Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1918-03-08 · Heft 5 (8.3.1918) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1918
Issue
Heft 5 (8.3.1918)
Date
1918-03-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3062972-3063774-3063779--10563-3077909
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

} Ärbaktio,, mib Admiuiftrotiou: I Wien, II., Novaragasir 27 1 Ttlrvbon; j Stbaflion Slurouial ».88». ] Administration «m. 47.854 ] ft. I. bfterr. Bostsparkaffa- ] V<b,ck--ftonro Nr. 100.918. \ Jnleraie: ♦ Die viermal gesvallenc | Stonpareille-Zeile 25 Heller. | *boniifiiifiU8« »nt Insertion». }' vetrSge fuib in Wie» zahlbar r und klagbar. Asakhängige Aertfchnft für jüöisch« BetiigSprei»: «üaauöbtia.& 1» — talbinbtifl.» 8- Arier-ssen. Für KiiltttSdeaiute: Wi..,jiihri«.Kl«.- Kr schein t jeden Areitag. F»> AnSluud: •«Ntiaftifa.io si«tf Mette: „Das Siegel Gottes ist Walu-heil!“ Kr 5 Wien» 8. Mär; 1818. Inhalt: Verleumdungssucht der judenfeindlichen Presse. — Leo Hebräus über den Judenhaß. — Budget der Wiener Kultusgemeinde. — Die Konferenz der österreichischen Orthodoxie. — Aus dem Militärkommandobefehl Nr. 46 vom 23. Februar 1818. — Oftjüdisches. — Verschiedene Nachrichten' — Spenden für den Leopoldstädter Tempel. Uerlrumdmigssucht der jnden feindlichen Presse. Als der Weltkrieg ausbrach, sprach man vom Burgfrieden. Alle nationalen, konfessionellen und sozialen Streitigkeiten und Gehässigkeiten sollten behufs wirksamer gemeinsamer Abwehr des äußeren Feindes zurückgestellt werden. - Die führenden politischen Parteien und ganz besonders die im Belange der Judenfeindschaft früher schon alliierten Parteien der Christlichsozialen und Deutschnationalen meinten es aber damit nicht ehrlich. Sie selbst markierten nur den Burgfrieden, während ihre Gegner ihn voll einhalten sollten. Die Agrarier, die das mächtige Rückgrat der beiden -.genannten großen deutschen Parteien in Oesterdeich bilden, schoben bekanntlich in gewinnsüchtiger Weise verhältnismäßig lange nach Kriegsausbruch die staatliche Erfassung und' Bewirtschaftung der notwendigsten Lebensmittel hinaus. Die Brot- und Mehlrayonierung erfolgte in Oesterreich erst im Frühling 1915, die Milchrayonierung erst nach horrender Verteuerung der Milch und grausamer Schädiguung der kleinen Milchverschleißer zugunsten der großen Molkereien im Frühling 1917, die Erdäpfelrayonierung gar erst im Herbst desselben Jahres und die Fleischrayonierung ist nach 43 Kriegsmonaten noch nicht durchgeführt. Tatsächlich sind neben den großen Fabrikanten und Händlern die Agrarier der einzige Stand, dem die Kriegsteuerung großen Segen brachte, und sogar die kleinen, früher in der Regel verschuldeten Bauern konnten während des langen. Krieges nicht nur die auf ihren Anwesen hastenden Satzschulden bezahlen, sondern auch recht namhafte Geldbeträge ersparen. Dabei genießen sie bis zum heutigen Tage im Belange der Ernährung gewaltige Vorrechte. Um nun die wachsende Erregung der ausgebeuteten vermögenslosen arbeitenden Volksschichten von sich abzuhalten, brach die allezeit mit den mächtigen und wohlhabenden Parteien verbündete Tagespresse den Burgstieden und lenkte in immer steigendem Maße den Zorn und die Aufmerksamkeit der geschädigten Menge auf jüdische Kriegsverdiener. Allen judenfeindlichen Tagesblättern voran natürlich die „Reichspost". Daneben betrieben auch die Wiener und verschiedene Bezirksblätter auf dem Lande derartige Judenhatz in oft recht plumper Weise. Während sich beispielsweise die christlichsoziale Partei in Wien sogar gegen öffentliche Marktorgane wendet, wenn dieselben in Ausübung ihres Amtes christlichsozialen Markthändlern unangenehm werden, kann man in solchen Blättern wöchentlich Listen von bestraften jüdischen Händlern lesen, über die christlich-arischen Kriegswucherer breiten sie aber den Mantel der christlichen Liebe. Diese Seite der tendenziösen Verleumdung aller Juden genügt aber dieser Verleumderpresse noch nicht. Sie sucht der Oeffentlichkeit trotz gegenteiliger Tatsachen und trotz wiederholter Anerkennung der Tapferkeit und des Patriotismus jüdischer Soldaten auf dem Schlachtfelde und jüdischer Bürger im Hinterlande durch Seine Majestät und durch hohe Militärs zu beweisen, daß sich die Juden regelmäßig ihren Pflichten gegen das Vaterland im Kriege zu entziehe» suchen. Einige Wochen nacheinander konnte man zum Beispiel im „Währinger Bezirksblatt" tendenziös ausgesuchte jüdische Namenslisten wegen Militärbefreiungsschwindels bestrafter Personen lesen. Daß es unter solchen auch Arier gibt, wurde wohlweislich verschwiegen. Den Gipfel der Kühnheit im Belange der Judenverleumdung erklomm aber das berüchtigte „Deutsche Dolttblatt". Am 26. Februar 1918 war im genannten Antisemitenblatte unter dem Titel: „Die eingerückte Mittelschuljugend und das Unterrichtsministerium", welche Abhandlung mit den Worten: „M a n schreibt uns" eingeleitet war, unter anderem auch folgendes zu lesen: „Ein großer Teil der deutschen Mittelschuljugend wurde bisher, weil körperlich geeigneter als Jude und Slawe (?), als landsturmpflichtig gemustert." Das biedere Blatt sucht also hämisch den Glauben zu erwecken, daß die meisten jüdischen Mittelschüler anläßlich der Landsturmmusterungen zurückgestellt wurden, was den Tatsachen widerspricht. Da man sich jedoch in Großstädten, besonders in Wien, leicht vom Gegenteil obiger Behauptung überzeugen kann, behauptet der betreffende Lügenjournalist weiter: „An den meisten Mittelschulen, namentlich in der Provinz, wo die Vorschriften des Unterrichtsministeriums strenger und engherziger ausgelegt werden. . . ." Hier zieht der Skribent gegen die Militärverwaltung los, welche das Interesse solcher deutscher Studenten nicht wahruehrne, und gegen die Unterrichtsverwaltung, welche dies kaltblütig zulasse. Der Verleumder fährt dann weiter fort: „Aber auch jene Studenten, die seinerzeit freiwillig in Schützenregimenter eingetreten sind, finden keine Rücksicht. . . ." „Slawen und Juden haben sich zu diesen Opfern nicht entschlossen (!?), es trifft nur unsere deutsche Jugend (?!).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.