Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 5 (8.3.1918)
- Date
- 1918-03-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5. Die Wahrheit Seite 5. Nach Verlesung des Einlaufes und Spendeneinganges durch Sekretär Dr. Emil Adler legte der Finanjreferent Dr. Leopold Kohn den Voranschlag für die Gemeindebedürfnisse im Jahre 1918 vor, der nachfolgende Schlußziffern aufweist: Die Einnahmen sind präliminiert mit K 4,966.106 28, die Ausgaben mit K 5-869.175 20, so daß ein Zuschuß zur ordentlichen Gebarung in der Höhe von K 890.368 92 notwendig erscheint. Nach Vergleich der wichtigsten Einnahme- und Ausgabenziffern mit dem Ergebnis des Vorjahres und Aufklärung einzelner besonders erwähnenswerter Posten bittet der Referent, um Annahme des Budgets. In der darauf folgenden Debatte stellte zunächst Dr. Ritter von Schwärz-Hiller die Anfrage an das Präsidium, ob die Versicherungsverträge der Kultusgemeinde im letzten Jahre überprüft und die Versicherungssummen in ein richtiges Verhältnis zu den gegenwärtigen Werten gebracht wurden? (Die Anfrage wird vom Vorsitzenden am Schluffe der Debatte im bejahenden Sinne beantwortet.) Weiters betont der Redner unter Hinweis aus den schrecklichen, der Kultusgemeinde geradezu unwürdigen Zustand des gegenwärtigen Amtshauses die Notwendigkeit der Errichtung eines neuen Amtsgebäudes und meldet für die allernächste Zeit die Einbringung eines motivierten Antrages in dieser Angelegenheit an. Kultusvorsteher S. Brod wendet sich gegen die Einstellung der Reservepost von K 10.000-— für Stipendien an Lehramtskandidaten und plädiert dafür, daß dieser Betrag zur Errichtung einer Religionslehrer-Präparandie verwendet werde. Ein diesbezüglich von ihm ausgearbeitetes Projekt, dessen Kosten auch nicht höher als zirka K 15.000-— betragen würden, wurde in einer vor kurzem stattgehabten Enquete von Fachmännern aufs wärmste begrüßt. Die Ausführung desselben wäre ein sicheres Mittel, die Kultusgemeinde vor der drohenden Not an Religionslehrern zu befreien.' Professor Dr. S. Ehrmann bedauert, daß der früher bestandene Religionslehrer-Bildungskurs, welcher wohl keine großen Erfolge brachte, ausgelöst wurde. Das vom Vorredner vorgeschlagene Projekt könne seiner Meinung nach mit den geringen Mitteln nicht ausgeführt werden. Die Heranbildung tüchtiger Lehrkräfte erfordert viel größere Mittel. Entschieden müsse aber die Anstellung von Lehrern, denen pädagogische Schulung mangelt, abgelehnt werden, denn durch solche Lehrer würde der Religionsunterricht, respektive das Judentum eher geschädigt als gefördert. Oberingenieur Stricker erklärt, daß er gleich wie in den Vorjahren, auch heuer gegen das Budget stimmen müsse. Er bezeichnet die von der Kultusgemeinde geübte Steuerpraxis als eine willkürliche. Trotz Erhöhung der Einkonnnen um daS Vielfache belaufe sich der Steuerzuwächs nur auf 20 bis 30% Weiters sei er der Ansicht, daß die den Beamten gewährten Teuerungszulagen, wenn auch der Herr Referent auf die Höhe des Betrages besonders Hinweisen zu müssen glaubte, absolut nicht ausreichen. Unter Bemängelung des gegenwärtigen Religionsunterrichtes verweist er auf die großartigen Erfolge, die zwei in Wien bestehende jüdische Lehrinstttute, die ohne jedwedes Hinzutun der Kultusgemeinde errichtet wurden, auf dem Gebiete der Erlernung der jüdischen Sprache erzielt haben. Die Kultusgemeinde habe die Verpflichtung, nicht nur für den Friedhof, sondern auch für jüdisches Leben zu sorgen. Der Herr Finanzreferent führt bei jeder Anregung die Geldfrage und das große Defizit ins Treffen, dem gegenüber müsse er sagen: Wenn es möglich war, in kurzer Zeit für den Wiederaufbau eines Tempels K 800.000 aufzubringen, dann wird die Opferwilligkeit der Gemeindemitglieder gewiß auch dort nicht versagen, wo es gilt, die Jugend dem Judentume zu erhalten. Hofrat Dr. Löwner verweist darauf, daß die Religionslehrer in ihrem Einkommen