Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 6 (22.3.1918)
- Date
- 1918-03-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 6. Die Wahrheit gelehrt als»- es de» .gewissenlosen Demagogen lieb ist. Die Erstarkung -er Demokratie wird nicht zu Hintertreiben sein und unsere Staatsmänner werden solches wohl auch nichf versuchen, denn der Ausspruch Bethmann-Hollw egs - „Wehe dem Staatsmann, der die Zeichen seiner Zeit nicht versteht" gewinnt an Bedeutung. Wenn es in Rußland gelungen ist, den Zarismus in die demokratische rote Republik zu wandeln, dann ist die mögliche Fortschrittsentwicklung trotz des Unkengeschreies der Rückwärtser auch bei uns nicht auszudenken. Darum, jüdische Genossen, lasset Mns trotz harter Kriegsnot und harter Leiden das kommende Pessachfest, das Geburts- und Befreiungsfest der Juden hoffnungsvoll und feierlich begehen! Melleicht ist es vom allgemeinen Frieden, dem bedeutungsvollsten Völkerfest der Zukunft, nicht mehr ferne. Wir Juden sind das älteste demokrattsche Volk -und können daher unmöglich die Menschheitsentwickelung zur Demokratte als schädlich werten. Wir sind aber trotz unbeugsamer Treue zum Vaterlande auch überzeugte Pazifisten, denn wir wissen: „Der magerste Friedensschluss bringt mehr Segen als der aussichtsvollste Krieg." R. L. Die Orthodorre. Von N. Lothringer. „Orthodoxie" ist kein erquickliches Wort. Es hat einen äußerst unangenehmen Beigeschmack. Es riecht nach Fanattsmus, Religionseifer und Zolotentum, wenn nicht gar nach Autodafee und Jnquisitton. Deshalb mögen die fortschrittlichen Juden von einer „Konferenz der Orthodoxen" oder Gründung eines orthodoxen Vereines nicht erbaut sein. Es wäre daher ratsam, das Wort „Orchodoxie" zu „desinfizieren", den dunklen Sinn desselben aufzuhellen oder mit Nietsche zu reden, gedankengeläutert darzustellen. Die jüdische Orchodoxie hat eine ungleich mildere Form als die anderer Religionen. Sie ist nicht anders als der herzechie, treue Glaube an Gott und seine ^Gesetze, ohne jemandem zu verwehren, nach seiner eigenen Facon selig zn werden. Was die jüdische Orthodoxie erstreben will, ist die Wahrung chrer heiligen Geistesschätze vor plumper Berührung oder Zerstörung. Die jüdischen Orthodoxen lieben ihrem Glauben und dessen Satzungen, die Lehre Mosis, mit welcher er einen Grundstein zum Bau der Wett höchstgeistiger Werte gelegt hat, und das darauf Bezug habende Schrifttum mit jener treuherzigem, aufopfernden Liebe, die ihre höchste Note in den Worten Rabbi Akibas fand: „aftila notel et nafs«h’ckau (Selbst wenn man Dir das Leben raubt). Die jüdische Orchodoxie birgt in sich den Edelgehatt, die feinste geisttge Essenz, das Od des Judentums. Sie ist die. Weihe, die Poesie des Glaubens, Andacht und Kontemplation, die Versenkung im Schauen der ewigen Geheimnisse. Sie erhebt die fühlende Seele über den Dunstkreis des Werktages auf die Höhe des reinen Gedankens in den von Zeit und Ort unantastbaren Regionen, über der Erde Weh und den Jammer kreisender, rollender Wetten. Ohne die Orthodoxie wäre das Judentum verknöchert, verttocknet, prosaisch, banausisch. Doch es gibt auch Schattensetten. Sie habe sich, sagt man, zu hoch verstiegen, in blaue Wetten verloren: in Regionen, wo das Menschliche, das Aüzumenschliche, nicht wohnt. Sie habe sich in mystische Wolken gehüllt, den Boden unter den Füßen verloren, den Zweck: die Wohlfahrt und Glückseügkett des Menschen „al haadama“ (auf Erden) verfehlt. Sie habe' sich auf Kosten der prakttschen Vernunft entwickelt und sich ins Bereich des Gefirhls gefürchtet, den heiligsten Trieb des Volkes, Kn nationalen Impuls, lahmgelegt; die schönsten Symbole, welche das nationale Empfinden erhalten sollten,. verstümmelt, verunftattet, zerstört, indem sie ihnen eine kabalistisch-mystische Deutung gegeben. Der Schofar, die Suka, der Ettog, der Omar seien nicht mehr nationale