Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 7 (5.4.1918)
- Date
- 1918-04-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7. Die Wahrheit Seite 7. Als dreizehnjähriger Knabe schon betrat Heymann, von den Nesohorerim seines Vaters begleitet, das Betpult der großen Gemeinde Bialystok und fand bei den Andächtigen den lebhaftesten Beifall. Zu feiner weiteren Ausbildung und Vervollkonnnnung verließ er frühzeitig sein Elternhaus, um Ungarn, Galizien und Deutschland zu bereisen. Ueberall fanden Heymanns menschliche Tugenden Achtung und Liebe und seine gesanglichen Fähigkeiten Beifall und Anerkennung. Auf seinen Reisen berührte er auch Posen und hielt dort, seiner Gewohnheit gemäß, einen Vortrag. In der Synagoge waren zufällig Gemeindevorsteher aus Filehne, die, das hervorragende Talent des jungen Mannes erkennend, ihn nach langem Znreden zur Annahme der dortigen Kantorstelle zu bewegen ivußten. Hier fand er seine Lebensgefährtin, die Tochter des Rechtsgelehrten und Vizerabbiners L. M. Pöttinger, Schülers .Rabbi Akiba Eigers. Von Filehne übersiedelte Heymann bald nach Graudenz und dann nach Gnesen, in welchen Gemeinden er stets vollen Beifall fand. Diese Stellen aber entsprachen noch immer nicht dem gediegenen Wissen und den Leistungen Heymanns. Im Jahre 1854 starb in Amsterdam Kantor Salomon Friede, genannt Schalom Chasan, und die Erste Kantorstelle wurde vakant. Eingedenk eines Ausspr-nches seines Vaters angesichts der großartigen Fähigkeiten des Sohnes: „Ich hoffe, du wirst noch Amsterdamer Chasan werden", bewarb sich Heymann um diese Stellung und wurde zur Probe berufen. „Er kam, sang und siegte." Heymann wurde einstimmig zum Oberkantor der Amsterdamer Gemeinde gewählt. Er wußte sich sehr bald den ihm gebührenden Rang in seiner neuen Gemeinde, ja in ganz Holland zu erwerben. Heymann errang nicht allein durch seine kantoralen Leistungen, sondern auch durch seine Kompositionen, die er für den Gottesdienst schuf, großen Beijall. So wurden seine Gesänge als besonders wertvoll auch von Ferdinand Hitler anerkanne und wurden zunächst in Holland allgemein eingeführt. Das Heymannsche Haus, in dem viel und gut musiziert wurde, wurde von Künstlern und Gelehrten gern aufgesucht.*) Auch echte Wohltätigkeit fand im Heymannschen Hause ihre Stätte. Von diesem Hause konnte man mit Recht sagen: nnnb mns uro Jeder Notleidende fand darin Aufnahme und reichliche Unterstützung. Die allgemeine Hochachtung und Liebe, die Heymann bei seinen Mitbürgern genoß, zeigte sich anläßlich seines 25jährigen Amtsjubiläums (1. Juni 1881). Es bildete sich ein Komitee, um den Jubilar so zu ehren, wie er es als talentvoller Sänger und ebenso als Menschenfreund, Wohltäter und wahrer Israelit vollauf verdiente. In seiner Ansprache an den Jubilar betonte der Präsident die vielen seit einem Vierteljahrhundert der Gemeinde geleisteten Dienste und die gewissenhafte Pflichterfüllung Heymanns. Hierauf überreichte ihm der Präsident im Namen des religiösen Gesangvereines „Harfe Davids" zum Andenken an diesen feierlichen Tag einen silbernen Präsentierteller, auf welchem sich ein Gratulationsbrief der Gemeinde mit einer ansehnlichen Geldsumme befand, und der Gemeindevorstand schenkte einen silbernen, kunstvoll gearbeiteten Pokal, mit einer sinnigen Inschrift geziert. Heymann hielt, sichtlich ergriffen, eine innige Dankrede, in der er ausführte, daß er stets nur bemüht gewesen sei, seine Pflicht zu erfüllen und nach Kräften zur Verherrlichung des Gottesdienstes beizutragen. Danach folgte eine vom Jubilar komponierte und vom Musikdirektor Arnold de Leews dirigierte Festkantate mit deutschem Text, deren äußerst gelungener Vortrag auf alle Anwesenden einen sehr erhebenden Eindruck machte. Die Festkantate und noch andere Kompositionen widmete Heymann dem