Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 4 (22.2.1918)
- Date
- 1918-02-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4. Seite «. Die Wahrheit 9. Gott soll uns geben Parnose und Schalem Lei üncmd, daß viel Kaffee und Zucker soll kommen von Holländ, dreimal im Tag werden wir uns Kaffee machen, dabei werden uns unsere Männer wieder äuslachen. Wie wird es sein so schon, daß die Gesere wird bald botel geh^n. Zum Vrofekt einer jüdischen Gartenstadt bei Krrlin. . Eine Aufforderung zur Beteilung an einer Gartenstadtbewegung bedarf in jüdischen Kreisen heute noch einer besonderen Begründung. Eine unaufhaltsame wirtschaftliche Entwickelung drängt seit Jahrzehnten einen immer größeren Teil der Bevölkerung Deutschlands in die Großstädte. Groß-Berlin hat 4 Millionen Einwohner, Hamburg 1 Million, Leipzig, Köln, Breslau, Frankfurt a. Main befinden sich auf dem besten Wege zur ersten Million, weitere 20 Großstädte nähern sich der halben Million. — Das bedeutet, daß ein immer größer werdender Teil des Volksganzen, abgeschlossen vou Luft und Licht, entzogen den elementarsten Bedingungen gedeihlicher, physischer und psychischer Entwicklung in einer Steinwüste seines Daseins Kresse vollenden muß. Das bedeutet aber vor allem auch, daß Millionen von Kindern unter den gleichen naturwidrigen Bedingungen ihre Jugend zu verbringen haben, daß sie wesentliches entbehren müssen, was den Tagen der Jugend den goldenen Schimmer verleiht: Keine großen weiten Flächen, auf denen sich die Kinder mit Herzenslust tummeln und austoben können, keine Möglichkeit, durch eigene Beobachtung das Entfalten und Wachsen von Baum und Strauch kennen zu lernen, Entfremdung von der Natur, Tier- und Pflanzenwelt. So wächst ein Geschlecht heran, das an Leib und Seele verarmt und verkümmert, trotz aller Anstrengungen, die von Seiten der Eltern, der Schule und der Allgemeinheit gemacht werden. Diese ungünstigen Bedingungen schmälern und beeinträchtigen von vornherein den Erfolg der bestangelegten Erziehungspläne. Diesen Schäden gegenüber ertönt der Ruf: „Hinaus in die Gartenstadt!" Warum aber ettte jüdische Gartenstadt? Zunächst stellen die Juden bei der oben geschilderten, nach der Großstadt gerichteten Bewegung der Bevölkerung Deutschlands ein unverhältnismäßig großes Kontingent. Die kleinen jüdsschen Landgemeinden veröden, die Gemeinden der Großstädte, vor allem die Berliner, wachsen zu Riesengröße, und der Zusamrnenhang der deutschen Juden lockert sich von Tag zu Tag. Die Weihe der jüdischen Feste versinkt in dem Trubel der Großstadt, der Sabbath verschwindet, und auch der Verkehr der Familien unter einander wird durch die Entfernungen der großen Stadt außerordentlich erschwert. So wächst eine neue Generation heran, die das Judentum mit seinen religiösen und ethischen Werten nur noch vom Hörensagen kennt, für die eine Sabbath- oder Festtagstimmung nur noch eine leere Phrase ist. Selbst für Häuser, in denen jüdssches Leben pulsiert, fehlt außerhalb der vier Wände das verstärkende Echo durch die Gemeinschaft. Wie anders stellt sich das Bild dar, wenn wir uns eine jüdische Gartenstadt in der Nähe einer Großstadt vergegenwärtigen. Ohne die Vorzüge der Großstadt mit ihren reichen Bildungsmöglichkeiten zu entbehren, lebt hier eizre Jugend, umgeben von Licht und Lust, im eigenen Heim, in jüdischer Umgebung, von frühester Kindheit an in den Händen jüdischer Lehrer und im Kreise jüdischer Spielgefährten und Kameraden, in einer Gemeinde, deren harmonssche und ästhetische Wohnanlagen eine Synagoge, eine Schule, einen geräumigen Sportplatz mit Jüdischem Vereinshaus umfassen, -die ganz von selbst ein stoher Mittelpunkt jüdsschen Lebens werden muß: Welch ein Bild gegenüber dem heutigen Dahinvegetieren in jüdischer Beziehung! Wir erwarten von mancher Seite das Bedenken, daß durch unsere Gründung antisemitische Tendenzen bestärkt werden könnten. Abgesehen davon, daß dies bei der