Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 12 (14.6.1918)
- Date
- 1918-06-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 6. Die Wahrheit Nr. 12. besonderer, von rumänischen Instanzen zu prüfende Nachweise das Bürgerrecht in Aussicht stellte. Aus einer in Jassy im Dezember 1917 erschienenen offenbar von der Regierung in Jassy inspierierten Broschüre mitgeteilt, wie die rumänische Regierung nach ihrer bekannten Methode die Freunde der Juden in Westeuropa und in Amerika durch Drohungen einzuschüchtern und die Juden selbst politisch zu diskreditieren strcht. In jener (zur Zeit der Verbindung Rumäniens mit der Entente veröffentlichten) Broschüre wird vor dem „Feldzug" zu Gunsten der Jrwen unter Hinweis darauf gewarnt, daß die rumänischen Juden in engen wirtschaftlichen Verbindungen mit den „Austto-Germanen" stehen. Sie bilden recht eigentlich das deutschfreundliche Element im Lande und sollen mtt dem Eindringling in so auffallender Weise paktiert und chre deutschfreundlichen Gefühle so wett getrieben haben, daß ihre Haltung direkt den Charakter der Komplizität mit dem Feinde gegen die rumänische Bevölkerung angenommen hätte. , Der Bericht schildert auch die jüngsten Exzesse gegen die Juden in Galizien und teilt mit, daß Präsident Dr. Alfred Stern namens der Allianz in dieser Angelegenheit beim Minister des Innern Grafen Toggenburg interveniert hat. An einer Sammlung zugunsten der Hinterbliebenen des durch die Mißhandlungen bei den Evessen in Krakau ums Leben gekommenen Petachia Meller, hat sich die Israelitische Allianz mtt K 1000 beteiligt. Aus den Mitteilungen über das Bereinsvermögen und die Verwaltung geht hervor, daß dem Stammfonds im verflossenen Jahre Legate nach Dr. Karl Elsaß in Effekten L 60.000, nach Hermann von Back- Begavar K 10.000, nach Prof. Dr. Josef Pollak K 3000, nach Edmund Kann K 5000, ferner ein Stifterbeitrag von Herrn Bernhard Goldstein K 4000 und Gründerbeiträge von den Herren Karl Rosenmann und Eugen Quittner je K 1000 zugegangen sind. 376 Mttglieder sind neu beigetreten und 225 frühere Mttglieder haben ihre Jahresbeiträge um K 1917 erhöht. In Przemysl sind dem Verein infolge einer von Herrn'Dr. I. Glanz entfalteten Propaganda 81 neue Mitglieder mtt einem Gesamtbettag von K 1172 -«getreten. Redisch, der Kantoreufresser. Bon Profeffor Dr. K a h a n, Znaim. Für Sympachien und Antipathien kann niemand. SSir wollen daher mtt Herrn Dr. Redisch nicht rechten, daß er die Kantoren nicht leiden kann. Aber gleich den Vernichtungskampf gegen sie predigen? sie gleich mit Stumpf und Sttel ausrotten wollen? Das ist doch schon etwas zu viel! Mer auch das ist schließlich Geschmacksache. Nur müßte einer, der auszieht, einen ganzen Stand in Grund und Boden zu vernichten, sich mtt den entsprechenden Waffen ausrüsten, um auf Erfolg rechnen zu können. Welche Waffen führt aber Redisch ins^ Fell)? — Verworrene Geda n k e n und falsche Behauptungen! Gewiß recht ungeeignet, um irgend einem Kantor auch nur ein Haar zu krümmen . . Wir wollen sie einzeln kennen lernen. In einer Besprechung einer Broschüre Tschiaßnys (Fr. Jüd. Lehrersttmme vom 15. Mai 1918) wundert sich R., daß dieser gebildete und moderne Mann eine besondere Vorliebe für den Kantor, dieses echte Ueberbleibsel aus dem Ghetto, an den Tag legt. Damit glaubt natürlich R. dem Kantor den Todesstoß zu versetzen. „Ueberbleibsel aus dem Ghetto" — schreMch! fort damit! Aber nur gemach! Ist denn nicht die ganze Judenheit, ist nicht ihre ganze Religion, ist nicht der jüdische Religionsprofeffor Dr. Redisch — ein Ueberbleibsel aus dem Ghetto? Und bildet nicht der Kantor, der Schliach Zibbur, einen integrierenden Teil der jüdischen Religionsübung? Herrn Dr. R. gefällt allerdings diese Religionsübung nicht. Ihm gefällt der christliche Gottesdienst in den „herrlichen Domen" besser. Es hindert ihn aber kein Mensch in die „herrllche Dome" hinzugehen — die Judenheit hat sich nun einmal nicht für die Dome, sondern