König.Wilhelm IIl. von Holland anläßlich der fünfundzwanzigjährigen Krönungsfeier und erhielt dafür vom König ein Dankschreiben. Später widmete Heymann der Königin Wilhelmine seine Psalmen für Männerchor „Schire *) Seine Kinder, die alle musikalisch hochbegabt sind, haben sich einen großen Namen in der Musikwelt erworben. Todo Loelu. Weiland Prof. Friedrich Gernsheim schrieb über diese Kompositionen folgendes: „In den zum Gebrauch beim israelitischen Gottesdienst komponierten Psalmen von Herrn Heymann spricht sich nicht allein ein tiefreligiöser Sinn aus, sondern dieselben zeigen auch eine sehr anerkennenswerte Gewandtheit im musikalischen Satz. Die Fuge im 150. Psalm zeigt insbesondere, daß der Autor auch in der poliphonen Schreibweise mit Gewandtheit zu operieren weiß, und so können diese Gesänge jedenfalls als eine Bereicherung für den Gottesdienst der israelitischen Gemeinde gelten." (Schluß folgt.) Von Chaim Bloch (Delatyn) nach den in dem hebräischen Sammelwerke der „Einfachen Gelehrtengesprache" von Schles und Ettinger enthaltenen Sprüchen bearbeitet. Gelehrte unter sich. Als der ungemein scharfsinnige Rabbinatskollege von Strij, Rabbi Leib Kohn*), seine Glossen, Kezos hachoschen**), veröffentlicht hatte, erschien bei ihm eines Tages ein Gelehrter und legte ihm eine Handschrift vor, worin dieser einen ganzen Komplex von scharfen Erwiderungen und Widerlegungen gegen das genannte Buch zugrunde legte. Rabbi Leib fand jedoch dessen Ausführungen und Einwände unbegründet. Da ihn die Art der Kritik ärgerte, fertigte er den Gelehrten mit der Antwort ab: „Ich werde Euch, so Gott will, auch eine Erwiderung geben." Nach mehreren Jahren trafen die beiden zusammen und der Gelehrte stellte Rabbi Leib zur Rede: „So habt Ihr Wort gehalten? Habt Ihr mir ja versprochen zu erwidern?" Rabbi Leib antwortete schlagfertig: „Ich habe gemeint, wenn Ihr ein solches Werk wie mein „Kezos hachoschen“ verfassen wird, dann werde ich Euch mit gleicher Münze zahlen, auch erwidern und eine Kritik schreiben. Ich bin bis heute dazu nicht gekommen, weil Ihr ein derartiges Buch herauszugeben nicht vermocht hattet." Ueber Selbstlob. Als Rabbi Schwelte von Nikolsburg seinen Rabbinerposten der altehrwüdigen mährischen Stadt Nikolsburg.angetreten hatte, bat er die Gemeindemitglieder, die unter Führung der Vorsteher gruppiert zu seiner Jnstellation erschienen waren, ihn vorerst einige Stunden allein zu lassen. Er werde erst nach einigen Stunden seine Antrittsrede halten und sich nach Gepflogenheit der Gemeinde vorstellen. Die Leute erfüllten sein Verlangen, doch waren sie neugierig zu wiffen, was der Rabbi um diese Zeit tun werde, daher versteckten sich einige Leute im Zimmer. Und die Leute hörten, als Rabbi Schmelkes eine Ansprache hielt: „Willkommen bist Du großer Meister, wir begrüßen Dich mit großer Ehrfurcht als unseren Herrn und Oberhaupt." Als später die Gemeinde wieder erschienen rvar, empfing er sie freundlich und nahm ihre Begrüßungsreden entgegen. Nach einiger Zeit ersuchten die Gemeindevorsteher Rabbi Schmelke um Aufschluß, was denn seine merkwürdige Ansprache an sich zu bedeuten hatte. Er erklärte: „Der imposante Empfang, der mir hier gebracht wurde, ließ mich erwarten, daß ich von verschiedenen Seiten mit Komplimenten überschüttet werden werde : ich könnte durch diese meine Gelehrsamkeit hachstellende Rede in Hochmut verfallen. Daher sagte ich mir selbst Lobesworte, welche naturgemäß mich nur beschämt machten, und dachte mir dabei : Ebenso sollst du dich schämen, wenn die andern kommen und dich mit Komplimenten preisen werden. Darauf zielt das Wort der Weisen: Die Ehre Deines Nächsten sei Dir wert- *) Schwiegervater des bekannten Prager Oberrabbiners R. S. L. Rappaport. **) Erläuterungen zum jüdischen Zivilgesetzbuch „Choachen Mischpat.“