Besonderheit des 'Vorschlages, den 'wir zu machen haben, ohnehin in Wegfall kommt, soll man dieses Argument nicht allzu tragisch nehmen. Es erscheint immer da, wo wir als Juden an irgend eine neue Sache herantreten. Es erschien bei der Gründung der Logen, der Studentenvereine, der Sportvereine, und immer hat es sich als nichtig erwiesen. Wenn, schließlich einzelne Zionisten geäußert haben, es möchten ihre Freunde durch die Beteilung an einer jüdischen Gartenstadt von ihrer aktiven Anteilnahme an der Arbeit für' Palästina abgelenkt werden, so ist auch diese Befürchtung hinfällig. Für Leute, denen Palästina ein Lebensbedürfnis ist, kann eine jüdische Gartenvorstadt niemals ein vollwertiger Ersatz sein, aber jede Erstarkung jüdischen Lebens in den Ländern der Zerstreuung muß der Schaffung und dem Ausbau eines jüdischen Kulturzentrums zugute kommen. Weitere Kreise wird interessieren, daß wir bei unserem Plane auch an die Verwirklichung des Gedankens jüdischer Kriegerheimstätten Herangehen wollen, da wir über genügend billiges Terrain verfügen werden. Auch die Interessenten an Laubenland und billigen Sommerhäusern werden bei uns auf ihre Rechnung kommen, da wir in absehbarer Zeit nur einen Teil des verfügbaren Landes bebauen werden. Bei der Suche nach einem geeigneten Terrain für die geplante Gartenvorstadt mußte von vornherein darauf Rücksicht genommen werden, daß die Teilnehmer in ihrer Mehrzahl von ihrem Beruf täglich nach dem Stadtinnern geführt werden. Die Siedelung darf daher nur in der Nähe der Bahn gelegen sein und, um zu verhüten, daß die tägliche Fahrt zu große Ansprüche an Geld und Zeit stellt, muß sie innerhalb des Vorortverkehrs liegen. Aus dieser Forderung erwächst eine neue Schwierigkeit, da Gelände, das dieser Bedingung genügt, auch entsprechend hoch im Preise steht. Da beabsichtigt ist, jedem Siedler mindestens 2—300 qm Gartenland zur Verfügung zu stellen, so fällt natürlich ein höherer Bodenpreis entsprechend ins Gewicht. Es gelang uns, alle diese Schwierigkeiten durch ein Angebot zu überwinden, das uns die Gartenstadt-Gesellschaft Falkenbera in anerkennenswerter Weise machte. Diese "kurz vor dem Kriege gegründete Gesellschaft verfolgt, von unserem jüdischen Gesichtspunkte abgesehen, genau in die gleichen Ziele wie wir. Sie erwarb die Option auf ein etwa 260 . Morgen großes Terrain, das unmittelbar am Bahnhof Grünau beginnend, sich für eine derartige Siedelung auf das trefflichste eignet. Ein von einer ersten Kraft ausgearbeiteter, künstlerisch vollendeter Bebauungsplan zeigt, daß das Terrain bei landhausmäßiger Bebauung für ungefähr 7000 Seelen Raum bietet. Die Gartenstadt-Gesellschaft würde uns von dem Gesamtterrain etwas mehr als die Hälfte überlassen, wobei natürlich die Bebauung unseres Teiles ganz nach unseren Wünschen ausgeführt werden könnte. Der Preis ist trotz aller dieser Vorzüge durch den Erwerb des ganzen Geländes so niedrig, daß die Kosten eines einzelnen Hauses mit Garten,' ' einschl. der Fahrkosten, sich sicher nicht höher stellen werden, als der Betrag, der für eine entsprechende Mietwohnung in der Stadt auszugeben ist. Zur Realisierung unseres Projektes wollen wir eine Genossenschaft mit beschränkter Haftung ins Leben rufen. Der Anteil ist mit M. 240.— in Aussicht genommen. Um allen Klaffen den Beitritt zu ermöglichen, kann der Betrag auch in monatlichen Raten bis zu M. *0.—, abwärts bezahlt werden. Die Haftsumme beträgt ebenfalls M. 240.—. Zur Aufbringung der Anzahlung wird die Ausgabe unverzinslicher, auslosbarer Anteilscheine in Höhe von M. 100.— geplant. Die Verzinsung des Restkaufgeldes während des Krieges erfolgt zu einem außerordentlich niedrigen Zinsfüße. Auch für eine lange Zeit nach dem Kriege bleibt 'das "Restkaufgeld unkündbar stehen. Bei den genossenschaftlichen Anteilen von M. 240.— zählen wir vor allem auf die eigentlichen Interessenten. Wer einen oder mehrere dieser Anteile erwirbt, wird Mitglied der