Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 14 (12.7.1918)
- Date
- 1918-07-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Dame, wohl eine Landsmännin, indem sie das Lösegeld fitjb sie ^vorstrecken. Es scheint also dort eine jüdische Gemeinde existiert zu habe«, die emeKasse für die „Lösung Gefangener" besaß, wie sie dazumal üblich war. Seit Beginn des XV. Jahrhunderts kamen über die Türkei Juden aus der pyrenäischen Halbinsel. Seitdem finden sich häufiger Spuren ihres Daseins in den Donauländern. Im Jahre 1578 verbietet der Fürst Peter der Lahme von der Moldau in einem mit erquickender Naivität abgefaßten Dekret den Juden ans Polen den Viehhandel in seinem Lande, weil sie den heimischen Viehhändlern (fast ausschließlich Armeniern) Konkurrenz machen. Doch wurde das Dekret nicht in Kraft gesetzt. Den Thron der Moldau schmückte zu Ausgang des XVI. Jahrhunderts sogar ein Jude, der nicht eininal gründlich getauft war, Emanuel Aron, der Tyrann, der riesige Schulden machte und das berühmte Kloster Aron-Voda unweit Jassy gründete. Er und sein Kollege von der Moldau, Mchael der Tapfere, veranstaltete gegen, Ende 1593 eine Erhebung gegen die Türkei, die mit der Hinmordung der. türkischen Untertanen anfing, unter -denen sich viele Juden befanden. Man hört von Bedrückungen, Verfolgungen, Austreibungen, aber öfters noch von Akten des Wohlwollens und der Begünstigung. So wird der Wojwode Stephan Temscha (1611 bis 1651) als Judenfreund gerühmt; in dem mit der polnischen Regierung geschlossenen Vertrag sichert er den jüdischen Kaufleuten Handelsfreiheit in der Moldau zu, 1644 lud er Juden aus Lemherg ein, sich in seinem Lande anzusiedeln. Im Jahre 1656 entsandte der Wojwode Basis der Wolf seinen Leibarzt Dr. Cohen in diplomatischer Mission nach Konstantinopel, wo er mit der Pforte „in Sachen des Fürstentums und des Thrones" unterhandelte. Aufgefundene Grabsteine bekunden das Vorhandensein jüdischer Gemeinden in Bukarest, Fokschany, Galatz, Piatra, Cutna und anderen Ortschaften. Sie dursten auch Grund und' Boden besitzen. In Fokschani bewahrte 1877 eine jüdische Familie einen 150 Jahre alten Kaufvertrag über einen Weinberg, der sich bereits seit sechs Generationen in ihrem Besitze befand. Responsen aus dem XVI. Jahrhundert bekmrden, daß es in Rumänien Juden gab, deren Umgangssprache Rumänisch mar, allein diese Sprache wurde einerseits vom Spaniolischen, anderseits vom Jüdisch-deutschen verdrängt. Spuren von ihr erhielten sich lange in den Benennungen der jüdischen Gemeindevorsteher. Auch die altrumänische Tracht erhielt sich bei den Juden (gleichwie in Polen die altpolnische) bis in die neueste Zeit hinein. Indessen hat all das bloß antiquarisches Interesse. Der weitaus größte Teil der heutigen Juden in Rumänien stammt von Einwanderern, die frühestens in der ersten Hälfte des XVII. Jahrhunderts dorthin gekommen sind; sie stammten aus Polen, wo sich dazumal ihre Lage infolge der fortwährenden Kriege und Unruhen, die das Land heimsuchten, arg verschlimmert hatte. Der Strom der Einwanderer wurde nicht unterbrochen, als nach den Teilungen Polens für die Juden in den an Rußland gefallenen südlichen Provinzen eine neue Epoche der Bedrückung anfing und die Bukowina 1775 von der Türkei an Oesterreich kam. In Galizien verfolgte die österreichische Regierung die Politik, die Juden der neugewonnenen Provinz nach Kräften abzudrängen. Diejenigen, die keine Zuflucht in Polen finden konnten, wandelten über die Bukowina nach der Moldau und der Walachei. Im XIX. Jahrhundert trieben namentlich die Verfolgungen der russischen Juden durch Mkolaus I. zahlreiche Einwanderer nach den Donaufurstentümern. Anderseits lockte die Erschließung der Häfen des Schwarzen Meeres und der unteren Donau für den