Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 13 (28.6.1918)
- Date
- 1918-06-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 13. Projekt w«ter fottsetzW, um die Juden gnstätt Ln ihrem Lande zu konzerchsieren, lieber in der weiten Well wie Spreu verwehen zu lassen. Die Sammlungen der in erfreulicher Weise so populär gewordenen Institution des Jüdischen Nationalfonds allein können nicht ausgiebig genug sein — möge diese Schwarzseherei einem Mitbegründer und Wertschätzer dieser erhabenen Volksinstitution gestattet sein — um die erforderlichen Mttel aufzubringen. Der Zionismus ist dem jüdischen Volke aus seinen heterogenen Anschauungen, den Orthodoxen und Assimilanten, abgetrotzt worden. In diesem Bruderstreit einer verirrten Zeit dürften private Unversöhnlichkeiten entstanden sein, die die Zionisten zur großmütigen Abrüstung mit der koketten Jdeenpedanterie gemahnt. Man kann eben zur Liebenswürdigkeit ebensowenig zwingen wie zur Einsicht und Gerechtigkeit. Es wäre die schönste zionistische Tugend, in dieser großen Zeit den Stolz und die Eitelkeit herabzudrücken, dem Volke die volle Wahrheit der eigenen -Machtlosigkeit einzugestehen und ihm das Bekenntnis des unheilvollen Irrtums' nicht zu ersparen. Aus dem engen Rahmen der Organisation treten und das jüdische Volk zur Mitarbeit aufzurufen, um schöpferische Volkskraft dem Palästinawerk zukonnnen zu lasten, das ist das Losungswort der Gegenwart! Mlzugroße Vorsicht wäre in dieser großen Zeit nur eine Maske der Schwerfälligkeit und gründliche Ueberlegung könnte, ohne den raschen Zugriff, die günstige Gelegenheit verpassen. Gleich den russischen zionsfteundlichen Brüdern müßten überall auf Initiative der Zionisten mit den Edelsten und Besten der Kultusgemeinden und Bethausvereine Kolonisationsvereine ins Leben gerufen werden, die sich ihrerseits eine von den Zionisten unabhängige Zentrale bilden. Diese neuzuschaffende Gesellschaft der „Palästinafreunde" oder „Kolonisationsfreunde" darf frei an die jüdische Bürgerschaft herautreten, ohne sie mit irgendwelchen zionistischen Pflichten zu belasten. Die einlaufenden Mitgliedsbeiträge pon -zwölf Kronen jährlich aufwärts sind ebenso wie die anderen Einnahmen ausschließlich für die Erlösung zu verwenden. Ist es den Zionisten, die auf viele Irrwege geraten sind, nicht gelungen, die breiten Volksmaffen für Zion zu gewinnen, so kann und wird sicherlich eine neue Partei aus den besonnenen bürgerlichen Juden entstehen, welche sich die Förderung der originalen Stmnmeseigenart in Palästina zur Aufgabe macht. Ebenso wie die Tatsache nicht wegzuleugnen ist, daß die russische „Gesellschaft der Zionsfreunde zur Förderung des Ackerbaues und Handwerkerstandes in Palästina, und Syrien" mehr Boden als die allweltliche zionistische Organisation erwerben und neue Kolonien anlegen konnte, so ist es nicht ausgeschloffen, daß im politisch freieren Oesterreich-Ungarn und Deutschland viel Ersprießlicheres für die Gebietserweiterung geleistet werden kann. Während einige unansehnliche Landkäufe dem Zionismus, der mehr Unmöglichkeiten als Möglichkeiten anstrebte, erst abgetrotzt werden mußten, konnten im Rahmen der mit der zionistischen Marke nicht gezeichneten alten Berliner „Esra" sowie des seinerzeit von Dr. Moses Mannheim und und vom gottsel. Baurat Wilhelm Stiaßny in Wien ins Leben gerufenen Kolonisationsoereines ansehnliche Neugründungen das Palästinawerk bereichern. Stößt der Weg über „Zion" nach Palästina auf große Schwierigkeiten innerhalb des Judentums, so kann der umgekehrte Aufmarsch von religiösen Velleitäteu unbehindert eher zum Ziele führen. Eingedenk der so beschämenden Tatsache, daß die Lösung des Palästina-Problems weniger von den Weltbeherrschern als von der Worcklauberei des Bruderzwistes gestört? wurde, soll in diesem großen Momente die ferngestandene Bolkskraft zur segenbüngenden Mitarbeit aufgeürfen werden. Es müssen auch die abseitsstehenden