnigen Verteuerung aller Lebensbedürfnisse und wenn diese Zustände noch länger andauern, dann müssen diese in der Regel intelligenten Diener der Gesellschaft, welche früher dem Mittelstände angehörten, nicht nur vollständig verarmen, sondern auch körperlich und geistig katastrophal geschädigt werden. Werden langjährige treue Dienste derart vom Vaterlande vergolten? Die Besoldungssteuer, ist seit der Zeit vor dem Kriegsausbrüche für die Festangestellten tatsächlich um dys fünffache gestiegen, aber gerade für dieverdientesten Veteranen dieser Leute, für die Altpensionisten, die ohnehin mit ganz unzureichenden Pensionsbeträgen gegen jüngere Berufskollegen zurückstehen und nun alt und krank sind, wurde am schlechtesten vorgesorgt, denn sie stehen im Belange der Kriegszulagen gegen noch aktive Kollegen um Lausende von Kronenzurück und wenn solche Albpensionisten noch für kranke Frauen und minderjährige Kinder zu sorgen haben, dann sind letztere zu Hunger und Not verurteilt. Die österreichischen Regierungsmänner glauben aber heute noch diese geschilderte Ungleichheit in der Behandlung verschiedener Staatsbürger über die Kriegszeit hinaus festhalten zu sollen und zu können. Trotzdem dies oft schon gefordert wurde, erscheinen bis heute weder die unverhältnismäßig, großen Kriegsgewinne noch die Wertoergrößerung des Besitzes einer ausgiebigen, entsprechenden Kriegsabgabe unter zogen, aber trotzdem alle Waren der Staatsmonopole unglaublich verteuert wurden, trotzdem die Post und alle Staatsbahnen ihre Tarife phantastisch hoch ansetzten und die verstadtlichten Verkehrs- und Beleuchtungsanstalten in der Verteuerung nicht zurückftehen, schickt man sich wieder an, wieder nur auf die armen Volksschichten zu drücken, trotzdem sie unter der Steuerlast zusammenbrechen. Was geht nun im Steuerausschnß vor, auf den viele Staatsbürger Hoffnungen gesetzt haben? Warum wollen die deutschnationalen Abgeordneten nun diesen Ausschuß vertagen, warum heischen sie von der Regierung einen vollständigen Finanzplan, treffen sie als aufrechte Volksvertreter einen solchen Einwurf nicht auch selbst? Wissen sie etwa selbst

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