Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 6 (22.3.1918)
- Date
- 1918-03-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 6. jedoch, in dieser schweren Zeit, " die die Anspannung aller unserer Kräfte braucht, um gegen den äußeren Feind durchhalten zu können, Zwietracht zwischen die Mitbürger zu säen und zum Hasse uno zu Ausschreitungen gegen eine ganze Gemeinschaft aufzuhetzen, verdient die schärfste Zurückweisung und Brandmarkuug., Wir, ebenso wie jeder andere rechtschaffen fühlende Mensch, verachten die Wucherer und Ausbeuter, welche die durch den Kriegszustand hervorgerufenen Verhältnisse dazu benützen, auf Kosten ihrer Mitbürger sich wucherische Gewinne anzueignen; wir, wie jeder andere patriotisch fühlende Mensch verabscheuen die Verräter an unserem Vaterlande. Unter diesen Schädlingen des Staates befinden sich jedoch Angehörige aller Konfessionen und aller Nationen. Gewissenhafte Zusammenstellungen haben das Resultat ergeben, daß unter diesen Schädlingen die Juden mit einem bedeutend geringeren Prozentsatz vertreten sind, als ihrem Verhältnis zur Bevölkerung eütspricht, und wie wenig diese Angriffe gerade für Komotau zutreffen, zeigt, daß unseres Wissens beim k. k. Bezirksgerichte Komotau, "trotz der in der Kriegszeit um das Doppelte angeschwollenen Straffälle, kein Jude wegen Preistreiberei oder eines ähnlichen Deliktes verurteilt worden ist. Es ist auch bezeichnend, daß das genannte Blatt für die Flüchtlinge, die von Haus und Hof vertrieben sind, zum großen Teil chr Vermögen und ihre Existenz verloren haben, nicht ein Wort der Teilnahme und des Verständnisses findet, sondern die Vergehen einzelner weniger dazu benützt, selbst gegen diese beklagenswerten und wehrlosen Opfer des Krieges eine lebhafte und feindselige Agitation zu entfalten. Wir protestieren auf das Energischeste gegen jeden Versuch, die Vergehen irgend eines einzelnen Juden, der Gesamcheit der Juden zur Last zu legen, wir müssen insbesondere den Vorwurf des Verrates an unserem Vaterlande mit der gebührenden. Verachtung zurückweisen. Die tausend und abertausende der gefallenen jüdischen Helden, die große Zahl von Auszeichnungen, welche Juden in diesem Kriege erworben haben, die aufopfernde Tätigkeit, welche von Juden im vaterländischen Hilfsdienste entfaltet wurde, entkräften am besten die haltlosen Angriffe des Blattes. Wir können und werden es nicht dulden, daß wir Juden, die wir jederzeit freudig dem Staate gegenüber unsere Wicht bis zum äußersten erfüllt haben und immer erfüllen .werden, durch verleumderische Verallgemeinerungen und Entstellungen -angegriffen werden und daß zu Gewalttätigkeiten gegen .uns gehetzt wird. Wir haben bei den zuständigen Behörden bereits die notwendigen Schritte eingeleitet, jedoch erwarten wir auch von der Einsicht und Vernunft unserer Atitbürger, daß sie. die verleumderischen und hetzerische Art und Weise der Angriffe im „Deutschen Volksblatte" richtig einschätzen und beurteilen werden und nicht dulden werden, daß in dieser schweren Zeit mit verabscheuungswürdigen Mitteln die Einigkeit im Staate untergraben wird. W i r erwarten dies auch im Interesse des eigenen Ansehens unserer Stadt und überlassen es dem gesunden Sinne unserer Mitbürger zu beurteilen, ob es der Stadt Komotau zur Ehre gereicht, wenn mit derartigen vergifteten Mitteln gegen einen Teil ihrer Bürgerschaft angekämpst wird. Ob durch diese Angriffe dem Interesse des Staates gedient ist und wer die wahren Schädlinge im Staate sind, wird leicht zu beurteilen sein. Im Vertrauen auf die bessere Einsicht und Urteilskraft unserer Mitbürger haben wir bisher eine Entgegnung und ein . Einschreiten unterlassen. Die fortgesetzte Angriffe zwingen uns jedoch dazu, der Bevölkerung Komotaus endlich vordem gewissenlosen Treiben des „Deutschen