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Die Wahrheit · 1918-08-23 · Heft 17 (23.8.1918) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1918
Issue
Heft 17 (23.8.1918)
Date
1918-08-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 17. DikWahrhett. Seite S «Die Handlungen EinzelnerAürfen nicht nach der Konfession oder der Raffe verurteilt werde». Es ist im höchsten Maße ungerecht, wegen des Verhaltens Einzelner über alle jüdische Mitbürger den Stab zu brechen." Weiter betonte der frühere Ministerpräsident Graf Tifza: «Wir müssen das Volk aufklären, darin (in den Fehlern Einzelner) nich tkonfeffionelle oder Rassensymptome zu erblicken." ' »Jene Herren im Hinterlande, die hier keinen jüdischen Soldaten an der Front sahen> mögen hier die Mitteilungm des ungarischen Honvedministers Baron <^urmoH hören. Bei der Anerkennung der Leistungen und des tapferen Verhaltens jüdischer Offiziere und Sgldaten, betonnte Se. Exzellenz : «Auch unter meinem Kommando haben sich zahlreiche jüdischeZOffiziere und Soldaten glänzend bewährt!" Von besonderer Wichtigkeit ist aber das Verhalten der ungarischen Regiemng zur Judenfrage. Und darüber erklärte der ungarische Ministerpräsident Dr. Weckerle: «Die Regierung ist bestrebt, auf die öffentliche Meinung entsprechend Einfluß auszuüben, damit diese wegen Handlungen Elltzelner nicht Konfessionen verantwortlich mache" l — Worauf sollte man diese gegensätzliche Auffassung in Bezug auf Gerechtigkeit gegen die Juden zurückfuhren? — Man sehe sich die Verhältnisse in Ungarn an und vergleiche sie mit jenen in Oesterreich! — Einmal schrieb ich: „ Die Handlungswesse der Juden ist der Gradmesser . . jetzt möchte ich. es richt gstellen auf: «Die Handlungsweise gegen die Juden ist der Gradmesser für die Kultur, für die Lebensverhältniffe urck für die Erwerbsbedingungen in einem Lande". Hiezu will ich bear noch bemerken: «Die Juden sind in der Welt, wie ein unansehnliches Feuer, das beständig in sich selbst die wunderbare Kraft besitzt, immerfort zu brennen. Jedermann ermesst sich es nützlich. Bei einem verbreit^ es Licht, beim andern Wärme. Dieser schmiedet daran sein Essen und der Andere bereitet damit seine Nahrung. Man hüte sich aber dieses Element ausblasen zu wollen, denn zu einer mächtigen Flamme lodert es auf. Und jene, die sie ersticken wollten, mußten' schmerzliche Brandwunden, davon tragen." Bernhard Nippel. Drohende Uertrrttmng der Jude« aus Fiunlaud. Von den Juden in Finnland dringt ein Hilferuf in die zivilisierte Welt. Die Regierung holt zu einem vernichtenden Schlage gegen die Juden aus. Der Senat legte den Beschluß des Landtags, der den Juden die Bürgerrecht gewährt, dahin aus, daß die Juden berechtigt sind, individuell um die Naturalisation einzukommen, darauf erklärte die finnische Regiemng, daß nur die Juden der Bürgerrechte teilhaftig werden, die in den Reihen der Weißen Garde gekämpft haben (d. sind 30—25). Damit nicht genug, erließ die Regiemng den Befehl, sämtliche Juden haben als Fremde bis zum 30./9. d. I. das Land zu verlassen. Um diesem Befehl mehr Nachdruck zu geben, erließ sie die Verfügung an die kommunalen Verwaltungen, nach dem 30. 9. den Juden die Abgabe von. Lebensmitteln zu verweigern, um ihnen keine Möglichkeit zu geben, das Aufenthaltsv erbot zu umgehen.' Diese drakonischen Maßnahmen zeigen, daß die gegenwärtige am Ruder befindliche reaktionäre Regierung in allen Stücken sich die Methoden der früheren rumänischen Regiemng angeeignet hat. In Finnland leben etwa 300 Wische Familien in den Städten Helfingfors, Abo, Diborg, die, wie jeder vorurteilslose Kenner der Verhältnisse anerkennen muß, für die wirtschaftliche Hebung des Landes außerordentlich viel leisten. Diese leben wegen der bevorstehenden Vertreibung in der größten Verzweiflung und appellieren cm die zivilisierte Well um Beistand. Die früheren Regierungen in Finnland vor der russischen Revolution waren immer noch viel jndenfeindlicher oils selbst die Regiemng der Zaren. Dübei leben