Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1918-06-28 · Heft 13 (28.6.1918) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1918
Issue
Heft 13 (28.6.1918)
Date
1918-06-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3062972-3063774-3063787--10653-3078007
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 13 Äie WaWeit .SM heit beglückenden Grundsätze de§ Judentums däs Alpha und Omega ap ologeti fch er Erziehung bilden und den -Unterricht unauf h ör li ch durchdringen. Der Redner macht ferner auf die Gefahren des immer weiter um sich -greifenden Jndifferentismus und der in seinem Gefolge einherschreitenden Abfallsbewegung aufmerksam und zeigt, daß die in seiner Denkschrift vorgeschlagenen Reformen das einzige Mittel seien, diesen Gefahren zu steuern. Daß er sich auf dem richtigen Wege befinde, bewiesen ihm die überaus zahlreichen Kundgebungen der Sympathie und der begeisterten Zustimmung, die ihm von den erlesensten Kreisen der Wiener Judenfchaft zugekommen feien. An dieses Expose knüpfte^sich eine lebhafte Debatte. Herr Kultusoorsteher Dr. Schreiber erklärt, nicht zugeben zu können, daß die vom Referenten erwähnten Uebelstände tatsächlich in diesem Umfange existieren; sie. kämen vielmehr nur sporadisch vor und der Kultusvorstand befaffe sich sehr eingehend mit diesen Fragen. Zum Schluffe erklärt er seine Bereitwilligkeit, bei den Bestrebungen der Anreger der Versammlung mitzuwirken. Obmann-Stellvertreter des Bethausvorstandes, Herr Anton Beck, bestätigt die Notwendigkeit gründlicher Reformen und weist darauf hin, daß solche im Sinne der Denkschrift den Gegenstand eingehender Beratung im. Schoße des Bethausvorstandes bilden. Herr Kultusoorsteher Univ.-Prof. Dr. Ehrmann betont eingehend, daß die äußere Erziehung dringend geboten sei, auch schon darum, damit sich "der Jude nicht in auffälliger Weise von anderen ' Mitbürgern unterscheide und dadurch Anlaß zu übler Kritik am Judemturne gebe. Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Thaler schloß sich gleichfalls den Ausführungen des Referenten an. Kais. Rat Dir. Heller besprach in längerer Rede die Notwendigkeit, daß der Religionsunterricht umgestaltet und für ein den hohen Aufgaben gewachsenes Lehrermaterial Vorsorge getroffen werde, dem eine sorgenfreie Stellung gewährleistet werden müsse. Hof- und Gerichtsadookat Dr. Jakob' Kohn befürwortet wärmstens die Anträge des vorbereitenden Komitees auf Maffenverbreitung der Denkschrift und Einsetzung eines Aktionskomitees, was von der Versammlung einstimmig angenommen wurde. Zum Schluffe dankte der Referent allen Rednern für die gegebenen Anregungen,^worauf der Vorsitzende mit Dankworten an die Erschienenen die Versammlung schloß. Die ,,8'ne alij8“. Von N. Lothringer. Die Hülsneraffaire ist, wie es den Anschein hat, trotz der Begnadigung Hülsners noch immer nicht von der Tagesordnung abgesetzt worden. Es gibt noch immer edle Männer, welche mit der Begnadigung Hülsners, d. h. mit dessen Befreiung vermittelst des „deus ex maehina,“ nicht zufrieden sind, sondern auf eine Revision des Prozesses hin» arbeiten, und boshafte Leute, welche diesem Streben entgegenarbeiten und es als „freches Ansinnen" bezeichnen. Eine solche niedrige und zugleich drollige Denkweise erinnert an den klassischen Streit zwischen Galilei und Cremonini. Als Galilei mit Hilfe des Teleskops die Jupitermonde entdeckte, erklärte ihn sein Zeitgenosse Cremonini, der Jupiter habe keine Monde, wie Aristoteles behauptet und bewiesen habe. Daraufhin forderte ihn Galilei auf, dnrch das Fernrohr zu schauen. Dies verweigerte Cremonini mit der Begründung, er könne da die Monde vielleicht sehen und wäre dann nicht mehr in der Lage zu behaupten, es gebe keine; solange er sie nicht gesehen habe, sei er berechtigt, ihre Existenz zu leugnen. Die Boshaften stehen alle auf dem Standpunkt Cremoninis. Sie fürchten, in die Prozeßakten hineinzuschauen, weil sie da vielleicht die Unschuld Hülsners entdecken könnten und nicht mehr in der Lage wären zu behaupten, Hülsner sei kein Mörder oder es gebe keinen Ritualmord. Die