Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 14 (12.7.1918)
- Date
- 1918-07-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 14. DieWahrheit Unzählige junge Mädchen'trifft man allerdings in Beschäftigung mit Kindern, besonders an öffentlichen Spielplätzen. Leider muß man aber gleichzeitig die Beobachtung machen, Paß die betreffenden jungen Mädchen von der ihnen übertragenen Aufgabe herzlich wenig verstehen. Man glaube doch nur nicht, daß das Spazierengehen oder Spielen mit Kindern so einfach wäre. Warum denn diese Beschäftigung jungen Mädchen übertragen, die sie nur deswegen ergreifen, weil ihnen eine andere Beschäftigung nicht zusagt. Warum die Kinder zu Versuchskaninchen machen? Es versteht doch nicht jedes junges Mädchen ohne weiters, auf die individuellen Eigenheiten des jungen Menschenkindes einzugehen, die guten zu bilden, die weniger guten zu hemmen. Daher sollten nur geeignete geschulte Personen sich mit der Erziehung unserer ganz Kleinen befassen. In manchen jungen Mädchen schlummert sicherlich die Anlage für den Beruf einer Kindergärtnerin, und diese Anlage wird am besten durch den systematischen theoretisch-praktischen Unterricht eines jeden Fröbelhauses gefördert, der auch die allgemeine Weiterbildung der Schülerin nicht außer acht läßt. Auf welch weite Gebiete sich die Arbeit der Kindergärtnerin erstreckt, davon an dieser Stelle zu schreiben, würde zu weit führen. Mit Leib und Seele dabei, kann sich eine Kindergärtnerin als Lohn für ihre Bemühung nur immer des Erfolges erfreuen, sei nun in Familien, Heimen oder Anstalten. Besonders über die Tätigkeit einer jüdischen Familiengärtnerin ließe sich vieles sagen. Ist sie doch die beste Vorschule für den Beruf der Hausfrau und Mutter. Der sich fühlbar machende Mangel an jüdischen Kindergärtnerinnen hat mich zur Veröffentlichung dieser Zeilen angeregt. Es ist mein Wunsch, daß sich recht viele unserer jungen Mädchen diesem schönen Frauenberufe zum enden; sie werden sicherlich darin Freude und Befriedigung finden. Wollen wir aber jüdische Kindergärtnerinnen haben, so bedürfen wir einer jüdischen Bildungsanstalt. Es wäre vermutlich eine dankbare Aufgabe für die Agudas Jisroel oder den Jüdischen Frauenbund eine solche Anstalt ins Leben zu rufen. Hoffen wir, daß eine baldige Zukunft die Verwirklichung dieses Gedankens bringt. Der Amarez. Von N. Lothringer. Die vulgäre Auffassung macht im allgemeinen kaum einen Unterschied zwischen den Begriffen „Amarez" und „Unwissenden", wird sich jedenfalls des Unterschiedes nicht klar bewußt. Amarez und Unwissender sind ungleichartige Begriffe, nicht quantitativ, sondern qualitativ verschieden. Unwissender bezieht sich auf den Inhalt,' Amarez auf die Form. Sie kann nur im Umgang erfühlt werden. Aber gerade diesem Wesensunterschiede gegenüber ist die nach ihr. tastende Frage schwierig. Je mehr der Begriff „Amarez" aus der Sphäre des bloßen Wissens in das Gebiet der Denkformen, des Aesthetischen und Ethischen, sich ausweitet, umsomehr wächst der Unterschied. Der Unwissender ist nicht immer ein Amarez, hingegen der Amarez immer ein Unwiffender. Der Amarez ist ein Sammelbegriff von Banausentum, Roheit und Keckheit, den die Weisen des Talmud mit dem bittersten Haffe verfolgen. Ein Unwissender kann angeborene, aber nicht ausgebildete geistige Fähigkeiten, daher Verständnis und Bildungsgefühl besitzen, was dem Amarez vollständig abgeht. Der Unwissende ist sich oft seiner Unwissenheit bewußt, schämt sich ihrer, verspürt schmerzvoll den Mangel au Bildung, und zugleich die Sehnsucht, diese zu erlangen,., im Gelehrten ein Ideal gehend. Anders der Amarez. Er weiß nicht, daß er nichts wisse, begreift nicht, was sonst mehr zu wissen wäre, als er schon weiß, überhebt sich in brüsker Weise über die