Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 25 (14.12.1917)
- Date
- 1917-12-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite § Nr. 25. sagten danach, noch hat er selbst darauf Wert gelegt. Und wenn auch manche Kantoren reiche Kenntnisse im Hebräischen besitzen — die Welt setzt es bei ihnen gar nicht voraus und wW sie gewöhnlich in einen Topf mit den vielen, die eben nur „Kantoren", d. h. Sänger sind! Diesem Umstand verdank die Mische Gemeinschaft eine der ^komischesten Gestalten in ihrer Mitte — den Doppel-Dispens-Rabbiner! Erst nämlich dispensiert ihn die Gemeinde vom Mischen Wissen und dann dispensiertihn die Regierung von profanem Wissen —r und der Dispens-Rabbiner ist fertig! z Nun' macht Herr Oberkantor Joses Rendi den Vorschlag, daß nur der Rabbiner ein Scheliach Zibbur (nicht SchMach!) sein soll. Jedenfalls wäre es würdiger, daß der Rabbiner zum Scheliach Zibbur avanziert, als wenn jetzt der „Kantor" zum Rabbiner gemacht wird. Aber der Vorschlag des Herrn Oberkantor Rendi ist nicht neu. Bereits vor ungefähr achtzehnhundert Jahren hat ihn schon — der | Talmud gemacht!! In Taamt 16a lesen wir: R. Jehuda sagt: „Ein! Vorbeter muß arm, von gutem Ruf, beliebt, im Besitz einer j angenehmen Stimme sein, dazu aber muß er bewandert sein im Lesen der heiligen Schrift, muß lernen können Halachot und Haggadot und alle Gebetstücke gut kennen." — Kann Herr Oberkantor Rendi mehr verlangen? Ja, die Worte des Propheten Jeremia (12, 8): „Meine Geliebte (das jüdische Volk) erhebt gegen mich ihre Stimme, darum hasse ich sie" bezieht der Talmud (ib. 16b) auf den unwürdigen Scheliach Zibbur! Eine Wendung in der Stellung des Vorbeters zur Gemeinde wie zur Regierung kann, wie es scheint, nur ein-! treten, wenn der Vorbeter nicht mehr den „Kantor" betont, sondern ein schlichter und rechter Scheliach Zibbor sein wird, dessen jüdische Bildung vorausgesetzt werden und dessen Würdigkeit unzweifelhaft sein wird. Jacob Kachman«. (1840-1905.) Bon königl. Musikdirektor Aron Fried mann, Berlin. .Zu den bedeutendsten Vertretern der Kantorenwelt gehört unstreitig Jacob Bachmann in Budapest. Er war nicht pur im Kreise seiner Heimat als bedeutender Chasan und Komponist allgemein bekannt, sondern weit über die Grenzen seines Katerlandes hinaus hatte sein Raine in Kantorenkreisen einen guten Klang, und seine musikalischen Schöpfungen gehören mit zu den Perlen der Synagogenliteratur. j Jacob Bachmann wurde im April 1846 in Berditschew j (Rußland) geboren. Sein Vater gehörte dem wohlhabenden j Kaufmqnnsstande an und ließ seinem Sohne einen gediegenen! Unterricht ün Hebräischen, in der Musik und in den allgel meinen Wissenschaften zuteil werden. .Schon in frühester Jugend zeigte Bachmann Vorliebe für Musik und Gesang. So verbrachte er seine Jünglingsjahre außer mit Lernen in der Jeschiwa vornehmlich mit Singen beim Kantor seiner * Heimatstadt. Aus Liebe zur Musik verließ Bachmann seine Vaterstadt und ging nach Petersburg, um das Konservatorium zu besuchen. Kein geringerer als Anton Rubinstein nahm sich des strebsamen jungen Bachmann an. So widmete sich Bachmann im Konservatorium unter her Leitung Rubinsteins den Gesangsimd Musikstudien und wurde durch seine stimmliche Begabung die Zierde des Institutes. Bei Bachmann entwichelte sich eine Tenorstimme von ungewöhnlichem Umfang, gewaltiger Kraft und edelstem TonUang. Sein Bortrag war voruchru, gefühlsjnnig, begeistert und begeisternd. Da es sein Bestreben war, die Kantorenlgufbahn zu beschreistn, nahm er eine Stehle sin Petersburger Synggogenchor an, wo er Gelegenheit hatst, sich weiter ist die asten jüdischen Gesangsweisen, die er m seiyer Hßimat gehoft und gepflegt haste, zu vertiefen. Pack Mfostrstrung des KoHervatoäuM anüiest? BaHmauu aM Kgyty r in semer Geburtsstadt Berditschew. Später übernahm ex has Amt des ersten Kantors in Rostßw und bann in Konstantinopel. Uebexall errang er durch seine