Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 16 (9.8.1918)
- Date
- 1918-08-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16. Die Wahrheit Seite 5 Brot und Mehl noch um 8% verteuert werden und Fett-, Fleisch- und Gemüsepreise haben wahrlich eine phantastische Höhe erreicht. Beamten- und Lehrergehalte jhaben aber unter den günstigsten Verhältnissen 100 % Erhöhung erreicht. Die ungleiche Erfassung der Lebensmittel hat aber den schamlosesten Schleichhandel gezeittgt und arme Beamten und Lehrer, Familienväter, die den Hunger ihrer Lieben nicht mitansehen können, sehen sich gezwungen, ihre letzten Ersparnisse diesen Hyänen der Gesellschaft in den Rachen zu werfen. Kleider, Schuhe und Wäsche können diese Armen schon jahrelange nicht nachschaffen. Nicht lange mehr, dann werden diese notwendigen Stützen der Gesellschaft, die ohne Wahrung des äußeren Scheines unfähig werden, ihre Aufgabe zu erfüllen, mit abgeschabten und zerrissenen Kleidern umhergehen, weil nicht einmal mehr Zwirn da ist, diese auszuflicken. Für die Pensionisten ist nicht einmal in diesem bescheidenen Maße vorgesorgt und man beachtet es nicht, daß es sich um verhältnißmäßig wenige verdiente, hochbetagte, kraftlose und in der Regel kranke Leute handelt und hat für dieselben weit ungünstigere Kriegszulagen festgesetzt als für aktive Beamten und Lehrer. Für die jüdischen Staatsbürger wirkt es im höchsten -Grade aufregend, daß die feile käufliche Presse die Aufmerksamkeit der gedankenlosen Menge konsequent nur auf jüdische Preistreiber und Kriegsverdiener zu lenken sucht, das Treiben der habsüchtigen und schmutzigen großen und kleinen Agrarier aber verschweigt, welche die Verteuerungsschraube fortgesetzt gewissenlos anziehen. Im letzten regenreichen Jahre war es gewiß nicht nöttg, die Gemüsepreise so horrend anzusetzen, daß deren Bereitung ebenso so große Kosten verursacht wie die teueren Fleischspeisen. Die Wiener ^Hamsterer", unter denen keineswegs lauter Kriegsverdiener, sondern weit mehr arme Teufel zu finden sind, wissen manches Lied von diesem schmutzigen Bauerngeiz zu erzählen, der sich Erdäpfel, Milch, Butter, das Brot unglaublich hoch bezahlen ließ und obendrein die mitgebrachten Tauschmittel, wie Tabak, Petroleum, Kerzen, Reibhölzchen, nicht bezahlte. Bei all diesem Elende ist das Kriegsende noch nicht abzusehen unddie vermögenslosen Volksschichten sind in Gefahr, nach einigen Herbstmonaten die überlebten furchtbaren Hungerzeiten nochmals wiederholen zu müssen. Dagegen müssen die zahlreichen schwer leidenden Beamten, Lehrer und alle Arten von Festangestellten, unter denen eine verhältnismäßig große Anzahl armer Juden mitzähtt, zu den geschilderten grämlichen Zuständen schweigen und können ihre Faust nur im Sacke ballen, wenn sie noch so empört sind. Es ist wohl nicht zu leugnen, daß wohlmeinende Kreise unter den Besitzenden bestrebt sind, durch Kriegs- und Gemeinschaftsküchen den Hunger der Massen zu mildern, swo man aber genauer schaut, merkt wohl deren Unzulänglichkeit. Diese Einrichtungen atmen eben den' Geist der H umanitätsaktionen dort, wo der Staat einzugreifen verpflichtet ist. Es ist auch sehrsraglich, ob es richttg ist, das Familienleben in diesen KriegHahren auch in der Intelligenz so unbarmherzig zu zerschlagen, wie das durch diese Kriegskuchen in immer steigendem Maße geschieht. Alles Heimgefühl wird durch solche Methoden aus den Gemütern gewffen und die Familie bleibt doch immer die Grundzelle eines gesunden Staates. Schon irm Frieden haben weiterblickende Männer der Volkswirtschaft gefunden, daß Wohnung und die notwendige Bekleidung uud Nahrung vom gewinnsuchenden Handel ausgeschlossen werden müßten, wenn die unausgesetzte Teuerung aller Lebensbedürfnisse und Erhöhung aller Arbeitslöhne und Angestelltenbezüge ein Ende finden soll. Die österreichischen Regierungsmaßnahmen im Kriege Haben die ihnen gegebene Aufgabe nicht nur nicht 'gelöst, sondern die Verteuerung aller Lebensmittel im Kriege furchtbar begünstigt. Ja, sind