edlen Menschenfreunde wollen die Cremoninis zwingen, ins Telestop der Wahrheit zu schauen. Unter diesen befindet sich ein Greis, Don dem man mit Recht sagen kann, ergraut Tugend in und Ehren, der Verfasser von zwanzig Schriften gegen Kriegs Duell, Bkutmärchen und andere mittelalirrkiche Einrichtungen^ der Schriftsteller Elias Lehr in Wien. Kein Mensch hat für Hülsner so viel getan und gelitten als dieser Mann. Er scheute keine Mühen Und Kosten, um die Regierung zu zwingen ins Telestop zu schauen. Er erwirkte beim Gefängnisdirekkor, einem überaus intelligenten edlen Manne, eine bessere Behandlung des Unschuldigen, sandte an den Justizminister, Staatsanwalt und andere maßgebende Persönlichkeiten, ja selbst an den Thron Memoranden und Broschüren, die ihm wegen des allzu offenen Tones eine Geldstrafe von 200 Kronen einttugen. Auch an den Verurteitten schrieb er Briefe voll des Trostes und der AufmuMerung. EliaS Lehr ist ein Sonderling in seiner Art, eine in Menschlichkeit schwelgende Seele. Noch nie sah ich einen so begeisterten, herzechten Vorkämpfer für Wahrheit, Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Seine Schriften versetzten jeden rechtdenkenden, hochsinnigen Menschen in Ekstase. Wie viele Kunstgriffe, Wortjuwelen findet man darin und welch' überzeugungsmächtige, zwingende Logik! Jede Zeile hat die Weihe seines edlen Herzens. Es ist zu beklagen, daß die „b’ne alije“ die Erhabenen, noch immer so selten sind. Wie ein langgezogener, banger Seufzer klingen die Worte des Talmuds : B’ne alije hem meatim“ „Der erhabenen Menschen sind ach so wenig." Deshalb hüpft unser Herz in der Brust, wenn wir einen „b’ne alije“ finden. Und wir brauchen sie die „b’ne alije a Jetzt mehr als je. Hülsner war und ist für uns eigentlich nur ein Symbol. Auch das jüdische Volk ist seit Jahrtausenden unschuldig verurteilt und lebt gleichsam von der Gnade. Sein Prozeß ist noch immer nicht revidiert; denn seine Feinde wollen nicht ins Teleskop der Geschichte schauen. Wir leben Jahrhunderte in einem Lande, bauen es aus, bereichern es mit unserem Unternehmungs- und Haudelsgeiste, industrialisieren es, zahlen Blut- und Vermögenssteuer gleich den besten Bürgern und nun sagen die guten Nachbarn, sie tolerieren uns, während die schlimmen rufen: „Jagt sie aus dem Lande!" Und wir sind immer und überall nur „begnadigt". Und wir bedürfen der edlen, opferwilligen, tatkräftigen Männer, welche die Cremoninis aller Völker zwingen sollen, ins Teleskop der Wahrheit zu schauen. Eingesendet. Den sonst vortrefflichen Ausführungen des Herrn Professer Dr. K a h a n in seinem Artikel „Redisch, der Kantorenfteffor" möchte ich folgende Tatsachen entgegenstellen: Wohl hat die Berliner Gemeindebehörde vor etwa 35 Jahren auf Anregung Lewandowskis an ihre Kantoren die Verordnung ergehen lassen, sich streng nach Lewandowskis „Hol Rinnau zn halten. Die Kantoren erklärten in ihrem Antwortschreiben, daß dies musikalisch unausführbar sei, weil die Kantoren verschiedene Stimmlagen besäßen und nicht alle die vom Vorbeter vorzutragenden Gebete im „Hol Rinna“ komponiert seien. Somit sei der Kantor auf seine musikalische Phantasie angewiesen. Es dürfte Herrn Professor Kahan nicht bekannt sein, daß in Berlin auch andere Komponisten zu Gehör kommen. So wird der Sulzer'sche F dur L’cho dodi oft zum Vortrag gebracht, ebenso seine Komocbio und an den hohen Feiertagen Hallelujah und Hi onu ammecho. In den meisten hiesigen Orgelsynagogen wird ein Wsehomru von Kirschner seit längerer Zeit gesungen. Schreiber dieser Zeilen singt seit vielen Jahren die Muffaf K'duscha in der Vertonung von Sulzer, Deutsch, Naumburg, Weinttaub, Bachmann, Birnbaum und solche eigener Kompofitton. So empfinde ich z. B. beim Vorttag des Sulzer'schen oder Deutsch' Rezitativs M’loch al kol hoolom kullo am Rosch haschono große Freude. Wann endlich wird die falsche Behauptung aufhären, daß die Berliner Kantoren nur nach Lewandowski fingen! Aron Fried mann, Oberkantor der jüd. Gemeinde Berlin und Kgl. Musikdirektor.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.