Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 12 (14.6.1918)
- Date
- 1918-06-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 12. Die Wahrheit Gerte 7. religiös zu empfinden nnd ist außerdem — ei» musikalisches Rindvieh — würde ich sagen, weny ich unhöflich sein wollte. Natürlich sind nicht alle Kantoren auf der Höhe, und Unvermögen und schlechter Vortrag können dieschönsten Gesänge ungenießbar machen. Auch sind manche I mp r» vis ationen der Kantoren nicht besonders schön. Darum hat wohl die Berliner Gemeinde ihren Kantoren aufgetragen, sich streng.an Le w and o ws ki zu halten. Sulz er und -Deutsch kommen in Berlin nicht in Betracht. Ist denn über damit gesagt,' daß dort der Kantor, wie Dr. Redisch behauptet, zur Seite geschoben wurde? Durchaus nicht! Der Kantor ist in Berlin wie überall der unentbehrliche Träger des Gottesdienstes und der Rabbiner ist, wenn er nicht predigt, noch immer „überflüssig." Denn die paar vorgeschriebenen deutschen Gebete könnte doch allenfalls auch der Kantor vorlesen! Daß nämlich die wichtigsten Gebete in Berlin dem Rabbiner übertragen worden wären, entspricht absolut nicht den Tatsachen! Sagt etwa dort der Rabbiner die TepHilla, die Keduscha, Unes a n e T o k e f und dergleichen? Weit gefehlt! Am Neujahrsfeste außer den Gebeten beim Ein- und Ausheben nur noch eine kleine Einleitung zu Alenu — das ist alles, was der Rabbiner zu sagen hat. Am Versöhnungstage kommen hiezu: Das Mastir, einige einleitende Worte zu Aboda und ein Gebet nach dem Sündenbekenntnis. Und das meint Dr. Redisch die „wichtigsten Gebetet" — Nach solchen Kraftleistungen schließt er mit den Worten: „Man muß gar nicht daran zweifeln, daß der Gottesdienst der Zukunft den Kantor vollständig eliminieren wird." — „M uß?!" Kein Mensch -muß müssen! Aber man darf wohl daran zweifeln, ob die Judenheit je auf den Vortrag und den Gesang des Kantors wird verzichten wollen oder auch nur können, solange der jüdische Gottesdienst nicht entjudetist — und dazu wird - es hoffentlich nie kommen! Dank des KnUnsnsrstandr» in Wadimir-Molynski au Herrn Feldrabbiner Dr. Färber. Nach zehnmonatlicher Tätigkeit als Militärseelsorger der k. u. k. 4. Armee mit dem Sitze in Wladimir wurde Herr Feldrabbiner Dr. Färber am 26. d. M. nach Cholm transferiert und schied somit von unserer Gemeinde, um welche er sich unvergängliche Verdienste erworben hat. Traurige Zustände waren es, die der Herr Feldrabbiner anfangs August vorigen Jahres bei uns oorfand und es war ein "glücklicher Griff des Armeeoberkommandos, daß es diesen tüchtigen Rabbiner mit der Regelung unserer Gemeinde, ihrer Schulen und Wohlfahrtsanstalten betraute. Eine kaum zweiwöchentliche Orientierung genügte ihm, die Uebelstände zu erkennen und die Mittel zu deren Beseitigung ausfindig zu machen. Im ürgen lag vor allem das Armenunterstützungswesen. Da wurde die Wiener israelitische Allianz bewogen, ihre eingestellten monatlichen Subventionen neuerdings zu bewilligen und zu erhöhen. Die Verteilung der Unterstützungen wurde geeigneten Männern, an deren Spitze sich der Feldrabbiner selbst in hingebungsvoller Weise stellte, übertragen. Viele Monate hindurch war der Feldrabbiner bemüht, ein genaues Verzeichnis der Armen aller Grade anzulegen und die Höhe ihrer Unterstützungen festzustellen. Zugleich ließ der Feldrabbiner durch das Armeekommando im Wege des Etappenbezirkskommandos einen zwölfgliederigen Kultusvorstand auf Grund von zu diesem Zwecke an Stelle von Statuten verfaßten Dienstinstruktionen auf Kriegsdauer nominieren und führte denselben durch Leitung der Sitzungen und durch