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Die Wahrheit · 1918-05-03 · Heft 9 (3.5.1918) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1918
Issue
Heft 9 (3.5.1918)
Date
1918-05-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Ar. 9. Jüdische Kultus tut* Grziehuugs frage«. Unter obigem Titel Hadder k. k. Schulrat Professor Dr. Tschiasny eine Denkschrift veröffentlicht, in welcher er den Führern der Judenheit Reformvorschläge unterbreitet, deren Ausführung seiner Ansicht nach geeignet wäre, den Fortbestand des Judentmns und seine notwendige Regeneration zu sichern und in die Wege zu leiten. Der Verfasser weist auf die Anwürfe der Judenfeinde hin, welche immer die „jüdischen Untugenden" betonen, die sich zu einer eminenten Gefahr für die christlisch-arische Welt auswachsen sollen. Er gibt solche Fehler und Untugenden vieler Juden vorweg zu, obgleich dieselben auch bei den Ariem massenhaft gefunden werden können und meint, durch Steigerung der Jugend- und Volkserziehung innerhalb der Judenheit und Schärfung feiner Selbsterkenntnis kann eine Gesundung herbeigeführt werden. Den jüdischen Gottesdienst zählt der Autor zu der äußeren Erziehung deS jüdischen Volkes und er entwirft ein erschreckendes Bild der Disziplinlosigkeit, die sich beim jüdischen Gottesdienste brett macht und gießt dabei seinen Unmut auf die Teilnehmer des Gottesdienstes, wie auf die Tempelvorstände, Kantoren, Tempeldiener und Chorknaben gleichmäßig aus. Ueber die Opportunität, derlei Dinge vor der Oeffentlichkeit auszubretten, werden viele Leute anderer Anschauung als der Autor sein, wiewohl -die geschilderte Disziplinlosigkeit des jüdischen Gottesdienstes, welche in älterer Zett noch krasser in Erscheinung ttat, nicht zu leugnen ist. Allerdings darf der objettive Krittler -dabei die Erklärungs¬ oder Entschuldigungsgründe nicht vollkommen übersehen. So sehr der Jude von außen 'zurückgestoßen und würdelos behändest wurde, seine innerste demokratische Natur, die sich gegen vermeinüich überflüssige Fesseln aufbäumt, verleugnest er auch im Gottesdienste nicht. Im allgemeinen fühst sich der Jude aber seinem Gotte gegenüber mehr in der Rolle eines Kindes seinem liebenden und nachsichtigen Vastr gegenüber. Nicht so der Arier, der in seinem Gotte trotz aller Erlösungssthren doch mehr den gewaltigen H erru sicht. Diese Tatsache kann wohl eine mildere Erklärung der Disziplinlosigkeit beim jüdischen Gottesdienste zulassen. Doch mag so mancher Vorschlag, wie die Tre-nnung des Chores vom Vorbeter, die Einführung der Orgek, die er im jüdischen Gotteshause historisch rechtferügt und die die religiöse Erhebung im Gottesause steigern kann, gerechtferügt seiu. Auch was der Fachmann über die mögliche Erstarrung des Tempelgesanges durch ausschließliche Zulassung der Sulzerschen Kompositionen und einer durchgreifenden Reform des jüdischen Gottesdienstes vorschlägt, ist gewiß beherzigenswert, doch geht der Verfasser sicherlich zu wett, wenn er annimmt, daß durch Disziplinlosigkeit beim Gottesdienste die Abfallsbewegung gesteigert werde. Wer überhaupt noch ins Gotteshaus kommt und sei dies auch sesterc, nur an hohen Feiertagen, oder um für verstorbene Eltern das Kaddischgebet verrichten zu können, den binden noch feste Fäden ans Judentum. Aus religiöser Ueberzeugung hat noch nie ein Jude seinen Glauben gewechselt, sondern der Abfall hat immer sehr westliche, selbstische Ursachen. Ein mtt Mutterwitz versehener Bauer sagte einst mtt Recht: „Wenn sich ein Jude taufen läßt, hat Jesus nichts gewonnen und Moses nichts verloren, denn die besten, Juden sind das nicht." Bedentt man, welche kolossalen Lockmittel und Gefährdungen des Lebens durch 2000 Jahre schou zu diesem Abfall gedrängt haben und welch große und zahlreiche Nationen unterdessen ihre Religionsformen geändert haben, dann muß man darüber staunen, daß das Judentum in solcher Zahl überhaupt noch besteht und muß auch die Ansicht über die religiöse Treue der Juden gewaltig zu deren Vorteil ändern. Auch wenn der jüdische Gottesdienst -nicht reformiert wttd, hört das Judentum nicht auf, denn die Gemütmenschen