Volkskv«se positiv mitschaffen am Ausbau und Gedeihen des Landes. Denn nicht mitzuhaffen, sondern nutzulieben sollen alle Geistesrichtungen des Volkes da sein. Die volle Harmonie zwischen dem heimlosen Volke usid der wackeren Heldenschar der ans den Feldern Palästinas fsir ihr Volkstum kämpfenden Pioniere könnte nicht wirkungsvoller hergestellt werden als durch das stolze Bewußtsein, daß Volk und Pioniere die Absicht verbindet, die Bewahrung ihrer strammen, schrankenlosen Eigenart in schwerer Arbeit zu erkämpfen. Die neuen Volksabgaben sinh nur für die Errichtung neuer Kolonien für. die in gründlicher Schulung befähigt gewordenen Landarbeiter bestimmt, indem ihnen der Boden gegen bequeme Abzahlungen auf die Dauer von zwanzig Jahren zur Verfügung gestellt wird. Sollte diese Anregung die Wirkung auf die öffentliche Meinung nicht verfehlen, so könnten auch aus diesen Volksabgaben für die jüdischen Kriegswaisen in Palästina landwirtschaftliche Lehrfarmen errichtet werden, um diese unglückliche, so horrend große Jugendschar dort zu nützlichen, brauchbaren, sich redlich ernährenden und das Judentum ehrenden Menscheu heranzüziehen. Der Umstand, daß hierzulande, wo so viele Tränen zu stillen sind, die Betätigung des goldenen jüdischen Herzens seitens aller Volksschichten den Hungernden und Kranken Jerusalems in so ausgiebiger Weise beitrat, rechtfertigt auch die Annahme, daß auch dem großen Zukunftswerke der Auflebung Palästinas neue Kräfte zuströinen werden. Im Zeichen der großen Zeit' appelliert nun die Geioiffensschuld an das jüdische Volk, sich emporzuraffen, um auf diesem Wege eine historische Großtat zu leisten. Indische Kultus- «ud Crriehurlgsfragen. Aus Anlaß der von Herrn Schulrat Prof. Dr. Moritz Tschiaßny herausgegebenen Denkschrift „Jüdische Kultus- und Erziehungsfragen" veranstaltete ein vorbereitendes Komitee, bestehend aus den Herren Kommerzialrat Ed. R. v. Doctor, Bernhard Goldstein und kais. Rat Dr. S. Krüger, am Mittwoch den 19. Juni eine Versammlung im Kaiserin- Elisabeth-Heim, die von ungefähr 200 Personen, Damen und Herren, besucht war. Es erschienen die Kultusvorsteher Dr. Deutsch, Univ.-Prof. Dr. Ehrmann, Architekt Gärtner, Hofrat Dr. Löwner, Dr. Schreiber, die Bethausvorsteher Beck, Blum, Freund, Dr. Müyz, Kommerzialrat Rosenzweig, Simon, die Damen: Präsidentinnen Frankl, Gerber, Grünfeld, Halberstam, Hecht, Frau kais. Rat Dr. Krüger, die Herren Vorsteher der Tempelvereine Freund, Glück, kais. Rat Direktor Dr. Krenberger, Müller, die Obmänner der Bezirkskommissionen Straßberg, Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Winternitz, Obmann der Ternpelbaukommission Dr. Gutmcinn, Hofrat Berftl, Univ.-Prof. Dr. Roth, die Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Jakob Kohn, Dr. Selldorf, Dr. Skrein, Dr. Thaler, kais. Rat Dir. Heller, Dir. Fischer, Schulrat Dr. Weiß, kais. Räte Dr. Ascher und Karbach, Hauptmann Lederer, Magistratssekretär i. R. Dr. Löwy, Chefredakteur Dr. Löwy, Apotheker Dr. Friedjung und zahlreiche andere Persönlichkeiten. Den Vorsitz führten die Herren Bernhard Goldstein und kais. Rat Dr. Krüger. Kais. Rat Dr. Krüger begrüßte die Erschienenen, verlas eine Reihe von Zustimmungskundgebungen, begründete den Zweck der Versammlung und erteilte dem Referenten Herrn Schulrat Dr. Tschiaßny das Wort. Dieser besprach die dringliche Notwendigkeit der äußeren und inneren Erziehung, der ethischen Regeneration des jüdischen Volkes. Er schilderte die in vieljähriger Beobachtung wahrgenommenen Uebelstände, die sich allmählich im allgemeinen wie im Jugendgottesdienste eingebürgert haben, die Unaufschiebbarkeit dringender Reformen auf diesem Gebiete, die Wichtigkeit der apologetischen Belehrung für die Erwachsenen und die Irgend. Namentlich müßten beirn Jugendunterricht die echischen, humanen, von jeder nationalen Exklusivität freien, von hoher universalistischer Idee durchtränkten, die Menschmm