Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 16 (9.8.1918)
- Date
- 1918-08-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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aßrßeit Redaktion 1111b riduiinistratlon: Bien, II., Nvvoragasse 37 Tclevdo»: > Redaktion Slmomat 42.889. dtdmtniftralion Aul. 47.854 tt. r. ffJttr. Postlpnrkafia» Vch»«k»Konko Nr. tlX1.SI8. Inserate: Die viermal gesvaliene Nonpareille-Zeile 25 Heller. NbonneuiriirS- und JnsertionS« betrüge find in Wien zahlbar und klagbar. ^abhängige Aeitfchrift für jüöische JuiereiseL Z --- BezngSprelS: WaiijMrig.ä 16 Hatbjübrig ...... K 8. i| Fiir ftiiUitäbeamte: Waiilirtljvtij.K 12. Erscheint jeden Krertag. iilottv: „Düs 0r»dt.«8 i«t> Wtriirirvil,!" Kill Anstand: «anztahrig.lOSRait Ur. 16. Wien, 9. August 1918. Inhalt: Dr. Moritz Güdemann. — Der Weltkrieg. — Beamten- und Lehrerelend im Kriege. — Die Engelseelen. — Kultus- und Erziehungsfragen. — Die Franzensbader Kursaison im fünften Kriegsjahr. — Verschiedene Nachrichten. Oberrabbiuer Dr. Moritz Güdemann gestorben am 5. August 1918. Trotz des hohen Alters, das der am 5. August d. I. im 84. Lebensjahre auf seinem Sommersitze in Baden verstorbene Oberrübbiner Dr. Moritz Güdemann erreichte, hat die Nachricht von seinem Ableben überall schmerzliche Ueberraschung hervorgerufen. War doch dem Heimgegangenen bis in die letzten Lebenstage eine geradezu bewundernswerte Elastizität des Körpers und Frische des Geistes beschieden und weder die Last der Jahre noch die Bürden des verantwortungsreichen Amtes vermochten seine ehrwürdige, vom Glanze patriarchalischer Schönheit gehobene Erscheinung zu trüben. Seit ungefähr drei Jahren, da er sich unter dem Eindrücke schweren Leides, von dem sein Vaterherz betroffen wurde, von den gottesdienstlichen und außergottesdienstlichen Funktionen zurückzog, war eS der Gemeinde versagt, seinen regelmäßigen Vorträgen auf der Kanzel zu lauschen. Mer wenn er trotzdem bei besonderen Anlässen sich bewogen fühlte, das Wort an ^dieselbe zu richten, dann hat er immer wieder seinen Zuhörern einen seltenen Genuß bereitet. Und so sind uns auch die geistvollen und gedankenreichen Ausführungen, mit welchen er vor wenigen Monaten in der vom Vorstande einberufenen Vertrauensmänner-Versammlung die Wahl seines präsumtiven Nachfolgers empfahl, in lebhafter Erinnerung. Gar manchem der Anwesenden mag angesichts der Frische des Geistes, welche Oberrabbiner Dr. GÄemann darbot, die mit so plötzlicher Eiligkeit betriebene Einberufung der Vertrauensmänner nicht so dringlich erschienen sein, aber Dr. Güdemann scheint trotz der täuschenden Aeußerlichkeiten seine innere Müdigkeit gefühlt zu haben. Er hat damals zum letzten Male zur Gemeinde gesprochen und es fft eine seltsame Fügung des Schicksals: fast zur selben Stunde, als sein Stellvertreter Dr. Chajes am 5. d. M. in sein Amt eingeführt wurde, hat Oberrabbiner Dr. Güdemann sich zum ewigen Schlafe niedergelegt. Das Haus war bestellt, er konnte mit ruhigem Gewissen vom irdischen Schauplatze abtreten. y Mehr als fünfzig Jahre stand Oberrabbiner Dr. Güdemann im Dienste der Wiener Kultusgemeinde, in schweren, stzrrmbewegten Zeiten war er ihr geistlicher Führer. Gewiß hat er neben zahlreichen Verehrern und Bewunderern auch viele Widersacher gehabt, aber seine Gelehrsamkeit, fein reiches Wissen, seine seltene Rednergabe, seine krafwolle, imponierende Persönlichkeit, die mannhafte und unerschütterliche Ueberzeugungstreue, mit welcher er die Gemeinde und das Judentum gegenüber mannigfachen Angriffen und Anfeindungen vertreten hat, ist von allen Seiten uneingeschränkt anerkannt worden. Und wie er im Reiche der Wissenschaft sich einen glänzenden Namen erworben hat, so wird auch fein Wirken in der Wiener Kultusgemeinde in unvergeßlichem Gedenken bewahrt bleiben. Locker zadik liwrocho! Der Weltkrieg. „Was ist, muß sein, denn müßte es nicht fein, so wäre es nicht." Dieser Satz des großen Philosoph«» Hegel, oder wie der alte religionsphilosophische Ausspruch: „Alles Geschehene ist in seinen Ursachen und Endzielen gut, wenn es auch in Gegenwart als Schmerz und Unglück empfunden wird", lautet, wer diese Wahrheiten als solche erkannt, aber nicht bloß äußerlich erkennt, sondern tief innerlich empfindet, der wird den betrübenden und schmerzlichen Erscheinungen der Weltkatastrophe nicht mehr verzweifelnd an Menschheit und Ethik gegenüberstehen, sondern sich zur Wahrheit durchringen, daß eine höhere Macht das Geschick der Welt und mit ihr die Menschheit leitend, momentan über die Gegenwartsmenschheit Trübes gebracht hat, daß aber dieses EhaoS und diese Dunkelheit Vorbedingung ist zum neuen Schöpferwort : „Es werde Licht" und neues, besseres, edleres Leben erblühen wird. Wohl sehen wir allenthalben, daß in vielen Kreisen eine Demoralisation emgetreten ist, daß viel Gutes und Edles entwertet wird und die unedelsten Triebe des Haffes und des krassen Materialismus sich breit machen und an die Oberfläche drängen, doch gerade die Oberfläche nur ist es, an der dieses Unedle anhastet, während in des Herzens Tiefe aufs Neue die Wurzeln der echten Menschheitsideale Boden fassen und die sich aus ihnen entwickelnden schönen Blüten und' Früchte der Menschheitsverbrüderung in Familien-, Gesellschasts- und endlich auch, wenn auch vorerst in nebelhafter Form, mehr geahnt als geschaut, in Bölkerkreisen siegreich, die harte Kruste der Verwilderung sprengend, ans Licht treten werden. Oder glauben wir, die Menschen der knappen Spanne Gegenwart, welche ihnen beschieden ist, die Ursachen des Weltgeschehens begreffen zu können? Unendlichkeit vor uns.