Erinnerungsmarken, sondern geheimnisvolle dunkle Zeichen geworden, die weder den Verstand noch das Gefühl beftiedigen. Sie habe der Thora selbst ihren echten, ursprünglichen Sinn genommen; diese wurde, Seite 4. wie sich G«ger scheren,eish ausdrückt „mystifiziert"/Die Thora hat uns die sinnvollen, gedankenerweckenden Symbole ausdrücklich als „secker“ zum? Andenken (lemaan tiskeru^) gegeben. Nehmen. wir nur eisten Fall als Beispiel der Verirrung, an. Die' Thora, die uns befiehlt/einem Ettog zu nehmen, meint zweifellos einen palästinensischen Ettog, umsomehr als der Talmud die Absicht betont : „welekachtom lockern m’sckelockem“ (Und ihr sollt euch nehmen (einen Ettog) von den eurigen). Die Orthodoxen aber verbissen sich in dem Mbelworte „hadar“ ----- schön und nehmen gegen den erhabenen Zweck und gegen den ausgesprochenen Willen des Gesetzgebers griechffche Etrogim, welche überdies auf dem mit Judenblut getränkten Boden Griechenlands gediehen. Anstatt die Agrikultur ihres eigenen Landes, ihres heißgeliebten Erez Israel, zu fördew, bereichern sie aus mystischen Motiven, aus Aberglaube und^leberglaube ein fremdes Land, das ihrer Erbfeinde, der Jewanim. Sehr recht hatte der berühmte Ezechiel Landau vulgo „Noda bejehuda“ als er jemandem seinen Etrog zum religiösen Gebrauche verweigerte, weil derselbe den mit kabalistischen Foxmeln abgefaßten „jehi rozon“ gebetet hat. , Und so bildete sich ein himmlisches imaginäres Zion heraus, während das wirkliche Zion verkümmerte. Ewig wahr und richtig bleiben die köstlichen Worte Lessings in seinem unsterblichen „Nathan", daß andächttg schwärmen leichter sei als gut handeln, daß der schlaffe Mensch gern andächttg schwärme, um nur nicht gut handeln zu dürfen. Wenn nnn die Orthodoxen bei den fortschrittlichen Juden Sympathie und Nachahmung erwecken wollen, wenn sie ihr hohes und hehres Ziel, das Feuer des ttostspendenden Glaubens auf den Altären der jüdischen Häuser anzuzünden, erreichen wollen, so müssen sie die Orthodoxie reformieren. Sie müssen sie aus dem mystischen Gespinnst herauswickeln, den goldenen Kern des echten und rechten. Glaubens herausschälen und den wahren Zweck der Thora erfassen: „Al kaadama, aseker nisekba adonaj läawoteckem latet lakem“ (Auf dem Boden, den der Herr eueren Eltern verheißen hat). ' - Die Orthodoxie hat eine große, erhabene Aufgabe' zu erfüllen. Sie muß bei strenger Frömmigkeit.und Gottesergebenheit, bei strikter Beobachtung der religiös-rituellen Vorschriften sich verweltlichen, auch für die Wohlfahrt und das Gedeihen, mit andern Worten für das irdische, materielle, daher nattonale Wohl des Volkes sorgen, nicht bloß das Judentum, sondern auch die Judenheit im Auge behalten. Ein Mensch kann noch so ideal veranlagt sein, noch so groß denken und streben, sich über alle irdischen Nichtigkeiten erhaben fühlen — so lange er hungert, so lange er körperlich oder geistig leidet, so lauge er in seiner Ehre gettäukt ist u. dgl. — erscheinen ihm all' seine Begeisterung, all' die hohen Ziele, die hehren Zukunftsbilder als Wahngebilde. Das einzige Erringenswerte, das einzig Wirkliche dünkt ihm das Enttinnen aus der augenblicklichen Not. Ginr Anregung p«r Htatntenreform der Wiener Kultus gemeinde. Herr Kommerzialrat Michael S o n n e n f e l d, der gelegentlich der letzten öffentlichen Plenarsitzung des Kuttusvorstandes mit dem Chefredakteur unseres Blattes über die gegenwärtigen Verhältnisse in der Kultusgemeinde und die Reformbedürfttgkeit des Statutes einen anregenden Gedankenaustausch pflog, teilt uns mit, daß er nachstehende Eingabe an den Vorstand der Kultusgemeinde gerichtet hat: Hochlöblicher Vorstand der israel. Kultusgemeinde in Wien! Als ich am 3. März Ihrer öffentlichen Plenarsitzung beiwohnte, beschloß ich unter dem Eindrücke des hohen sittlichen Ernstes dieser Versammlung, Ihnen folgende Anregung zu unterbreiten: