Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 15 (26.7.1918)
- Date
- 1918-07-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 15. Die Wahrheit Seite 5 * Wohlfahrtsbestrebungen der jüdischen Komitees werde volles . Interesse zugewendet. -Der Herr Reichskommissar gab zum Schlüsse seiner Hoffnung Ausdruck, daß es bei gegenseitigem Entgegenkommen aller litauischen Nationalitäten bald gelingen werde, die durch den Krieg geschlagenen Wunden zu heilen und das -an Hilfsquellen reiche Land einer freundlichen Zukunft ent- . gegenzuführen." Zur rumänischen Andenfrage. Der rumänische Mnisterrat hat in den letzten Tagen den Beschluß gefaßt, die Judenfrage auf breitester Grundlage zu lösen. Den Juden soll in Rumänien das so lange angestrebte Staatsbürgerrecht zuteil werden und die so lange in diesem Lande Ansässigen sollen nicht mehr als „geduldete Fremde" betrachtet werden. Wie die so schicksalsreiche rumänische Judenftage entstand, darüber finden wir in dem packend geschriebenen aktuellen Buche von Benjamin Segel „Rumänien und seine Judeu" (Berlin, Nibelungenverlag) interessanten Aufschluß. Die Moldauer und Walachen, wird hier ausgeführt, empfanden den Juden gegenüber wohl etwas von mittelalterlichem religiösen Haß, im allgemeinen muß jedoch zugegeben werden, daß sie den Juden eine ungleich größere Duldsamkeit entgegenbrachten als die anderen christlichen Völker. Oft und oft, sogar noch gegen das Ende des XVIII. ^Jahrhunderts, als sich schon eine andere Sttömung geltend machte, wurden Juden eingeladen, ins Land zu kommen, um Geschäfte zu eröffnen und den Handel zu beleben. Man stattete sie mit Privilegien aus, gewährte ihnen Steuerfreiheit. Eine Anzahl kleinerer und mittlerer Städte sind geradezu -als jüdische Gründungen zu betrachten. Es kam mehrmals -vor, daß sogar Kirchenfürsten sich der Juden und ihrer religiösen Institutionen annahmen. Die Proklamatton der provisorischen. Regierung vom 23. Juni 1848, welche den Juden volle Gleichberechtigung verhieß, war an erster Stelle von einem Metropoliten unterzeichnet. Eine eigentliche Judenfrage gab es vor der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts nicht. Erst um die Zeit, als die .Rivalität zwischen Oesterreich und Rußland in Rumänien stärker wurde und jeder dieser Staaten seinen Einfluß geltend zu machen suchte, fing man an, den Juden besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Nach einem sechsjährigen Krieg gegen die Türkei, in welchem Rußland zu Land und zu Wasser siegreich gewesen, kam 1774 der Friede von Kutschuk Kainardschi zustande, mit dem die Zerbröckelung des türkischen Reiches ihren Anfang nahm. Die von Rußland besetzten Teile der Moldau und der Walachei wurden an ihre Fürsten zurückgegeben, aber Rußland verttat diese fortab bei der Pforte; sein Botschafter hatte eine besondere Kontrollmacht über die Fürstentümer und 1782 wurde ein russischer Konsul in Bukarest mit einer eigenen Leibwache eingesetzt. Oesterreich hatte die Bukowina erhalten und versuchte ebenfalls, Einfluß im Lande zu gewinnen. Die kaiserliche Regierung setzte dem russischen Konsul einen österreichischen Agenten zur Seite. Nun begann das gegenseittge Intrigenspiel. „Der russische Konsul trat viel energischer auf, arbeitete mit allen Miteln der Korruption und der Geheimpolizei. Sein Haus in Bukarest wurde bald zu einem Hof, der ebenso einflußreich war, wie der Hof^des Fürsten." Oesterreich bemühte sich besonders um die Juden, die es, wie auch anderwärts im Orient, allmählich in ein „staatsrechtlich wenig definiertes Schutzverhältnis zum Kaiser" brachte. Das Oesterreich von dazumal war natürlich nicht das heutige seit 1848 und 1868. Für die Juden in Rumänien hatte dieses problematische Schutzsystem zur Folge, daß sie im Bewußtsein auch des einfachen, politisch gar nicht orientterten Mannes aus dem Volke, als Fremde ganz besonderer Art gekennzeichnet wurden, die unter dem Schutz einer fremden, -feindlichen Macht standen, welche sich dem Lande