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Die Wahrheit · 1918-05-03 · Heft 9 (3.5.1918) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1918
Issue
Heft 9 (3.5.1918)
Date
1918-05-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Wir Juden sind wie die Hasen, die mit offenen Augen schlafen, nur daß bei jenen tatsächlich das Nervensystem ruht, so daß sie -nicht sehen können, während wir Juden sehen — sehen, aber nichts tun, wenigstens diejenigen nicht, die es kraft ihres ihnen vom Volke anvertrauten Amtes tun s o l l t e n. „Krakau!" ist zum Symbol geworden, es ist die Warnung an ein zur Bequemlichkeit hinabgesunkenes Volk, ja es ist ein krasses Merkmal der Interesselosigkeit an uns selbst. Das traurige Ereignis hängt nicht so sehr mit der Stadt zusammen und ..Krakau" ist nur das Schlagwort, das die Masse erfaßte. Es könnte genau so gut jeder andere Ort Galiziens — oder bester: Des „polnischen Regimes" sein — und dieser Umstand ist mehr als ein Tagesereignis, es ist ein Merkmal, ein sehr trauriges, fast tragikomisches Merkmal der Zeit! Wo geschah denn das Schreckliche, wo? In Kischinew oder irgendwo iu Zentralrußland, vielleicht gar in dem noch schlimmeren Rumänien? Weit gefehlt! In den Tagen, da die Vertreter unserer Ministerien in Bukarest am Verhandlungstische sitzen, da sie mit größter Energie für die Gleichberechtigung der bisnun geknechteten rumänischen Juden eintreten, wie es ja des öfteren offiziell verkündet wurde — in diesen Tagen vollzog sich das Unglück von Krakau! Welche Schicksalsironie! Wie weiß sich der Leiter der Polizeidirektion Krakau zu verteidigen? Oder wagt er es vielleicht gar zu sagen, er habe, einer höheren Weisung folgend, die Polizisten nicht eingreifen lasten dürfen? Wie lautet doch der Titel des Blattes, um den wir jetzt, so schwere Kämpfe auShalten müssen?! Oder will.man uns rauben, was letzten Endes alles Streben und Sehnen der Menschheit ist?! Trauerreden, Resolutioneu, Telegramme — machen die die Ereignisse ungeschehen? Sollen uns diese Dmge Taten vortäuschen, die nur Worte sind?! Heute brauchen wir dringend eine Tat! Wir brauchen Garantien; gesprochene sind uns fast lieber als papierne. Dies benötigen wir in diesen .Tagen, da man das „verschleierte Bild zu Sais" noch überdies mit einem Leichentuch verdeckt hat! Bezugnehmend auf eine Mitteilung der „N. Fr. Presse" über die Exzesse gegen die Juden in Krakau richtete der ReichsratsaVgeordnete der Stadt Krakau, Dr. Adolf Groß, an das genannte Blatt folgendes Schreiben! Als Reichsratsabgeordneter der Stadt Krakau bitte ich höflichft um Ausnahme folgender Mitteilung in bezug auf Ihre Notiz: »Exzesse gegen die Juden in Krakau". Ueber die Exzesse gegen die Juden in Krakau wurde die erste Mitteilung Sr. Exzellenz dem Herrn Ministerpräsidenten von einer Deputation gemacht, welche unter Führung des geschäftsführenden Obmannes des Polenklubs Herrn Stapinski sowie unter Mitwirkung Sr. Exzellenz des Herrn Ministers für Galizien und des Vizepräsidenten des Abgeordnetenhauses, des Herrn Hofrates Dr. German, Samstag den 20. d. beim Ministerpräsidenten vorgesprochen hat. Der Deputation gehörten an die Reichsrvtsabgeordneten Dr. Adolf Groß, Dr. Steinhaus, Dr. Kolischer und Rauch sowie der Präsident der Krakauer Kultusgemeinde, Herr Dr. Samuel Dilles. Dem Ministerpräsideitten wurde der ganze Sachverhalt unter Vorlage eines schriftlichen Promemorias vorgebracht und Klage darüber geführt, daß die Krakauer Polizei vollständig versagt und bei den Cxzedenten den Eindruck geweckt hat, daß die Polizei diese Exzesse unterstütze. Sonderbarerweise hat die Polizei, die hier in Krakau die Zensur führt, der polnischen Presie verboten, über die Exzeße zu schreiben, Artikel, welche die Exzeße verurtellen und die Bevölkernng zur Ruhe auffordern, unterdrückt; der Hirtenbrief des Fürstbischofes Sapieha in Krakau, der im selben Sinne erlassen wurde, wurde ebenfalls von der Zensur konfisziert, die Aufforderung des Präsidinms der Stadt Krakau, die im selben Sinne erlaßen wurde, wurde zwar zur Plakatierung zugelaffen, jedoch nicht zur Veröffentlichung in den Zeitungen. Selbst eine kurze Nachricht über die genannte Deputation beim Ministerpräsidenten wurde verstümmelt, so daß die Bevölkerung über den Zweck dieser Depntation nicht unterrichtet war. Der Herr Ministerpräsident hat selbstverständlich der Deputatton die Zusicherung gegeben, daß sofort die strengsten Schritte 'eingeleitet werden. Der Gemeinderat der Stadt Krakau hat dann in seiner Sitzung vom 22. d. eine Resolutton beschloßen, in welcher diese Exzeße verurteilt werden und die Bevölkerung zur Ruhe und Unterstützung der Tättgkeit der Behörden aufgefordert wird. Parallel mit einer energischen Aktton, welche zur Auftechterhaltung der Ordnung dient, müßte »auch eine Aktton eintreten, um der städtischen Bevölkerung wenigstens im bescheidensten Maße Nahrungsmittel zuzuführen. >Jch danke im vorhinein und zeichne hochachtend ergebenst „ Dr. Adolf Groß, ReichSratSabgeordneter der Stadt Krakau.

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