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Die Wahrheit · 1918-08-09 · Heft 16 (9.8.1918) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1918
Issue
Heft 16 (9.8.1918)
Date
1918-08-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 16. Unendlichkeit nach uns, eingeengt in Begriffen von Raum und Zeit, ist uns za das Tor vor dem alltäglichen Geschehen verschlossen. Welträtsel überall, wohin das Auge blickt; das Geschehen können' wir wohl betrachten, aber nicht seine letzen Ursachen und Wirkungen erfaffen. Jedoch wäre es ein Irrtum anzunehmen, daß jedes Geschehen demzufolge sich selbst überlassen werden müsse und der Mensch allem Sein untätig gegenüber stehen müßte. Irrtum wäre dies und noch dazu ein verderblicher. Die Natur selbst hat uns gelehrt, das Schädliche und Krankhafte auszuscheiden. Me bei einer Krankheit des Körpers, dessen verschiedene Organe sich gegen dieselbe wehren, wie das Fieber durch die Erhöhung der Wärmeenergien den angegriffenen Körperteilen bei der Bekämpfung des Schadens zu Hilfe kommt und wir durch das unwillkürliche Reagieren der Nerven gelehrt werden, Schädliches zu meiden so verschanze sich der Mensch eben nicht hinter dem Vorwände, sein Tun wäre dem Geschehen gegenüber unnütz. Nur durch intensive Tätigkeit ist ja überall ein Fortschritt möglich. Stagnation und Sttllstand ist Rückschritt. Glaube und Erkenntnis der Vorsehung, das Bewußtsein, daß alles vorbestimmt und vorgesehen ist, entbindet uns nicht der Pflicht, unS und andere zu schützen, das Schädliche zu meiden und auszumerzen. Ist doch der schönste Beruf des Arztes, den Krankheiten vorzubeugen, ihnen den Nährboden zu entziehen. Also ist es auch bei den seelsschen Krankheiten des Einzelnen und der Allgemeinheit der Fall. Vorbeugung des Völler¬ und Menschenhaffes, Erkenntnis der wirklichen Bestimmung des Menschen, daß er bestimmt sei, edle und sittliche Werte zu schaffen, die Ertötung jedes Rache- und Reoanchegedarckens, noch mehr das Bestreben, jedem, sei es Mensch oder Volksgemeinschaft, seinen Platz an der Sonne zu gönnen, sei das Bestreben der berufenen Leiter und Führer. Wo sie das nicht taten, dort haben sie auf ihr Haupt die ungeheure Blutschuld der Unterlassungssünde gehäuft. Statt den zündenden Funken zu ersticken, daß er nicht zur verzchrenden Flamme wächst, und statt den Krankheitskeim zu bekämpfen, die Entwicklung und den Ausbruch der Krankheit zu fördern, das ist es, was die Wellgeschichte den betreffenden Führern als ewig unauslöschliche Schuld mit ehernem Griffel verzeichnen wird. Wohl vorherbestimmt durch die Vorsehung ist alles, das Geschehen des Unscheinbarsten und des Gewalügsten, doch mit Nichten ist der Mensch blind dem Geschicke überliefert, seine Bemühungen können dem Brande Mchalt gebieten und seiner Hände Werke den tosenden, alles ^verschlingenden Fluten einen Damm setzen. Denn das Bemühen des Menschen und der Erfolg seiner Werke ist ebenfalls vorgesehen. „Alles ist vorgesehen, doch der freie Wille ist gegeben" (Abot 4). Nicht zu messen in unserem Empfinden und nicht in Vergleich zu ziehen mit unserem Denwermögen smd die Geschehen und diese sich gegenseiüg anschemend ausschüeßenden Begriffe von Vorsehung und freier Tat. So wie Zell und Raum nur Begriffe unserer von engen Grenzen umtanen Sinne sind, so können wir nur eben das begreifen und gedanklich erfaffen, was eben sich auch nur in diese engen Grenzen zwängen und durch sie messen läßt. Deshalb ist eben das fürchterliche Wellgeschehen, das sich da abspiell, das gegenseitige haßerfüllte Zerfleischen der begabtesten Völler uns eben auch unbegreiflich und nicht mit dem Maßstabe unseres Handelns zu messen. Das einzelne Individuum. ist ein Teil, das dieser katastrophalen Entwicllung zum Opfer fällt, doch nicht als unnützes, sondern, die Wette, die dies Geschehen schaffen wird, sind nur durch diese Opfer möglich. Wenn nur eine der Folgen die sein wird, daß, wenn die Menschen aus ihrem Bürtrausche erwachen, sie die Segnungen des Friedens erkennen und in abschbarer Zell sich Hüten werden, das Schwert