gegenüber -mit unverhohlenen Eroberungsplänen trug. Die Juden mußten den Eingebornen als die polittfche und wirtschaftliche Bortruppe der kündigen österreichischen Eroberungsarmeen erscheinen. Dabei hatten sogar die aus Oesterreich gekommenen Juden das Heimatsrecht im Ursprungsland längst eingebüßt, sie hätten nach Oesterreich wohl gar nicht ohne weiteres zurückkehren dürfen; ihre Pässe enthatten vielfach diesen deutlichen Vermerk. Allmählich dehnte sich dieses Schutzrecht auch auf alle anderen Juden, sogar auf die spaniolischen aus, die nie etwas mtt Oesterreich gemein hatten. Den Juden wurden sehr zweifelhafte Rechte eingeräumt; sie wurden zu scheel angesehenen „privilegierten Fremden" . .. Der russische Konsul besoldete im Lande ein Heer von politischen Agenten, die in allen Kreisen der Bevölkerung gegen Oesterreich rüsteten. Diesem bot die privilegierte Stellung der Juden eine ausgesucht günstige Gelegenheit, gegen den Nebenbuhler Rußlands zu hetzen; die russischen Agenten besorgten also gewissermaßen im Nebenamt auch die Hetze gegen die Juden. Rußland erschien nicht nur als der Protektor der Fürstentümer gegenüber der Pforte, sondern auch als Beschützer vor der Eroberungssucht des Kaiserstaates. Niemand verstand es besset als die Diplomaten des Zarenreiches, in jedem Lande, auf das ihre Regierung ein Auge geworfen, eine russische Partei zu schaffen, teils durch Bestechungen und Begünstigungen, teils indem sie die populären Strömungen förderten. Das erwachende rumänische Nattonälgefühl und der Drang nach Einigung und Befreiung wurde geschickt gegen Oesterreich gewendet, zugleich verflochten sich diese Sttmmungen im Bewußtsein der Rumänen mit einem starken Argwohn gegen die Juden als österreichische Schützlinge... Nirgends in der Welt ist es schwer, den Haß gegen die Juden, auch wo er ttef in den Untergründen der Seele schlummert, zu wecken. Bei den Rumänen schlummerte er gar nicht so ttef. Während des sogenannten zweiten Türkenkrieges, dem ein Bündnis zwischen Oesterreich und Rußland und eine Zusammenkunft von Josef II. mit Katharina in der neugegründeten Stadt Cherson 1788 voranging und der durch den Frieden von Jassy 1792 beschlossen ward, erfolgte eine ungefähr fünf Jahre dauernde Besetzung der Walachei durch eine kaiserliche Armee, gegen die Fürst und Volk sich mit den Waffen zur Wehr setzten. Gleichzeitig hielt Rußland die Moldau besetzt und hauste dort auf seine Weise. Gleichwohl hat es die russische Diplomatie meisterhaft verstanden, vor Europa und im Fürstentum selbst als Bewahrer der ttaditionellen Unabhängigkeit, als Befreier von türksscher Willkür, ja sogar als moderner Reformer sich aufzuspielen und den ganzen Groll und Haß gegen Oesterreich zu wenden. Daß Oesterreichs Schutzbefohlene ihr vollgerütteltes Maß von diesem Groll abbekamen, ist nicht zu verwundern. Der ganze rumänische Fremdenhaß wendete sich fortab vorzugsweise gegen die Juden, diese gatten immer noch als die „Fremden" pur exeellence. Judenhaß wurde nach und nach ein unabwendbares Begleitgefühl des rumänischen Patrioüsmus. Seit jener Epoche dattert die Judenftage in Rumänien und diesen ihren ihren besonderen Charakter hat sie bis auf den heuttgen Tag beibehalten. Es soll nun damit hoffentlich anders werden. * * * Die Voraussetzung zur Naturalisierung. „Renesterea" veröffentlicht den Wortlaut des Vorentwurfes des Judengesetzes, das im Sinne des Friedensverttages erlassen werden muß. Der Vorentwurf kennt wie die übrige rumänische Gesetzgebung das Wort „Jude" nicht. Das Gesetz wird für Fremde ohne Unterschied der Religion erlassen, die in Rumänien leben und sonst keinem Staat an-- gehören. Zu rumänischen Bürgern werden sie gemacht, wenn sie folgenden Kategorien angehören: 1. Jene, die in diesem Krieg unter den Fahnen standen; 2. jene, die in Rumänien anfäßig sind und von Ettern geboren wurden, die selbst im Lande geboren und ansäßig find; 3. Ellern, Wttwen und Kinder auf dem Schlachtfelde Gefallener und Gestorbener;