internationalen Handel, namentlich durch den Vertrag von Adrianopel, 1829, zahlreiche ausländische Juden herbei; dieselbe Wirkung übte auch der weitere Aufschwung des Verkehrs, den jene Gegenden in den folgenden Jahrzehnten wiederholt erlebten. Jüdische Kindergärten. . Bon B. b. I. Hör ku^em entwickelte im Rahmen eines Vortragsabendes Herr Dr. Kimmel im mittleren Konzerthaussaale in Wien seine Pläne zur Gründung jüdischer Kindergärten, unter Zusammenschluß aller Parteien und Gruppen des Ju* dentums. Die Tat wäre nicht übel, wenn sie gelänge, wie sie Herr Dr. Kimmel ,.entwickelte". Wahrhaftig, der Vortragende „entwickelte", denn er kam vom Kindergarten zum jüdischen Theater und auch zu Buber, aber zum völlig entgegengesetzten Pol. Was hat denn Buber mit einem Kindergarten zu tun?! wie Herr I. U. C. Hans Kahan in der dem Vortrage folgenden Debatte fragend ausrief. Bei der Gründung eines Kindergartens dürfe man das Wort „Buber" überhaupt nicht fallen lassen,, denn dies zöge, einem scheinbar unwiderstehlichen Magnete gleich, auf einen falschen Pfad. Und das Einschlagen eines solchen Pfades bei der Gründung von Kindergärten wäre ein Verbrechen am jüdischen Volke, da man — ob an Buber oder realen Zionismus denkend ist ganz gleichgültig — in den kleinen Kindern keine einzige der vielen Richtungen des Judentums erzieherisch festlegen dürfe, sondern reinstes Judentum selbst. Bloß die allgemeinen Gedanken der Menschlichkeit dürfen maßgebend sein, vom Geiste des Judentums, jüdischer Tradition durchwebt. Herr Kahan sprach dies, man merkte es, aus innerer Ueberzeugung und auf Grund - praktischer Kenntnis der Dinge. Herr Dr. Kimmel ließ zu sehr die Theorie fühlen,' Worte, die keine Tat vermuten lassen. Will er die Tat, dann möge er ohne Vorsitzenden, der etwas komisch anmutete, und ohne Stenographismen, die der Veranstaltung jedenfalls einen Strich ins Interessante geben sollten, folgende Dinge genau erwägen und darnach achten: Wie er selbst schon erwähnte: Zurückstellunng jeder Parteilichkeit, jedoch stets genaue Berücksichtigung des Begriffes „Judentum", das aus den beiden gleichbedeutenden Komponenten „Religion" und „Nation" gebildet ist. Dann Zurückstellung jeder Protektionswirtschaft! Der jüdische Kindergarten im Sinne Dr. Kimmels darf kein Versorgungsinstitut stellenloser jüdischer Lehrer sein. Hier muß unser Wohltätigkeitssinn zugunsten unseres Volks-., tums zurückstehen! Nur ausgewähltes, leistungsfähiges Material darf zur schwierigen Aufgabe der Heranbildung eines Kraft-Judentums — in körperlicher und geistiger Beziehung — herangezogen werden, dann verspricht das Ganze von Erfolg begleitet zu sein! ' . . Und nochmals: Das jüdische Kind darf nicht, zum- Versuchskaninchen werden!! ZnrKernfsfrnge für jüdische junge Mädchen. Zur Berufsfrage für jüdische Mädchen gibt Frau Selma Hirsch in Hamburg im „Jsr. Familienblatt" folgende zeitgemäße Anregung-: In der heutigen Zeit gibt es wohl kaum ein junges Mächen, das nicht den Wunsch hegt, einen Beruf zu ergreifen. Zum Semesterschluß werden dann die Fragen zur Berufswahl laut, und immer mehr junge Mädchen entschließen sich für den Beruf der Kontoristin, während bedauerlicherweise sich nur sehr wenige für den Beruf entscheiden, der der Frauennatur am nächsten liegt. Ich meine den Beruf der Kindergärtnerin.' In nichtjüdischen Kreisen gibt es sehr viele Kindergärtnerinnen und -Pflegerinnen. Die Kinderfürsorge ist auch in den letzten Jahren bedeutend ausgedehnt worden; die Ideen Friedrich Fröbels erstrecken sich längst über Deutschlands Grenzen hinaus, wie nach England, Schweden, Amerika usw.; doch gibt es immer noch weite Kreise, in denen die arbeitsreiche und ausgedehnte Tätigkeit der Kindergärtnerinnen nicht genügend geschätzt, ja geradezu verkannt roirb.