in Finnland weMg mehr als tausend Juden. Ihrer geringen Zahl wegen hat mau sich^auch in Europa, wo die Finnländer jahrzehntelang für ihr vom Zarismus geknechtetes Vaterland um Sympathien betteln gingen, nie dämm gekümmert, daß die «armen Finnländers die paar hundert Juden, die unter ihnen leben, noch viel ärger bÄ)rückm, als sie selber vom Zaren unterdrückt werden. — Der Stockholmer finnische Gesandte Gripenberg hat da- SvenSka Telegrammbyrau zu der Erklärung ermächtigt, daß irgend welche Vertreibung von Juden aus Frnnlimd weder vorgekommen ist noch jemals beabsichtigt war. — Angesichts der früheren Judenpolitik Finnlands sst die Beharwtmrg, daß eine solche Betreibung niemals vorgekommen sei, mindestens anzuzwesseln. Jüdische Kolonisten mm Knjrpr. Der Kriegsberichterstatter Dr. Fritz Wertheimer veröffentlicht in der «Franks. Zeitung" folgende interessante Skizze: Vom Dnieprstädtchen BiereflcuvlA geht es guerfeldeinwarts auf einer Straße, die sich der Verkehr selbst geschaffen hat und die anscheinend die allgemeine Landstraße etwas abkürzt, über hügeliges Land. Die Saat grünt, fetten blüht einmal ein Baum, wette Flächen liegen öde und unbebaut in dem wenig abwechslungsreichen Lande. Zur Rechten zieht sich tief unten das Helle Band des Flusses, das vom saftigen Grün der Weiden und der Bäume umrcchmt wird. «Steppe" nennen die Bewohner, auch die deutschen Kolonisten, noch immer dieses Land nach der Überlieferung chrer Vorfahre», obgleich sie es in vielen Jahrzehnten fleißiger Arbett schon größtenteils urbar gemacht haben. Es hat ja auch in einer endlosen Wette noch etwas den Charakter der inuermffsschen Steppenländer beibehatten. Nach halbstündiger Fahrt nähern wir uns einem. Dorfe. Vielleicht 30 Meter brett zieht sich die Hauptstraße mitten durch, an der die Häuser liegen. Das ist N o w o - Biereslawl, eine jüdische Kolonie. ES gibt ihrer in Südrußland nach, der Statistik des Pfarrers Keller ungefähr 35 und sie besaßen nach der Landesaufnahme vom Jahre 1859 rund 120.000 Deßjätinen oder Hettar Land zusammen. Die allerersten find zu Begum des 19. Jahrhunderts, die späteren in den vierziger Jahren begründet worden. Zu den neueren gehört auch dieses Dorf hier mtt seinen 3600 Deßjätinen Land. Wir steigen aus und sprechen mtt den atten jüdischen Bauern; bald sammett sich eine ganze Schar Neugieriger um uns und aus der Menge schwirren die Antworten auf unsere Fragen bunt durcheinander. Alle klagen darüber, sie besäßen zu rvenigLand. Der Hof vererbt sich nach ihren Erbgewohnheiten nicht geschloffen auf einen Sohn oder auf die Söhne zusammen, wie bei den deusschen Kolonisten, hier werden auch die Töchter gleichermaßen bedacht und bei dem großen Kinderreichtum der Leute zerfällt ein schöner Besitz schon im ersten Erbgang hoffnungslos. Die Großväter, die von der Regierung aus Kurland hier heruntergezogen wurden, das waren noch keine Landwirte. Sie lernten den Beruf erst, zahlten beträchtliches Lchrgeld und kämm nicht recht voran. Die Söhne aber, die sich wenigstens etwas eingearbettet hatten, fcmdm nach dem Erbgang einen unwirtschaftlichen klemm Besitz als Eigentum vor. Es war zu viel zum Stvcken, zu wenig zum Leben. Bei dm Enkeln hat sich das Übel noch verschärft- Die meisten Einwohner mußten wieder zum HandweÄ greifen oder zum Kleinhandel, so daß der ursprüngliche Gedanke der Banernanfiedelung sich etwas gewandelt hat und man mehr »ou einer Kolonie von Handwerkern und Händlern sprechen kann, denm ein kleiner bescheidener, zum Selbstanüa« des eigenen Lebensunterhalts oft kaum ausreichender Landbesitz wenigstens etwas Anhänglichkett an die Scholle schuf. Wenige nur sind vorangekommen und haben sich Land zukaufen können. Selten war es so, wie bei dm deutschen Bauern, daß der Vater jedem der Sohne schm zu seinen Lebzeiten einm Hof kaufte und für die Zukunft sorgte. Die Regierung hatte zwar schon baw nach Beginn dieses Ansiedlungswerkes eingesehen, daß die der Land-

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