Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 10 (17.5.1918)
- Date
- 1918-05-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 10. Her Spiegel. Don N. L ot h ring er. Heinrich Heine haN in seinem Gedichte „Das neue Hospital" Me sehr tiefe Tragik zum Ausdruck gebracht. „In diesem Spitale," sagt er, „liegen Menschen, welche mit dreierlei Krankheiten behaftet sind: mit körperlichen Gebrechen, Armut und — Judentum." „Der Weltschmerzler Heine," sagt Karpeles, „hat da unter „Judentum" den tausendjährigen Jammer, das Elend, das Gehaßtmerden und die Schutzlosigkeit des jüdischen Volkes verstanden^" Wie wahr! Seitdem wir unser staatliches Gemeinwesen verloren haben, seitdem wir in der Diaspora leben, waten wir rastlos in einem Meer von Blut und Tränen. Wir sind die Sündenböcke aller Völker und ewig gellt uns in den Ohren: „Tut nichts, der Jude wird verbrannt!" Der Haß der Völker drückt uns wie eine schwere Last, hemmt unsere nationale Entwicklung, liegt, um ein Wort Mendelsohns zu gebrauchen, wie Blei auf unsere Geistesflügeln. Der Haß knechtet uns, scheidet uns aus und treibt uns wie im Wirbel herum. Seit fast zweitausend Jahren geben wir uns alle Mühe, um diesen ungerechtfertigten Haß von uns abzuwälzen, ihn wenigstens zu mildern, zu begütigen. Vergebens. Der Haß gegen uns wächst wie die Köpfe der Hydra; kein Zauber kann chn bannen. Wir ließen kein Mittel unversucht. Wir haben unsere geistigen Werte, unsere Edelkraft, unfern sprühenden Humor an die Geistesvölker verschenkt, ihre Literatur vermehrt, ihre Kunst vergrößert, ihre Poesie verschönert, ihre Musik veredelt, chre Philosophie vertieft, alle ihre Wissenschaften bereichert und vervollkommnet; wir griffen mit unseren religiösen und moraüschen Ideen, mit unserer Tatkraft und unserem Handelsgeiste in den Entwicklungsprozeß der Menschheit ein, wir nahmen ebenso an der philosophischen Bewegung der alexandrimschen Schule teil wie an der Ausgestaltung römischer Rechtssysteme. Wir wirkten bei der Entstehung des Christentums mit und einige Jahrhunderte später in gleicher Weffe bei der des Islams; wir sind bei den Kreuzzügen, bei der religiösen Reform, bei der Renaissance und bei der französischen Revolution, bald als Besiegter, bald als Bundesgenosse beteiligt. Und während all' dieser wechvollen Zeiten hörten wir nicht auf zu arbeiten, zu kämpfen, zu denken, stets der Menschheit und dem Volke, unter dem wir lebte», unser» Tribut an Gedanken, an Tränen und an Hoffnungen darreicheyd. Und wir dachten, die Nationen würden uns unser Dasein verzeihen. Mitnichten! Je mehr wir unsere Ueberlegenheit zeigen, desto höher steigen die Wogen des Hasses, von Neid und Mißgunst gepeitscht, empor. Ziehen wir uns stolz zurück und wollen unsere Eigenart bewahren, uns seperatisieren, so werden wir wegen unseres Stolzes, unserer Absonderung gehaßt. Begeben wir uns der nationalen Ehre, nähern uns zutraulich den Völkern, treiben mimetische Anpassung bis zur Unkenntlichkeit, äffen ihnen an Kleidung, Sprache und Sitten nach, so Haffen sie uns wegen der Zudringlichkeit und Verlogenheit. Sie hassen uns in allen Formen und Gestalten, wie Nordau trefflich sagt: „in den alten und den neuen Kleidern." Die „Glücklichen", denen es vermöge ihrer byzantinischen Anpassungsfähigkeit, chrer selbstverleugnenden, charakterlosen Kriecherei gelingt, ihren andesgläubigen Nachbarn ein gnädiges Lächeln abzugewinnen, möchte ich einladen, fotzende hübsche und beispielreiche Anekdote zu lesen und zu beherzigen: „Als der sel. Kronprinz Ruolf auf seiner Orientreise auch Jerusalem besuchte, bereiteten ihm die dortigen Juden einen so solennen Empfang, daß er dann, ftohgelaunt, zu einem seiner jüdischen Begleiter sagte: „Dich muß ein besonders feltzes Gefühl beschleichen, da du auf dem Boden wandelst, wo fast noch die Lichtspuren deiner Ahnen, der Patriarchen und Propheten