Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1918-02-22 · Heft 4 (22.2.1918) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1918
Issue
Heft 4 (22.2.1918)
Date
1918-02-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063774-3063778--10554-3077899
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 5. . Nr. X - Die Wahrheit presse und zahllose andere üble Erscheinungen der Tages bilden ein deutlich sichtbares Zeichen, vor den Juden auf der Hut zu sein. Das Gesetz , der Selbsterhaltung muß den Juden überflüssig erklären. , Es ist nicht zu leugnen, daß das Judentum in unserem Wirtschaftsleben eine wichüge Rolle spielt. Die Intelligenz, die rasche Auffassungsgabe, die Unternehmungslust, aber auch die Skrupellosigkeit des mosaischen Kaufmannes und Händlers, die Anpassungsfähigkeit an alle Verhältniffe machen die Juden zu gefährlichen Konkurrenten auf allen Gebieten des bürgerlichen Erwerbslebens. Wenn es richtig ist, was Zollschan sagt, daß der Jude nur dort reüssiert, wo er eine Lücke im nationalen Wirtschhastsleben ausfüllt, wo er seine Berufsfähigkeit Bedürfnissen widmet, die vor ihm gar nicht berücksichtigt wurden sind, dann sind die Tage des Judentums in Oesterreichs gezählt, dann ist der Jude tatsächlich überflüssig geworden. Wir wünschen keine Judenverfolgungen, keine Pogrome nach russischem Vorbild; wir wünschen aber im Interesse der allgemeinen Wohlfahrt und im Interesse des Judentums selbst eine gründliche Aenderung der heutigen Verhältniffe. Jüdische Schriftsteller haben längst erkannt, daß dem Judentum die Gefahr droht, von den Raffen absorbiert zu werden, unter denen sie leben. Ju ganz Westeuropa bedroht die Zahl der Uebertritte zu einem christlichen Bekenntnisse und die Zunahme der Mischehen die Existenz der jüdischen Bevölkerung. In Wien, Triest und Prag ist die Zahl der Mischehen eine ganz überraschend hohe und so scheint wohl Max Nordau im Rechte zu sein, wenn er schreibt: „Die höher gebildeten Juden des Westens werden abfallen, die des Ostens aber werden mit Leib und Seele zugrunde gehen." Damit ist ein deutlicher Hinweis auf das neue Reich Zion gegeben. Ohne Zionismus gibt -es für die Juden nur zwei Möglichkeiten: Auflösung der Raffe oder physische Degeneration. Keines von beiden werden die Juden wünschen. Nun ist ihnen durch den Krieg die Harähabe gegeben, sich selbst zu helfen und Europa von einer drückenden Last zu befteien. Wenn die Gedanken des klugen Theodor Herzig des ungekrönten Königs von Zion, unter seinen Glaubensgenossen nicht Wurzel faffen wollten, so trägt daran die Schuld: die Ablehnung durch alle Kreise, die im Judentum selbst die Macht haben; das Ignorieren des Zionismus durch die Türkei als aktiv interessierten Staat und durch alle jene Staaten, die passiv an der Judenfrage interessiert sind. Der Krieg hat auch in dieser Beziehung die Verhältniffe geändert. In einer Erklärung des stellvertretenden Staatssekretärs des deutschen Auswärtigen Amtes, Freiherm von dem Bussche am 5. Jänner ist die Absicht der kaiserlich osmanischen Regierung begrüßt worden, die aufblühende jüdische Siedlung in Palästina durch Gewährung von fteier Einwanderung und Niederlassung, von örtlicher Selbstverwaltung und fteier Entwicklung ihrer kulturellen Eigenart zu fördern. Die „Jüdische Rundschau", daS Organ der reichsdeutschen Zionisten, bezeichnet diesen Schritt als öffentliche Zustimmung der deutschen Regierung zu den zionistischen Bestrebungen und ist überzeugt^ daß diese Kundgebung in den weitesten jüdischen Kreisen fteudigen Wiederhall wecken werde. Im Zusammenhang mit den Aeußerungen des Grafen Czernin, daß die österreichische Regierung den zionistischen Bestrebungen mit Wohlwollen gegenüberstehe und sie zu fördern bereit , sei, und der amtlichen Auslassung des Großwesirs Talaat Pascha kann nunmehr von einer einheiüichen Stellungnahme der Zentralmächte zugunsten der