sind auch bei Juden noch weit zahlreicher als die „furchtbar Gescheiten." Sehr bedauerlich ist es, was auch Dr. Tschiasny iu seinen Artsfühmngen wiederholt schmerzlich betont, daß die religiöe Betätigung in der Familie durch die hastige Jagd nach irdischen Gütern .so sehr gelitten hat. Wo sind die Zetten, wo der Hausvater am Vorabend des Sabbat vor dem Kiddusch seine Kinder segnete, wie sehr sind jene leider zahlreichen modernen Kinder zu bemitleiden, welche im elterlichen Hause keinen Sederabend erleben. Solchen Kindern fehlt die wirkungsvolle Gemütserziehung. Die religiöse ^Betätigung hat aber auch in anderen Religionsgenoffenschaften abgenommen. Gar viele Bauern beten vor Tisch nicht mehr das Vaterunser. Aber die Geschichte lehrt,, daß unter König Josia im Tempel zu Jerusalem eine Torarolle gefunden wurde, deren Inhalt vom Könige angefangen niemand kannte, daß dieser König damals nach Vorschrift das Peffachfest feiern ließ, was seit der Mchterzeit nicht geschehen war. Und doch besteht das Judentum heute, noch. Hier wäre der Hebel zur Regeneration des Judentums z uerst anzusetzen, denn die religiöse Betätigung innerhalb der Familie ist gewiß noch wichttger als der Gottesdienst im Tempel, denn hier wird der jüdische Nachwuchs erzogen. Die Führer des jüdischen Volkes müßten vor allem die Eltern und die der Schule entwachsenen jungen Leute dafür zu gewinnen trachten, was durch ausgewählte aufklärende Schriften, Vorträge wo möglich verknüpft mit Diskussionen, Fürsorgeanstalten, jüdische Elternabende re. anzustreben wäre. Alle Mittel, die geeignet sind, das jüdische Bewußtsein wieder zu erwecken, müssen und sollen angewendet werden! Erst wenn dies in befried gender Weise erfolgt, können auch andere Reformen erfolgreich werden. Wohl ist die Zurückdrängung des Sabbath durch die staatliche Gesetzgebung nicht leicht zu paralisieren und es ist Heuchelei, arme Leute deshalb zu verdammen, weil ihre Kinder durch die Not des Lebens gezwungen sind, am Sabbath Arbeit zu verrichten. In dieser Richtung wäre es hohe Zett, daß eine Rabbinersynode die religiösen Satzungen offenen Auges mit der Zeit der Not in Einklang brächte. Professor Dr. Tschiasny spricht es am Schlüsse seiner Denkschrift selbst aus, daß die Hebung und Wiedererweckung des jüdischen Bewußtseins jeder Regenerierung des Judentums vorangehen müsse und nur durch Aufklärung über den Wert und die Bedeutung des jüdischen Schrifttums und seiner Geschichte erreicht werden kann. Der Autor der Denkschrift gibt es ferner zu, daß die hebräische Sprache beim Religionsunterrichte gelehrt werden müsse. Da nun aber jeder Pädagoge dann zwei Unterrichtsstunden wöchentlich für den mosaischen Religionsunterricht ungenügend finden muß, sollte auch der Autor der.Denkschrift nicht einfach meinen, daß die dem Religionsunterrichte zugemeffeneZeit nicht vermehrt werden kann. Bleibt die religiöse Vertretung der Juden in den diesbezüglichen Forderungen nur fest und ist sie auch genug opferwillig, dann wäre es nicht unmöglich, den. mosaischen Religionsunterricht auf wöchentlich vier Stunden zu steigern. Die Judenheit müßte aber auch energischer und zielbewußter auf die Schubgesetzgebung einwirken. Sie dürste es nicht widerstandslos hinnehmen, daß der katholische Geist alle öffentlichen Schulen durchdringt auch die ntterkonfessionelle allgemeine Volksschule sogar in solchen Schulsprengeln und Klassen, wo die jüdischen Schulkinder an Zahl überwiegen. Sie müßte es durchsetzen, daß in den öffentlichen Schulen und in den staatlichen Lehrerbildungsanstalten, die für die öffentlichen Volks- und Bürgerschulen die nötige Lehrerschaft allein liefern müßte, jüdische Lehrkräfte und Lehramtskandidaten mindestens' im Zahlenverhältnisse der jüdischen zu den christlichen Staatsbürgern angestellt, respektive ausgenommen werden. Am zweckentsprechendsten wäre es schon wegen der nötigen Disziplin, wenn der Religionslehrer zugleich öffentlicher Lehrer wäre. Wohl müßte die jüdische Vertretung über solche Lehrkräfte auch die entsprechende Macht besitzen.

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