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Die Wahrheit · 1918-02-08 · Heft 3 (8.2.1918) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1918
Issue
Heft 3 (8.2.1918)
Date
1918-02-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 3. Die deutsche Iudercheit und die Feiedenskoufereu;. Trotz vieler entgegenstehender Schwierigkeiten scheinen nunmehr, so wird dem „Israel. Familienbl." in Hamburg geschrieben, doch Bestrebungen zum Ziel zu gelangen, die darauf hinausgehen, die deutsche Judenheit für diejenigen Fragen zusammenzuschließen, die auf der Friedenskonferenz eine Rolle spielen werden. Denn es unterliegt keinem Zweifel, daß auf der Friedenskonferenz, wie auch immer der Krieg sich weiter entwickeln möge, die ostjüdischeu Fragen und die Palästinafrage zur Erörterung gelangen werden. Die Erkenntnis dieser Tatsachen hat bereits in den meisten Ländern zum Versuch eines Zusammenschlusses der Juden dieser Länder geführt. In Deutschland vermißte man bisher eine entsprechende Aktion. Es soll nicht verkannt werden, daß in unserem Vaterlände die Verhältnisse in der Tat recht schwierig sind. Für eure Kongreßbewegung in amerikanischem Sinne fehlen die Dessen. Außerdem sind starke programmatische Schwierigkeiten vorhanden. Trotzdem können wir heute von einer verheißungsvollen Neubildung innerhalb ver deutschen Judenheit berichten, die, wie wir hören, ain letzten Sonntag in Berlin zustande kam. An diesem Zusammenschluß sollen alle maßgebenden deutschen Organisationen, so weit sie überhaupt für eine politische Tätigkeit in Frage kommen, teilgenommen haben. Vertreten waren der Hilfsverein der deutschen Juden, der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, das Komitee fiir den Osten, die Zionistische Vereinigung für Deutschland, die Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland; ferner die Großloge U. O. B. B., der Deutsch- Israelitische Gemeindebund und andere auf politischen Gebieten wirkende Organisationen. Ob auch die Freie Vereinigung für das orthodoxe Judentmn sich beteiligt hat, ist zur Zeit nicht bekannt. Die Orthodoxie hat bekanntlich am 31. Jänner eine große Konferenz nach Frankfurt a. M. einberufen, um zu den osteuropäischen Fragen Stellung zu nehmen. ES darf jedoch angenommen werden, daß sie sich auch an diesem Zusammenschluß der Organisationen in Deutschland beteiligen wird. Wie wir hören, haben an der Sonntagssitzung in der Tat die maßgebendsten Führer der jüdischen Organisationen in Deutschland teilgenommen: so vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebund Herr Professor Dr. Kalischer, vom Hilfsverein der deutschen Juden die Herren Dr. James Simon, Dr. Paul Nathan, Geheimer Justizrat Cassel und Generalkonsul Landau. Vom Vorstand der Berliner Gemeinde waren die Herren Kommerzienrat Eisner, Badt, Dr. Feilchenfeld und Dr. Netter anwesend; von zionistischen Führern die Herren Rechtsanwalt Dr. Handtke und Rechtsanwalt Doktor Klee; aus Frankfurt a. M. Justizrat Dr. Blau und Justizrat Dr. Auerbach; von der Liberalen Vereinigung Justizrat Dr. Plonsker; vom Komitee für den Osten die Herren Professor Dr. Oppenheimer und Professor Dr. Sobernheim und viele andere prominente Persönlichkeiten. Im Laufe der Konferenz wurde ein geschäftsführender Ausschuß gewählt, der, wie wir hören, seine Arbeiten sofort beginnen wird. Es ist begreiflich, daß die Tätigkeit dieses neuen Komitees zum Teil eiue diskrete wird sein müssen. Ueber die absolute Notwendigkeit hinaus darf aber die jüdisch Oeffentlichkeit, die natürlich mit lebhaftester Anteilnahme* diesem Zusammenschluß folgt, über diese Vorgänge nicht ununterrichtet bleiben. „Thora or“ (Miss«« ist Licht.) Bon N. Lochringer. Die Nachricht von der Gründung eines „Vereines zur Wtchrung der Interessen des orchodoxen Judentums" in Wien wird die religiösen Gemüter mit großer Genugtuung erfüllen. Die Religion ist ein Bedürfnis zarter Seelen, ein angeborenes, ererbtes Gefühl, die Poesie der Seele, der Imperativ des Leben?. Niemand kann