zionistischen Frage gesprochen werden. Damit kommen zwei wichtige Faktoren, die der Arbeit Theodor Herzls unüberbrückbare Schwierigkeiten bereitet haben, in Wegfall. Bleibt also nur mehr die Jntereffenlosigkest oder der geheime und offene Widerstand der einflußreichen jüdischen Kreise. Der kann aber unter Umständen durch Ereignisse gebrochen werden, die heute noch außerhalb jeder Berechnungsmöglichkeit liegen. In Oesterreich-Ungarn leben über zwei Millionen Juden; Deutschland zählt deren 586.000. Ans der Gegenüberstellung dieser beiden Zahlen allein ist zu sehen, wie lebhaft die Donaumonarchie an der Äsung des Judenproblems interessiert ist. Eine andere Losung aL die Auswanderung, der Zug in das gelobte Land, scheint nicht möglich. So bleibt nur der Wunsch, daß das neue Reich Zion bald Wahrheit und Palästma zum Magnet für die achteinhalb Millionen Juden Europas werden möge." Eine Reminiszenz an» alter Jett. Bon W. Stößler, OlmÜtz. In der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, Heft 7—10, bespricht Herr Prof. M.Brau» die literarischen Erzeugnisse längst vergangener Zeiten und kommt hiebei auf ein verwehtes Blatt zurück, dem er im Hinblicke auf die heutigen Zeitereigniffe ein Wort der Erinnerung widmet. Wie der Autor hervorhebt, wollte Napoleon den englischen Handel gewaltsam von dem Markte des europäischen Festlandes fernhalten. Das Ergebnis dieser getroffenen, harten Maßnahme war, daß insbesondere der Kaffee und Zucker, an deren Gebrauch die Konsumenten gewöhnt waren, maßlos verteuert wurde. Am schwersten empfanden die Männlein und Weiblein ohne Unterschied des Glaubens und der Abstammung die Entbehrung des Schälchens Kaffee, an das sie mit Liebe hiengen. Die trübselige Stimmung, welche infolge der Kaffeenot allerorten herrschte, bewog einen unbekannten Dichter zu nachfolgenden epischen Ergüssen: 1. Wir haben dem Kaffee Abschied müssen geben, jezund tun unsere Weiber der eitel Machlokes leben. Wann nur Schalem kommen sollte bei Zeit, daß der Kaffee kann wieder werden angebreit. 2. Wir bedürfen weinen und klagen, ein Hausvater soll es dem andern sagen, was für ein Schlag uns hat getroffen, es wäre besser, wir wären nach Holland geloffen, Kaffee einzukaufen auf eüiche Jahren, Tag und Nacht geritten und gefahren. 3. Me groß sein unsere Sünd, man bettacht nur unser Weib und Kind, seht, zu der Make eine Heilung zu suchen, daß die Weiber sollen aushören zu fluchen, Kaffee, Kaffee! schreien sie Tag und Nacht, damit haben sie ewig ihre Zeit zugebracht. 4. Wehe, daß der verschlagene Wind den Leib tut brummen und steigen, vom Magen- und Kopffchmerzen will ich gar schweigen, uns arme Weiber wie wird es geh'», Kaffee wäre jetzt gut und schön. Kaffee vertteibt alleJesurim, wie wird es uns geh'n am lieben Purim. 5. Sechus owaus haben wtt gehabt, Kaffee hat uns gegeben Stück und Kraft, vielmal haben wtt gefpack de» Doktor und Apotheker, das ist alles wahr und kein Scheker, arme Leut' wenn sie nichts haben zu essen und zu beißen, haben sich mit ein halb Lot Kaffee lassen begnügen und abspeisen. Wie eilig sind geworden unsere Zähn', Hilf soll uns kommen Amen, Amen. 6. Leben und Frieden soll Gott uns geben und 606V tausend Zentner Kaffee daneben, 12.000 Zentner Zucker dazu, so hätten wtt Weiber auf ein ganz Jahr Ruh'. Ein Jahr schleicht aber bald herum, liebe Weiber seid mtt gut und ftumm. 7. Jom Tow und Schabes sein die Weiber worden verstöck, wer weiß wie lange die Gesere noch wähck, Kaffee hat geholfen vor alle Kränk, wenn man eine Schale Kaffee hat. geschenkt. Leider es ist eine große Zore, anstatt Kaffee muß man ttinken Zichore. 8. Gott ist gerecht in allen Sachen und Dingen, bald werden wtt tanzen und fingen, wenn wtt die Kaffeemühlen werden hersuchen, werden wtt backen viele guten Kuchen, eine Schale Kaffee ttinken dazu, das bringt uns eine gute Ruh!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.