gegeneinander zu .ziehen, ist der Friede, den dann diese schmerzlichen Opfer verbürgen, eine große Errungenschaft.. Oder wenn sich gerade infolge des Krieges durch die Gefangenen der gegnerischen Seite, welche doch jahrelang inmitten der ftemden Umgebung weilen, die Volker einander näher kennen und schätzen lernen, (und jede Nation hat ihre schätzende Eigenschaft) und dann ein intensiverer Austausch von wirklichen Kulturwerten stattfindet, wäre dies keine Errungenschaft? Das Weltengewitter wird die Atmosphäre von den ungesunden Ausdünstungen der falschen Kultur, der Ueberhebung des Materialismus, der Genußsucht reinigen und eine reine Luft der Selbstbesinnung, der Achtung vor den Nebenmenschen und der Nachbarstaaten, das Emporblühen und die Anerkennung des bis nun nicht zur Geltung gekommenen Ethos schaffen. L. S., dzt. i. F. Keamten- und Lehrrreleni» im Kriege. Das Kriegselend ist nach vier Jahren Weltkrieg mit Ausnahme weniger ethisch minderwertiger Kriegsverdiener für die ganze Menschheit allgemein geworden, aber für kindergesegnete und vermögenslose Beamten- und Lehrerfamilien ist dasselbe derart riesengroß gewachsen, daß die Grenze des Möglichen bereits überschritten scheint. Auch der Kleinbauer ist nicht auf Rosen gebettet, denn meist fehlt ihm nun. die nötige Arbeitskraft in seinem Landbetriebe und der Ackerboden gibt bekanntlich seine Kraft ohne Schweiß und daraufgewandete stetige Arbeit nicht heraus. Doch ist seine Familie dank der famosen Versor^ungsorganisation in Oesterreich nicht dem Lebensmittelkartenzwange unterworfen und sie besitzt die Freiheit, ohne eigentliche Ueber< w a ch u n g vom Bodenerträge und der /Viehnutzung ungleich reichlichere Mengen als für alle anderen' Bevölkerungsschichten vorweg zurückbehalten zu dürfen. Weder Verkehrsschwierigkeiten, noch Verteilungs- und Aufbewahrung^ fehler können dem Landmanne in der Regel gefährlich werden, sein Lebensmittelvorrat Ist vorhanden. Wohl ist der ehrbare Bauernstand nöttg und überaus nützlich und seine Arbeit ist für die Allgemeinheit, unschätzbar, aber auch die Arbeit des Handwerkers und Fabriksarbeiters, wie des Beamten, Lehrers und Händlers ist dies nicht minder. Auch der übliche Unterschied in Ernährungsftagen zwischen Schwer- und Leichtarbeitern erscheint nicht genügend begründet, weil z. B. geistige Arbeit unter Umständen ebenfalls eine sorgfältige und reichliche Ernährung heischt, soll der betreffende Arbeiter leistungsfähig bleiben. Es erscheint daher nicht gerechtfertigt, wenn z. B. der Ackerbauminister nur vor dem Bauern und nicht vor jedem gemeinnützigen Arbeiter seine Reverenz macht. Daß die Erfassung und Verteilung der Lebensmittel in Oesterreich-Ungarn mangelhaft eingerichtet und durchgeführt wurde, erhellt schon aus der Tatsache, daß die.Lebensmittelpreise in dem bekanntlich bei weitem weniger fruchtbaren und dichter bevölkerten Deutschland bis heute weit geringere Preise erreicht haben als in unserem teueren Vaterlande. Trotzdem entschließen wir uns heute noch nicht die deutschen Methoden zu „kopieren", wenn gleich auch in Deutschland der Agrarismus Trumpf ist. In Oesterreich haben diese Einrichtungen die unglaubliche Konsequenz gezeitigt, daß 10 Millionen Seelen, die dem Agrariertume angehören, dreimal so viel Getreide und Mehl aufgebraucht haben als 17 Millionen Städter. Die letzte fürchterliche Brotnot' wäre sicherlich nicht aufgetreten, wenn diese ungleiche und ungerechte Behandlung der Städter nicht erfolgt wäre. Der vermögenslose Handwerker und Fabriksarbeiter konnte sich doch einigermaßen rasch durch die Steigerung seiner Lohnforderungen helfen, aber am schlechtesten erscheint die Lage des-Festangestellten, denn dieser gefährdet durch Streik und passive Resistenz sein wirtschaftliches Fortkommen und seine Pensionsaussichten. Rechnet man Beschuhung und Kleidung hinzu, dann ist eS sicherlich keine Uebertteibung wenn man feststellt, die Presse aller Lebensbedürfnisse haben sich seit Kriegsbeginn durchschnittlich verzehnfacht. Soll doch

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