Volksblattes" die Augen zu öffnen. Wir richten daher dieses Flugblatt an die Bevölkerung Komotaus zum Zeichen der Abwehr und der schärfften Zurückweisung der Angriffe des „Deutschen Volksblattes." Der Vorstand der isr. Kultusgemeinde Komotau. . Bemerkt sei noch, daß in letzter'Zeit in den deutschböhmischen antisemitischen Blättern ein in der rohestem Weise betriebenes, systemisiertes Kesseltreiben gegen die jüdische Bevölkerung betrieben wird, ohne daß von der sonst so rührigen Zensur auch nur das Geringste gegen, dieses die öffentliche Sicherheit gefährdende widerliche Vorgehen. Die Jüdischnationalen und Berfassirngsreform iu Oesterreich. Ministerpräsident Dr. Ritter v. Seidl er empfing im Dezember vorigen Jahres die Vertreter der national organisierten Judenschaft Oesterreichs, die Herren Abgeordneten Dr. Straucher, Adolf Stand . und Staatsbahnrat Robert Stricker, zu längerer polittscher Besprechung. Diese wurde vorige Woche in zwei Besprechungen fortgesetzt. An der letzten Besprechung nahm auch der Minister des Innern Graf Toggenburg teil. Die Mitglieder der Deputation brachten ihre Forderungen vor, über die sich eine lebhafte Aussprache entwickelte. Die beiden Minister sagten zu, sie gründlich und wohlwollend prüfen und ihren Wünschen bei der Verfassungsreform nach Möglichkeit Rechnung tragen zu wollen. Gleichberechtigung der Juden in Rumänien. Wie die „Neue Züricher Zeitung" an zuständiger rumänischer Stelle erfährt, ist die Regierung in Jassy fest entschlossen, ihre Pflicht gegenüber der jüdischen Bevölkerung in Rumänien uz erfüllen und ihr die Gleichberechtigung zn gewähren. Es ist zweifellos, daß die rumänische Regierung möglicherweise noch in diesen Tagen oder unmittelbar nach dem Abschluß des Friedens mit den Mittelmächten die Gleichberechtigung der Juden proklamieren wird. Die hiezu uotwendige gesetzliche Gutheißung durch die Kammer kann allerdings erst nach den Neuwahlen geschehen, da die gegen-? wärtige Kammer für die einzige Aufgabe, dke Agrar- und Wahlrechtsfrage zu lösen, gewählt worden war und sich gleich nach Friedensschluß auflösen wird. Berlin, 15. März. Der Reichskanzler empfing heute nachmittag die Vorstandsmitglieder der neugegründeten Vereinigung jüdischer Organisationen Deutschlands zur Wahrung der Rechte der Juden des Ostens, Dr. James Simon und Geheimen Justizrat Dr. Kassel, welche die Wünsche der deutschen Juden wegen einer Regelung der rumänischen Judenfrage im Zusammenhang mit den Friedensv^rhandlungen in Bukarest vortrugen.. Nach Anhörung der. eingehenden Darlegungen der Herren erklärte der Reichskanzler, daß die kaiserliche Regierung au einer befriedigenden Regelung der rumänischen Judenfrage Interesse nehme und sie bereits zum Gegenstand von Besprechungen im Rahmen der in Bukarest stattfindenden Verhandlungen gemacht habe. Airs dem Militärkommandobefehl Nr. SS des k. ii. k. Militärkommandos in Wien vom 11. März 1S18. Betrifft: Osterfeiertage für israel. Soldaten und Kgf. Gottesdienste; Urlaube. Das Osterfest (Peßach) für die israel. Glaubensangehörigen beginnt Mittwoch, den 27. März um 4 Uhr nachmittags und endet Donnerstag, den 4. April 1918 um 7 Uhr nachmittags. Die ersten zwei Tage, d. i. von Mittwoch, den 27. März, 4 Uhr nachmittags bis Freitag, den 29. März, 7 Uhr nachmittags und die letzten zwei Tage^ d. i.. von Dienstag, den 2. April, 4 Uhr nachmittags bis Donnerstag, den 4. April, 7 Uhr nachmittags sind Hauptfeiertage. Die Mannschaft (Kgf.) ist am Nachmittag des 27., dann am 28. upd 29. März und am 3. und 4. April dienstfrei zu belassen. Wo dies aus dienstlichen Rücksichten unbedingt unzulässig erscheint, ist der Mannschaft und den ausgangsfähigen Kranken und dienstpflichtigen Zivilarbeitern Mittwoch, den 27. und Donnerstag, den 28. März zur Begehung der Sederabends