zu sehen sind und wo die Nachkommen derselben sich det Achtung und Liebe aller andern Völker erfreuen." Der Angesprochene senkte traurig sein Haupt und sprach wehmutsvoll: „Gestatten Eure k. U. k. Hoheit, daß ich im Lande der Gleichnisse ein Gleichnis erzähle: Eine Karawane zog über eine Insel und ließ einen großen Spiegel zurück. Da kommt ein Insulaner aus dem Dickicht herangelaufen, erblickte seinen Genossen, macht eine grüßende Geberde, die der Genosse ebenso freundlich erwidert. Der Insulaner lächelt ihn lieblich an, der Genosse macht dasselbe; er breitet die Arme aus zum Zeichen, daß er ihn umarmen möchte, das tut auch der Genosse. Als nun der Insulaner sieht, daß sein Genosse so lieb zu ihm ist, wirst er sich gefühlselig auf ihn, um ihn zu küssen. Und siehe! Heißes ,rotes Blut fließt aus vielen Schnittwunden an Gesicht und Händen. Der Insulaner schreit, nicht so sehr vor Schmerz als vor Enttäuschung, wild auf, schaut sich nach allen Seiten nach dem verräterischen Genossen um, der ihm statt zu küssen, schnöde sein "Gesicht zerschnitt, doch er war verschwunden." „So, k. k. Hoheit, verhütt sich es mit der Freundschaft der andern Völkern gegenüber uns . . *" Der Prinz nickte verständnisvoll und sagte ernst: „Der Spiegel, der Spiegel ..." Jüdische Kameradschaft. Herr Siegmund Schönau in Wien macht auf eine in der „Grazer Morgenpost" erschienene Mitteilung aufmerksam, die der aus russischer Gefangenschaft zurückgekehrte bekannte Tennisspieler Karl v. Planner kürzlich veröffentlicht hat. Der Held der rührenden Begebenheit ist Dr. Rudolf Popper, ein gebürttger Prager und bekannter Laryngologe in Budweis. Wie dieser wackere jüdische Arzt sich benommen, verdient in weitesten Kreisen Verbreitung und Anerkennung. . . . Unser Lager befand sich sieben Werst außerhalb der Stadt Krasnojarsk. Eines Tages tritt ein österreichischer Leutnant in meine Baracke und ruft mich: die russischen Posten hatten eben einen Oesterreicher niedergeknallt. Ich packe schnell mein Verbandzeug zusammen und laufe hinaus. Ich will dem Manne helfen. Im Laufen sehe ich, daß die Lagerposten das Gewehr auch auf mich anschlagen. Ich ändere die Richtung und eile einer Gruppe von russischen Offizieren zu, die am Lagerrand hielt, um mich durch sie zu decken. Die Posten wußten doch, daß ich Regimentsarzt bin — was zielten sie auf mich? — und in erster zorniger Wallung sage ich zu den Offizieren: „Das ist doch eine Schw. . .!" Sie entgegneteu, ich entgegnete; ich verstand sie, sie verstanden mich nicht. Darauf sogleich Verhaftung. Der Stadtkommandant, ein alter, weißer Oberst mit einem rotgedunsenen Alkoholikergesicht. Er erklärte mir durch den Dolmetsch: für Kriegsgefangene gelten dieselben Bestimmungen wie für die russischen Mannschaften an der Front. Ich hatte mich gegen russische Offiziere tätlich (?) vergangen, ich .hätte gemeutert, darauf stehe die Todessttafe. So rasch stand ich auf der Grenzlinie zwischen Tod und Leben. Ich wurde abgeführt. Warte bis zur Entscheidung im Stadtgefängnis. Unterdessen erkrankt das Kind des Hauptmanns und Lagerkommandanten. Ich glaube, an einem schweren Abszeß. Die Frau Hauptmann schickte zu Dr. Popper. Er hat eine sehr geschickte Hand. Er ist ein Künstler von Kehlkopfoperattonen. Aber — er weigerte sich, läßt Frau Hauptmann sagen, er habe keine Lust. Die Frau Hauptmann kommt selbst. Bietet ihm in den Händen ein schweres, blaues Notenbündel an, Tausende von Rubeln, noch mehr, wenn er wolle — wenn er nur das Kind rette. Er: Nein . . . Er operiert nur unter einer Bedingung, wenn ich — der Regimentsarzt v. Planner — freigelassen würde. „Aber es handelt sich doch um das Leben eines Kindes —!" „Der Herr Regimentsarzt hat auch Ettern. Ein Leben wiegt wie das andere. Wenn Sie ihn sterben lassen, kann ich auch das Kind sterben lassen!" Nach geraumer Zeit kam die Frau Hauptmann zum dritten-