bedeutend schlechter gestellt sind als die Kommunallehrer. Die Kinder sollen so erzogen werden, daß ihr Herz und Sinn für das Judentum erglühen. Dazu braucht man gute Lehrer und um solche zu gewinnen, ist die materielle Gleichstellung der Religionslehrer mit den Kommunallehrern dringend geboten. Dr. Heinrich Schreiber polemisiert gegen einige Ausführungen des Oberingenieurs Stricker betreffs der geringen Resultate des Religionsunterrichtes. Die Aufgabe der KultuSgemeinde sei nicht, Sprachunterricht zu treiben, sondern die jüdische Religion und die ethischen Ziele des Judentums zu fördern. Ms höchst dringlich betrachtet er auch die endliche defiuilive Lösung der Rabbinerfrage im Stadttempel. Nach Richtigstellung einzelner in der Debatte gefallener Bemerkungen durch den I. Vizepräsidenten Hofrat Dr. B. Rappaport wird bei der hierauf durch den Vorsitzenden eingeleiteten Abstimmung das Budget nah^u einstimmig angenommen. Dir fumfemt; der österreichischen Orthodoxie. Montag, den 18. Februar 1918 hat in Wien eine vom „Vereine zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums in Wien und Mederösterreich" einberufene Konferenz der Orthodoxie in Oesterreich stattgefunden. Der Zweck der Konferenz war die Schaffung einer Gesamtorganffation der Orthodoxie in Westösterreich in Angriff zu nehmen, die dazu berufen sein soll, sowohl innerhalb des Judentums, als auch nach außen hin als die legitime Vertreterin des glaubenstreuen Judentums zu gellen. Dem Rufe des Vereines war eine große Zahl Delegierter gefolgt. Etwa 200 hatten ihre Teilnahme angemeldet und mehr als 100 find auch erschienen, darunter Vertteter der orthodoxen Bethäuser in Wien, Delegierte aus Prag, Brünn, Mährisch-Ostrau, Nikolsburg, Boskowitz, Kostel, Wiener-Neustadt, Baden, Innsbruck, Sttakonitz rc. rc. Etwa 80 briefliche und telegraphische Zustimmungskundgebungen liefen ein. An der Konferenz beteiligten sich die Wiener Rabbiner Fürst (Schiffschul), Baumgarten, Flesch, Friedmann sowie die Rabbiner Friedmann-Baden, Dr. Link-JnnSbruck, kaff. Rat Dr. Lewin- Mkolsburg, Dr. Landau-Sttakonitz, die Feldrabbiner Deuffch und Pollak, die Vertteter des galizischen Rabbinerverbandes Rabbiner Jeruchem-Stary-Sambor, Horowitz-Dohordozany, Leller-Trembowla, Thumin-Kolomea, Moschkowitz-Suezawa, das Präsidium der galizischen „Agudas Jisroel" sowie mehrere Vorstandsmitglieder rc. rc. Die Verhandlungen, die bereits am Sonntag Abends in einer Vorberatung eingeleitet wurden, nahmen einen überaus ernsten und würdigen Verlauf. Allseits wurde die Notwendigkeit anerkannt, die Orthodoxie in Oesterreich zu organisieren und derselben einen gebührenden Einfluß auf die Gestalttmg der innerjüdischen Verhältnisse, sowie auf die Stellung der Judenheit nach außen zu sichern. Ueber Wunsch der Provinzvertteter, die eine intensivere Vorarbeit als wünschenswert erklärten, wurde beschlossen, der Konferenz den Charatter einer Vorkonferenz zu geben und binnen drei Monaten eine neue Konferenz auf breiter Basis einzuberufen. Es wurde ein 30gliederiges Akttonskomitee eingesetzt, dessen Aufgabe die Fortführung der Organisationsarbeit und die Einberufung der neuen Konferenz sein soll. Die Konferenz fand unter dem Vorsitz des Präsidenten des „Vereines zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums in Wien" Herrn B. Hofbauer statt, der die Versammelten begrüßte und den Friedensschluß mit der Ukraine feiernd, mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf den Kaiser schloß. An die Allerhöchste Kabinetskanzlei wurde eine Huldigungsdepesche abgesendet. Die Konferenz wurde hierauf mtt einer zündenden Ansprache des Rabbiners Fürst eingeleitet. Dr. Jeiteles-Prag überbrachte die Grüße der glaubenstteuen Juden in Prag, Rabbiner Dr. Landau-Sttakonitz diejenigen der böhmischen Landgemeinden, Feldrabbiner Deutsch und kaff. Rat Rabbiner Dr. Lewin-Mkolsburg überbrachten die Grüße der mährischen