sich ihrem Zauber entziehen, selbst diejenigen nicht, die ihrer Ketten spotten. Sogar Darwin, welcher, wie Cuoier sagt, den Schöpfer der Arten entthronte und die Arten durch den allmächtigen Zufall entstehen ließ, konnte sich des religiösen Gefühls nicht erwehren. Ernst Häckel, der Begründer der Selektionstheorie und Stifter des monistischen „Glaubens", predigt in seiner „natürlichen Schöpfungsgeschichte" die.Naturreligion, wohl eine Ärt Ersatzreligion, aber eine Gefühlsstimmung und Seelenerhebung, eine Andacht und Erbauung, deren der Mensch zu seinem Glücke bedarf. In seinem letzten Werke „Kristallseelen" spricht er sogar von einer Konstanz der Summe vom Bewußtsein der Welt. Klingt das nicht mystisch, metaphysisch, religiös? Max Nordau, der bekannte Positivist, sagt in den Paradoxen: .„Nichts beweist, daß eS in der Natur ein Allbewußtsein gibt, dessen Umfang unser enges Bewußtsein nicht zu fassen vermag.. Man mag dabei an Spinoza'S Pantheismus oder an Schopenhauers Willen denken; auf den Namen kommt es nicht an. Sicher ist eins, wir sehen, daß der Stoff, wenn er in Form eines Menschenhirns gruppiert ist, und die Kraft, wenn sie als Nerventätigkeit wirkt, ein Bewußtsein geben." Jeder logisch denkende, ehrliche Mensch, mehr oder weniger oder gar nicht religiös wird diesem Vereine seine Sympathie nicht versagen können, denn die Orthodoxen haben ebenso ein Recht, ihre Herzens- und Geistesschätze zu wahren als andere die ihrigen. Die Weisen haben um die Religion Zäune und Bollwerke geschaffen, ja sogar Doppelzäune und Doppelwälle (geder legoder, mischmeretli lemiscbmerefch) feste Schalen zum Schutze des köstlichen Kernes. Man konnte doch dieses zarte Blümchen Religion nicht genug vor Frost, Erschütterung, giftigem Hauche schützen. Man konnte andererseits nicht genug ihren moralischen und materiellen Wert anpreisen. So nennen die Weisen die Thora, die Quelle der Religion, unter anderm: Baum des Lebens, Arzenei für alle Leiden, Honigseim, Lebensglück und Lebensfteude, Perlen und gediegenes Geld, Beschützerin, Führerin, die beste Ware, die es überhaupt gibt, alles zum Zwecke, um den Menschen auS Altruismus die Schönheit und Nützlichkeit der religiösen Satzungen zuzureden. Es liegt einmal in der Natur der edlen Menschen, daß sie sich für eine gute Sache, für eine heilsame Idee, für das Heil der Menschheit, mit Gefahr deS Lebens weihen. Ein höheres Ideal als die Verniehrung der Erkenntnis kann es überhaupt nicht geben. Welche Heiligensage ist so schön, wie das Leben eines Forschers, der sein Dasein über ein Mikroskop gebeugt zubringt, fast ohne leibliche Bedürfnisse, von wenigen gekannt und geehrt, bloß für sein eigenes Gewissen arbeitend, ohne einen andern Ehrgeiz als den, vielleicht eine einzige, kleine Tatsache sicherzustellen, die ein glücklicher Nachfolger zu einer glänzenden Synthese benützen, als Baustein in ein Denkmal der Naturerkenntnis einfügen wird. Warum soll man nicht auch Menschen bewundern und hochachten, welche die Segnungen und Tröstungen der Religion, deS „Marpe ienefessh“ uns - bewahren wollen? Wie die Herren Gründer deS eingangs. erwähnten Vereines sich die „Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums" vorstellen, weiß ich nicht. Sie wollen, sagen sie, nach den Observanzen des Schulclian aroch leben. Dar ist wohl schön und gut, aber nicht genug. Der Verein soll auch für die Förderung der ethisch-religiösen Ideen werktätig eingreifen. Er soll Mittel und Wege suchen, um die labenden und glücksgläubigen Worte der Tora, das Brot der Seele, zu verbreiten; er soll die Jugend mit den Schönheiten und Köstlichkeiten der Tora- und Talmudwissenschaften bekannt machen, denn ein Wissen der Tora ist Leben. Es ist keine Redefigur, keine bloße Allegorie, daß „Tora oru, daß die Tora ein Licht ist, ein lebensreizendes, trostspendendes Licht und ewig wahr bleibt der Ausspruch der Weisen: „Maor schebo machsor lemutow“ das ihr (der Tora) inne-

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