für ihre Synagogen mit ihren Kantoren entschieden! Wer sind aber diese Kantoren? Elbogen schreibt in seinem klassischen Werke „Der jüdische Gottesdienst"„Der Führer der Gemeinde im Gebet ist der Schliach Zibbur." — „Ganz ohne Gesang ist die Synagoge Niemals gewesen." — Wir wissen, daß schon zur Zeit des Tempelbestandes der Gesang der Leviten 'einen integrierenden Teil des Gottesdienstes bildete, und Salomo betet, Gott möge hören auf den Gesang und auf das Gebet. Es ist klar, daß, wer die Gebete vor der Gemeinde vorzutragen und vorzusingen hatte, eine angenehme, kräftige Sttmme haben mußte. Das Amt eines Vorbeters war von einer schönen Sttmme bedingt und konnte gar nicht Sache des Rabbiners sein, der ja seiner Bestimmung entsprechend die Gemeinde zu belehren hatte und das konnte er besorgen, ohne im Besitze einer schönen Stimme zu sein. Man sieht, daß das Ghetto an d«n singenden Schliach Zibbur ganz unschuldig ist! Aber Dr. Redisch ist entsetzt über den paradoxen Zustand, „daß ein Mann, der im besten Falle ein Sänger ist, im priesterlichen Gewände vor dem Altar steht und den Mittelpunkt - des Gottesdienstes bildet, während der berufene Geistliche, der Rabbiner, gauz überflüssig erscheint." Man sollte denken, daß der Kantor „im besten Falle" eben nichtnur Sänger, sondern ein für sein Fach bestens vorbereiteter, geeigneter Mann sei. Aber „p r i e st er li ch e s G e w a n d"? Wo ist Herr Dr. Redisch hingeraten? Weiß er denn nicht, daß wir Juden seit der Zerstörung des zweiten Tempels keine priesterlichen Gewänder mehr haben? Weiß er denn uicht, daß die Amtstracht der modernen Rabbiner und Kantoren ein fremdes Gewächs ist, von den „herrlichen Domen" herübergenommen? Warum sollte der Rabbiner mehr Recht haben, sich mit fremden Federn zu schmucken, als der Kantor? Etwa, weil er „Rabbiner" heißt und also ein Vertreter des Rabbinismus, des traditionellen Judentums sein will? Als solcher hat aber der Rabbiner beim Gottesdienst nicht mehr zu suchen als irgend ein anderes Gemeindemitglied; sein Wirkungskreis ist das Leh rh a uZ und nicht das Bethaus! Aber weil eine moderne Gemeinde in der Regel gar nicht belehrt, sondern durch schöne Phrasen unterhalten sein will und auch die Predigt doch in weiten Abständen gehalten wird, so sucht der moderne Rabbiner sich beim Gebete wenigstens unentbehrlich zu machen, damit er nicht ganz überflüssig erscheine! Hiuc iilae lacrimae! Redisch kann es nicht verschmerzen, „daß dem jüdischen Kultus jedes religiöse Empfinden abhanden gekommen ist." Mir ist es nur nicht recht klar, wie, wenn der Rabbiner die Gebete vortragen würde, der jüdische Kultus religiöses Empfinden haben könnte — würde da der Kultus lebendig werden und religiös empfinden? . . Bei Redisch wenigstens löste die kantorale „Interpretation" der Gebete keine religiösen Gefühle aus, weil wissenschaftliche Untersuchungen des Chasonus ergeben hätten, daß kosakische, ruthenische, magyarische und auch deutsche Gassenhauer von den Kantoren vielfach zur Vertonung unserer Gebete benützt worden seien. Also, das ganze Chasonus besteht nach Redisch aus Gassenhauern! Denn er macht ja keinen Unterschied. Da möchte ich mir doch die Frage erlauben, ob denn Herr Redisch wirklich weiß, wie so ein Gassenhauer aussieht k Uebrigens, wer kann es überhaupt bestimmen, was ein Gassenhauer ist? Ich meine natürlich nicht den Text, sondern die Melodie. Was ein echter Wagnerianer ist, sieht den ganzen Troubadour von Verdi als eine Sammlung von Gassenhauern an. Andererseits ist das Wagnersche „Me sollst du mich befragen" vielfach als Gassenhauer benützt worden. Was ist also ein wirklicher Gassenhauer? Wenn also die Kantoren fremde Melodien benützten — die Vorbeter nahmen unbedenklich ihre Melodien, wo sie sie fanden, sagtElbogen — so haben sie noch lange keinen Gassenhauer gesungen. Es kommt eben auf den Ton und die Stimmung an. Und wer beim Chasonus I nicht religiös ergriffen wird, der ist überhaupt unfähig.