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Die Wahrheit · 1918-03-08 · Heft 5 (8.3.1918) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1918
Issue
Heft 5 (8.3.1918)
Date
1918-03-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 4. Der WribcM muß jenes Leserpublikum, dem man derartige dreGckumme Behauptungen austischen kann, wohl recht tief einsch ätzen. Es ist "zu dumm. Es ist doch allgemein bekannt, daß die Äusnützmrg des Einjährio-Freiwilligenrechtes firr alle Studenten vom Vorteil ist. Da kann es der gewissenlose Skribant mit Erfolg doch nur der Frau Blaschke «zählen, daß die vernünftigen gemusterten Studenten mosaischer Konfession dieses schätzbare Recht nicht ausnützen, was ein viel größeres Opfer wäre. Doch der bemitleidenswerte Autor scheint die begangene Entgleisung schon zu fühlen, denn im Schlußsätze heißt es: „Den deutschen Mittelschülern muß jene einsichtsvolle Rücksichtsnahme zuteil wecken, wie der polnischen, czechischen und slovenischen Jugend." Von der jüdischen ist nicht mehr die Rede. Der Weltkrieg schetttt mit Gottes Hilfe seinem Ende zuzueilen und eine neue nationale, soziale und konfessionelle Ralttierung wird im Innern Oesterreichs vorgenommen wecken. Trotzdem gerade die jüdische Bevölkerung Oesterreichs seine Staatstreue während der überlangen KriegSnot einwandstei betättgt hat und sicherlich mehr gelttten hat, als jene Volkskreise, an die sich das „Deutsche Volksblatt" wendet, sucht m a n in Erwartung der kommenden inneren nattonalen und sozialen Kämpfe mtt einer neuen forzierten Judenhatz Staub aufzuwirbeln, um dadurch seine eigentliche dunkle Arbeit zu verschleiern. Darum, jüdische Staatsbürger, seit auf der Wacht! Lasset Euch derarttge steche und unwahre Anrempelungen nicht ruhig und unerwidert gefallen. Zeigen Euch Eure Feinde die räudigen Schafe in Eurer Mitte, dann weiset furchtlos und entschieden auch auf ihre Auswürflinge hin. Falsche und lügenhafte Angaben kennzeichnet aber rasch und prompt als solche! Es kommt eine Zett des inneren Kampfes, der Mut und Kampflust erfordert. Nur dann wecken die jüdischen Staatsbürger -Oesterreichs glimpflich aus dem Kampfe mtt den Judenfeinden wieder heroorgehen, wenn sie ihn muttg und entschieden auskämpfen. In dieser Richtung erwächst «wer auch der spezifisch jüdischen Presse eine verstärkte Aufgabe. __ R. L. Keo Hebräus «der de« Inderchah. Von N. Lothringer. Der fanatische Haß, der uns Juden seit uratten Zeiten bis auf den heuttgen Tag auf den Fersen folgt, den weder Religion und Echik, noch Kultur und Zivilisation bannen können, erinnert an die zukunstsgläubigen Worte eines jüdischen Philosophen aus dem 1b. Jahrhundert, namens Leo Hebräus, Sohnes des berühmten Staatsmannes von Portugal und Spanien Don Jsaac Abarbanell. Sein Freund und Gömrer PW von Mirandoli, Fürst von Konkordia, ein Mann von settener Vielseiügkeit des Wissens und Tiefe des Geistes, ein echter „oliossick meettossicie iimot haolom“ (ein gottesfürchtiger Andersgläubiger) hat ihn im Hoie des Lorenzo von Medizi eingeführt. Lorenzo, ein gefeierter Dichter und Redner^ ein heller, fähiger Kopf mtt einem edel empfindsamen Herzen, fand am jungen Manne Wohlgefallen und hatte seine Freude daran, mtt ihm wissenschaftliche und politische Gespräche zu fuhren. In einem dieser Gespräche äußerte Lorenzo sein Bedauern darüber, daß die Juden vom unsterblichen Hasse der Völker verfolgt wecken wie auch die Befürchtung, daß dieser Haß endlich doch die Juden verttlgen werde. Da stand Leo Hebräus auf, hob die Hände gen Himmel und sprach mtt einer feierlichen, andachtsvollen Mene: „Gelobt sei der Allmächüge, daß er den Haß gegen die Juden schuf." Lorenzo war sprachlos vor Erstaunen. Er konnte sich den eigentlichen Segensspruch des äußerst vernünftigen Mannes nicht erklären. Er schaute dem Philosophen stagend ins stohleuchtende Gesicht. Dieser sprach: „Der Haß ist eine weise, zweckmäßige Maßregel der Vorsehung, manche sagen Natur, was ans eins