denn die Beamten und Lehrer und die unzähligen Festangestellten, die für das allgemeine Interesse arbeiten, Sttefkinder des Staates? Wäre es nicht nichtiger, wenn ihnen die Gemeinschaften, welche dieselben bestellt haben, einen Teil ihrer Bezüge während der Kriegsnot in Naturalien' zu den gesetzlichen Höchstpreisen liefern würden? Ist es für die Allgemeinheit vorteilhaft, auch die Frauen und Kinder der Intelligenz stundenlang auf die Straße zu zwingen, bis sie ihr karges Essen erhalten. Wohl sind derartige Versuche gemacht worden, bisher aber ungeschickt und in ungeeigneter Wesse. Den Wiener Beamten und Lehrern wurden im Jahre 1016 Erdäpfel versprochen, aber nicht geliefert, im Jahre 1917 konnten sie sich solche von sehr zweifelhafter Beschaffenhett holen. Bei gleichem Willen mußte es wohl gelingen, diesen Kressen mindestens wöchentlich ausreichende Mengen anderer Lebensmittel wie Brot, Mehl, Hülsenfrüchte, Fett, Fleisch und Gemüse zukommen zu lassen. Speziell den Juden hat der Weltkrieg bereits unermeßlichen religiösen Schaden gebracht. Die Sabbatheiligung und die Beobachtung der Speisegesetze ist ohne großen 'Schaden von jüdischen Familien fast unmöglich geworden, das Kriegsküchenwesen zerstampft aber auch noch die Reste der Möglichketten des jüdisch-religiösen Lebens. Lockert nicht konsequent die engere Umzäunung der Familie! Reißet den häuslichen Herd nicht nieder! Ihr Staatsmänner, Ihr säget sonst den Ast ab, auf dem Ihr sitzet! R. L. Me Gngelfteleu. Gewidmet den edlen Wohltäterinnen von N. Lothringer. Das berühmte rabbinisch-talmudische Genie, der Verfasser der geist- und kenntnisreichen Erläuterungen zum Schulchan Aruch „Tura sahow“, pflegte, wie er selbst angibt, Visionen zu haben. Der Prophet Elias erschien ihm einmal im Traume und lehrte ihn die Lösung einer schwierigen, wissenschaftlichen Frage, die ihm im wachenden Zustande keinesfalls gelingen wollte. Da geschah es, daß der Rabbi einen wunderlichen Traum hatte, der ihn ttef in der Seele betrübte : Eine Frauengeftatt von außerordentlicher Schönhett und Holdseligkeit lächelte ihn frohgüttg an, neigte sich über ihn, glättete mit weichem Samthändchen sein Gesicht und drückte einen holden Kuß auf seine hohe Sttrn. Dann breitete sie ihre schneeweißen Flügel aus und ensschwebte himmelwärts. Der ftomme Rabbi legte diesen Traum übel aus. Ein Weib streichelte sein Gesicht und küßte seine Sttrn. Ein Weib! Gewiß hat er, obgleich er sich dessen nicht entsinnen kann, einmal sündige Gedanken gehabt und „man" machte ihm darob im Traume Vorwürfe. Er stellte, nach dem Rat des Talmud, sofort Untersuchungen seiner Taten an und obgleich er nichts Arges fand, kastette er sich durch Fasten und andere Bußübungen, zu Gott betend, er möge ihm die Deutung des bösen Traumes offenbaren. Da erscholl ein bat kol*): „Du hast einen Engel von Angesicht zu Angesicht gesehen." Der Rabbi staunte. „Ein Engel eine Frauengestalt?" murmette er. „So und nicht anders sieht ein Engel aus? Die Materialisierung der Geister, der Boten Gottes?" Merkwürdig ist es, daß der Verfasser des berühmten religionsphilosophischen Werkes „^.ksckat Jizchok“ bemerkt: „Bat kol jozet min haseckel“ (Das Batkol folgt aus der Vernunft). Weiber mtt Flügeln an den Schuttern sollen die Cherubim Gottes sein? Er begriff es nicht. Und er war wieder betrübt. Da kam Unglück über die Menschen: Flucht, ArmM, Hunger und Krankheit. Der Rabbi sah der Fürsorgetättgkeit zu. Frauen unterbrachten die Aermsten, pflegten, heilten, wärmten, labten, kleideten, trösteten sie; Frauen nahmen sich der Waisen und verlassenen Kinder an, unterbrachten, speisten, lehrten und erzogen sie; Frauen verschafften armen Wöchnerinnen Obdach, Pflege und Geburtshilfe; * Frauen bemutterten hilflose Säuglinge, pflegten, badeten, stillten, *) „Lat Kolbedeutet so viel wie eine Sttmme von oben. Nach dem Talmud bedienen sich die himmlischen Heerscharen oder i Gott selbst dieser Sttmme, wenn sie uns ihren Willen oder chre I Meinung verkünden wollen.