hervorragend schone Hümme, durch seinen tief religiös empfundenen Vortrag und seine Polle Vertrautheit mit dem synagogalen Gesangssstl großen Beifall. Allein Vachmann stabte nqch größerer Vervollkommnung seiner Kenntnisse. Er ging daher auf Anregung seines Bruders Leon Vachmann des größten Architekten Rußlands, nach Odessa, uw westeren Musikstudien zu obsiegen. Bachmann s Stimme entfaltete sich zu einem kraftvoll blühenden Tenor von ausgiebigem Klang. Die an Bachmann oft gestellten höchst verlockenden Anträge, zur Bühne zu gehen, wies er mit den Warten zurück: „.m n^n 'ip Mein Sieg und Sang ist Gott, Ihm will ich meine Stimme weihen". Bachmann begleitete Ruhinstein ans dessen Konzertreisen und fand mit dem Vortrag von Liedern und Arien außerordentlichen Beifall. Jedoch nach wie vor nahm der Syuagogenkultus sein volles Interesse in Anspruch. Daher nahm er nach einiger Zeit die' Oberkantorstelle in Lemberg an. Hier fand er ein großes Arbeitsfeld yor. Er organisierte einen gemischten Chor und komponierte vierstimmige Gesänge, ebenso Rezitätiye, welcheden Beifall der Gemeinde fanden. Aber nicht nur auf dem synagogalen, sondern auch auf dem oratorischen Gebiete leistete er auch Hervorragendes durch die Schöpfung einer Kantate, die er dem österreichischen Kaiserpaare widmete, was ihm ein ehrendes Dankschreiben einbrachte. So drang sein Ruhm als hervorragender Kantor weit über die Grenzen seiner Wirkungsstätte hinaus. Bach- Mann schuf auch ein umfangreiches Synagogengesangswerk, welches er später der Oeffentlichkeit übergah. Der Ort des Erscheinens dieses Werkes aber sollte Odessa werden. In Odessa wirste in der sogenannten Stadtsynagoge der berühmte Oberkantor Osias Abraß, im Vostsmunste „Pitsche" genannt. Als dieser im Jahre 1884 nach einer 25 jährigen segensreichen Tätigkeit sein Amt aufgab, wurhe Bachmann nach einem glänzend verlaufenen Probevortrag zu Abraß's Nachfolger gewählt. — Bachmann wurde bald der musikalische Mittelpunkt der mukliebenden nnd musikverständigen Odessaer Gemeinde. Jedesmal, wenn Bachmann vorbetete, kamen auch Musikkritiker und Gesangslehrer, um der Bachmann'schen Kunst zu lauschen. Auch Anton Rubiustein besuchte den Gottesdienst, so oft er in Odessa weilte, und sprach sich lobend über Bachmanns Gesangsleistungen aus. So äußerte er einmal seiner Schwester gegenüber, einer Gesangslehrerin in Odessa: „Schicke deine Schüler in den Tempel, daß sie den Bachmann hören, um zu lernen, wie man singen soll." Und Salomon Sulzer sprach sich gelegentlich eines Besuches in Odessa dahin aus, „er habe geglaubt, daß er bisher als Synagogensänger unerreicht geblieben sei. Ha komme nun ein junger Russe, dieser Bachmann, daher, her ihn durch seine gewalügen Stimmittel noch übertreffen dürfte." Für Bachmynn's Bedeutung als Komponist legt fein im Jahre 1884 veröffentlichtes Werk, betitelt .ppr rpT«? beredtes Zeugnis ab. Die darin enthaltenen Gesänge, eine Frucht langjährigen Sammelns sind, wie es in der. Vorrede heißt, hauptsächlich für den Gebrauch der Gotteshäuser in Rußland geschrieben ynd bestimmt worden. „Der Umstand, daß her Gesang in denselben sich einer anszezeichneteü Pflege erfreut und denselben auch größere Chornre/sen zur Verfügung stehen, machte Chorwerke nötig, die au Umfang und Breite der Ausführung das Maß der bis je^t erschienenen Überschriften." — Die Bachmann'schen Kompositionen zeichnen sich durch Anmut, Reinheit des Stiles und harmonischen Wohlklang in hohem Grade aus. Ruhinstein sprach sich günstig über Bachmann's Musikschöpfungen aus und ließ sich verschiedene Piecen von ihm abschreiben. Bachmgyn erhielt den Titel eines Mustkprofessors, eine für einen russischen Juden seltene Auszeichnung von der aber Bachmann in seiner BMeidenheir nie Gebrauch gemacht hgt. Fstr eine dem russischen Kaiserpaare zur Krönung gewidmete Kankgte erhielt Bachmann ein Dankschreiben mit der eigenhändigen Unterschrift des Kaisers. r . (MW folgt)