stets zutreffende Ratschläge und Weisungen bis zur vollständigen Einarbeitung und sicheren Amtsführung. Aus dem chaotischen Zustande, in welchem die hiesige gegenwärtig 40.000 Seelen zählende, hauptsächlich aus Armen und Elenden sich zusammensetzende Gemeinde befand, ist nunmehr ein , wohlgeordnetes Gemeinwesen entstanden, so dgß die Nachbakstadt Ustflug beim Armeekommando biststelüg wurde, der Feldrabbiner möge auch dort nach dem Muster von Wladimir die jüdische Gemeinde organisieren, was ebenfalls geschehen ist. Für die jüdischen Schulen wurde eine Schulsektion dem Kultusvorstande angegliedert und dem Unterrichte modernere Gesichtspunkte zur Richtschnur gegeben. Eine herzerhebende Aktion zur Bekleidung armer Kinder während der Winterzeit durch Veranstaltung von Wohltätigkeitsabenden für Zivil und Militär unter dem Protektorate des Feldrabbiners führte zur Gründung eines ständige» Bekleidungsoereines (Malbisch Arumirn), dessen Präsidium ein Mitglied des Kultusvorstandes innehat und welcher bereits für ungefähr 10.000 Kronen Schuhe und andere Kleidungsstücke an die ärmsten Kinder verteilen konnte. Dieser Aktion schloß sich die Holzversorgung der arme» Schichten in einem Betrage von K 5.000 an. Zu Peffach war der Vorstand nach umfaffenden Borbereiten in der Lage, K 15.000 der Armenunterstützung zuzuführen. Die jüdische« Volksküchen erfreuten sich stets der größten Fürsorge des Feldrabbiners, ebenso die Talmud-Toraschule und das Rabbinatskollegium. Große Aufmerksamkeit ist dem rituellen Bade (Mikioa) zugewendet und ungeachtet erheblicher Schwierigkeiten ein neuer gewissenhafter Pächter diesem wichtigen Institute bestellt worden. Im Haupttempel' (Stadtschul) erfolgt eine wesentliche Verbefferung der Ordnung, der Hygiene und der Verwaltung. Der Grundgedanke, von welchem der Feldrabbiner ausging, war, alle Zweige des Gemeindelebens zu zeutralisieren und zwar so, daß die einzelnen Fäden in der Hand des Kultusvorstandes zusammenlaufen. In Konsequenz dieses Grundgedankens wurde den Vereinen, beziehungsweise Sektionen je ein Vorstandsmitglied als Berater und Referent beigegeben. Kurz, eine segensvolle, von hoher Organisationsfähigkeit, nicht minder auch von Liebe zum Judentums zeugende, auf sämtliche Gebiete unserer Gemeinde sich erstreckende selbstlose Wirksamkeit entfaltend, erwarb sich Herr Feldrabbiner Dr. Färber den tiefsten Dank unserer Stadt. Der gefertigte Vorstand sieht mit größtem Bedauern den verdienten, von allen Parteien hochverehrten Rabbiner aus seiner Mitte scheiden und wünscht ihm von Herzen Glück zu allen seinen das österreichische Judentum ehrenden Bestrebungen! Schließlich danken wir auch Herrn Feldrabbiner Dr. Färber für die vielen Erbauungsstunden der Gottesdienste und der lehrwie genußreichen Predigten, die zwar dem Militär galten, jedoch auch der versanimelten Zivilbevölkerung zugute kamen. Was endlich Herr Feldrabbiner Dr. Färber als Vermittler zwischen der jüdischen Bevölkerung und der Militärverwaltung geleistet, das sei heute nur andeutungsweise erwähnt. Bei Gott ist es, solche Mühen und Verdienste zu lohnen. Unserseits soll nach Rückkehr des allgemeinen Friedens diesem Kapital ein goldenes Blatt in der Geschichte unserer Gemeinde gewidmet werden! Zum Zeichen des Dankes hat der Kultusvorstand namens der Gemeinde am Tage des Abschiedes ihres Gönnet und Wohltäters Se. Ehrwürden Herr k. u. k. Feldrabbiner Dr. Rubin Färber zu seinem immerwährenden Ehrenmitgliede ernannt. Wladimir-Wolynski, den 27: Mai 1018. Für den Kultusvorftand: Leon Kantor, Vorsteher. Eh. Feigenbaum, Schriftführer. W. Gabbe, Kassier.