herauskommt, deren es unzählige gibt. Der Haß hat uns bisher erhallen, dem Haffe haben wir es zu verdanken, daß wir noch da sind. Die Liebe hätte unS aufgesogen, amalgamierk. Der Haß stößt ab, scheidet aM MM zieht an, verquickt, wie es die Gesetze der chemischen Affinität und PoLaritA zeigen. Es ist wahr, daß der Haß dem Einzelnen Leid bringt, allein die Vorsehung hat höhere Ziele vor Augen: die Erhaltung des. Geschlechts („kijem hamin“). Das mag wohl der Sinn der „jesurim schel aliawa“ (Leiden aus Liebe) sein, von denen der Talmud spricht. Nur aus Mangel an weithinausschauendem, sagen wir geschichtswissenschastlichem Sinn erwiderte der Rabbi auf die an. ihn gerichtete Frage, ob ihm die „jesurim schel ahawa“ lieb seien, mit anderen Worten, ob er deren teleologischen Wert anerkenne: „Lo ken welo schoron“ (Weder diese noch deren Lohn). Der Haß der Völker einigt uns, konsolidiert unsere Kräfte, stähll unsere Glieder, erhöht unsere geistige Potenz, die uns vor dem Untertauchen schützen." Piko von Mrandoli, der platonische und aristotelische Lehren, Religion und Philosophie unter Zuziehung neuplatonischer und kabalisttscher Ideen zu verschmelzen verstand, war von dieser zweckswissenschaftlichen Anschauung seines Freundes so ersteut, daß er seine Bewunderung und Anerkennung in einem Briefe an Leo Ausdruck gab. „Der unsterbliche Haß," schreibt er, „erzeugt den unsterblichen Drang, den Unvertilgbaren zum Dasein, zur Erhaltung und Konstanz der Lebensenergien. Der Haß ist das Agens unb der Impuls des Lebens des jüdischen Volkes." „Diese Zielstrebigkeit ist so klar, daß sie selbst ein Laie begreifen kann. Alle zweckmäßigen Gestattungen, welche wir in der Welt sehen, insbesondere in der aufsteigenden Entwicklungsreihe des Tierreiches mit dem vernunftbegabten Menschen an der Spitze, kann man unmöglich als ein zufälliges Zusammenwirken blinder Kräfte hervorgebracht denken. Das ganze sittliche Streben der Menschen verliert seinen Sinn, wenn in der Welt nur eine blinde Notwendigkeit herrschen würde." Leo und Piko haben trotz DeSkartes, Spinoza und Bako bis heute Recht behalten; denn wir finden ihre Gedanken in den neuern Systemen (von Lotze, Hartmann, Wundt) wieder. „Bei der Untersuchung von Vorgängen," sagt Wundt, „deren Endresultat ersichtlich ist, erweist sich die Zweckmäßigkeit am deutlichsten, während die verwickelten Einzelwirkungen, aus denen es heroorgeht, sich unserer Kenntnis entziehen." Der Gedanke von der Zweckmäßigkeit des Hasses erinnert auch an den schönen Vers Schillers, wo derselbe Gedanke in anderer Form ausgedrückt wird, nämlich, daß auch der Feind nützlich ist. Deshalb heißt es in der Thora: „Al tira awdi Jakob.“ Fürchte nicht den Haß der Völker, er wird Dich niemals vertilgt. Fanatismus, Unwissenheit und Bosheit, kocht euere Gifte, schmiedet euere Ketten, schärfteuere Dolche, zündet euere Scheiterhaufen, ruft alle Strafen der Wett zu euerer Hilfe herbei; versucht es die jüdische Nation unter Blut und Tränen zu ersticken. Und sie bewegt sich doch! Kaiser Friedrich pflegte scherzweise zu sagen: „Die Juden haben einen „Affen" in ihrer Schrift, den sollten sie billig mit goldenen Buchstaben schreiben". Die haben in dem Schriftwort „af“ (wenn auch) ihren Ewigkeitswert erhalten. „Weaf gam. b’kijotam beerez ojivehem, lo meastim welo gealfcem lechalotam lehafer berifci ifcam.“ Selbst im Lande ihrer Feinde verwerfe ich sie nicht, werde vielmehr des Bündnisses mit den Vorfahren eingedenk sein. Kudget der Wiener Knltusgemeinde ' In der am 3. d. M. unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Alfted Stern stattgehabten Plenarsitzung des Kuttusvorstandes wurde der Voranschlag der Gemeinde pro 1918, der die respektable Höhe von nahezu 6 Millionen Kronen erreicht, vorgelegt und gelangte das vom Vize- Präsidenten Dr. Leopold Kahn vertretene Referat nach kurzer Debatte zur Annahme. Der Verlauf der Sitzung war folgender:

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