Gelehrten und anerkennt keine Autorität. Der Unwissende beobachtet mit Füller Seele die religiösen und rituellen Vorschriften, die er Seite 5 von seinen Eltern oder Lebern übernommen, der.Amarez hingegen legt sich die Vorschriften angemessen seiner Bequemlichkeit und Nützlichkeit, freilich in höchst inkonsequenter Weise, aus. Der Amarez ist kein Freidenker, ist oft sogar nach Bedarf fromm, überfromm. Er will an beiden Tafeln schwelgen: an den Lüsten dieser und der künftigen Welt. Merkwürdig ist es, daß er diese Gegensätze in seinem engen Gehirn vereinigen kann. Der Unwissende ist tolerant, kümmert sich nicht um die Seligkeit anderer. Der Amarez tadelt die Nichtstommen, schimpft über die Aufgeklärten und eifert zelotisch gegen die „Epikureer". Der Unwissende ist bescheiden, zurückgezogen, der Amarez anspruchsvoll, pretenziös. Er nimmt alle Ehrenstellen in der Gemeinde, im Bethause, bei der Tora nur für sich in Anspruch. Bei allen Wahlen, selbst bei den Rabbinerwahlen, spielt der Amarez die größte Rolle. Er allein entscheidet über die Kapazität der Rabbinatsfunktionäre. Der Unwissende liebt den Gelehrten und begegnet ihm mit Ehrfurcht und Hochachtung, der Amarez haßt ihn und spottet seiner Naivität und Unbeholfenheit. Der Unwissende schweigt, der Amarez schreit, spricht überall mit, fällt über- Dinge ein Urteil, deren Wesen er nicht kennt, von denen er keinen Begriff hat. Der Unwissende liebt sein Volk, der Amarez ist kapabel, es zu verspotten, auch zu verraten, sobald es ihm Vorteil bringt. Auch da versteht er Gegensätze zu vereinigen, die Jausmaske zu tragen. Den gutenIJuden zu spielen und unter Andersgläubigen sein Volk zu verspotten. Es ist kein Wunder, daß die Juden einen besonders idealen Zug zum Wissen und Humanismus bekunden. Sie wollen nämlich den Amarez aus ihrer Mitte verbannen. Ostjüdisches. Bon Chaim Bloch (Delatyn) nach den in dem hebräischen Sammelwerke der „Einfachen Gelehrtengesprache" von SchleS und Ettinger enthaltenen Sprüchen bearbeitet. Ein Freigeist rühmte sich Rabbi Jeheskiel Landau gegenüber, daß es unter allen Geboten kein einziges gebe, das er eingehalten, unter allen Verboten jedoch nur ein einziges gebe, das er noch nicht übertreten habe, nämlich den Selbstmord. Rabbi Jeheskiel erwiderte: „Eins hängt vom anderen ab, da du doch durch einen Selbstmord ein Gebot der Lehre: ,Und du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen" (5. B. M. 17, 7) erfüllen würdest." * * * Rabbi Mordechai von Nezchoz, eines der bekanntesten Chassidim-Oberhäupter in Polen, war stüher ein Kaufmann und es war seine Gepflogenheit, von Zeit zu Zeit einen Betrag wegzulegen, um einen schönen Esrog für das Sukkolhe fest kaufen zu können. Als er einmal vor dem Herbstfestr nach Brody reiste, um einen Esrog zu kaufen, begegnete er einem jüdischen Fuhrmann, der neben seinem gefallenen Pferdstand und weinte. Rabbi Mordechai überlegte nicht lange, gab dem Manne den zum Ankauf des Esrog bereit gehaltenen Betrag, damit er sich ein anderes Pferd kaufe und verabschiedete sich von ihm. Als er nachhause kam und man ihn um den Esrog stagte, erwiderte er: „Die ganze Welt wird sprechen den Segen über den Esrog, ich aber über ein Pferd." * * * Rabbi Bensch Messels, der bekannte Rabbiner von Krakau und Warschau, saß einmal im Eisenbahncoupe einem Hauptmann gegenüber, der einen Hund mit sich führte. Um den Rabbiner zu ärgern, rief der Hauptmann den Hund zu wiederholten Malen mit dem Namen „Abraham". Da sprach der Rabbiner, zum Hund gewendet: „Wehe dir, Hund, unglücklichstes Wesen auf Gottes Erden!" Der Hauptmann fragte bestemdet: „Warum findest du meinen Hund unglücklich?" Und der Rabbiner erwiderte: „Weil der Hund einen jüdischen Namen hat, wird er sein Lebenlang nicht zum Hauptmann befördert werden."