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Die Wahrheit · 1917-12-14 · Heft 25 (14.12.1917) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1917
Issue
Heft 25 (14.12.1917)
Date
1917-12-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Seite 5. # Nr. 25. -Die Wahrheit Gin Appell an die israelitischen Kultusgrmrinden. Von N. Lothringer. Ein weisheitsvoller, talmudischer Spruch lautet: „En vka^vn8ok matur azmo mibet haasurim“, der dem Sinne nach bedeutet, daß ein Mensch in Not, jeder Initiative unfähig,, sich selbst nicht helfen kann, gleich einem kranken Arzte, der der Hilfe eines anderen Fachkollegen bedarf. (Rots welo Io). Eingedenk dieser Tatsache drängt es mich, einen Uninteressierten, einem Stande das Wort zu reden, dem es sehr schlecht ergeht, obwohl ich gleich keinen direkten Auftrag dazu besitze. Ich betrachte mich, wenn ich meiner Absicht außer der ethischen auch noch eine juridische Grundlage geben sollte, angesichts der von mir wahrgenommenen Gefahr als negotiorum gestor, dem das Recht zusteht, die Gefahr auch ohne Auftrag abzuwenden. Ich meine den Beamtenstand der israelitischen Kultusgenieinden Oesterreich-Ungarns. Diese Funktionäre werden in dieser schweren Zeit geradezu stiefmütterlich behandelt. Im Vergleich zu den Teuerungszulagen, bezw. zu der Erhöhung der Gehälter der Staats- und der Beamten anderer Institutionen, erscheint der Teuerungszuschlag für die erwähnten Beamten als eine Zurücksetzung, die „physisch und moralisch schmerzt". Ich will mich nicht in Daten und Zahlen ergehen, sondern feststellen, daß die Notlage der erwähnten Beamten infolge der abnormalen Teuerung der Lebensmittel und anderer unentbehrlicher Bedarfsartikel so groß ist, daß sie die Sinnen zur Verzweiflung treibt. „Hamefirsum ene zoruch rajaü (Das Offenkundige bedarf keines Beweises). Es ist doch eine Binsenwahrheit, daß die Gehälter der Beamten der israelitischen KuÜusgemeinden zur Steigerung der Preise in gar keinem Verhältnisse stehen, indem diese schon längst die Proportionalgrenze überschritten haben. Die Mttel zum Bedarf verhalten sich wie 1 zu 10, zu 20, zu 30, doch niemand verlangt eine zehn- oder dreißigfache Erhöhung des Gehaltes, sondern nur eine teilweise Linderung der krassen Not. Ich zitiere hier die zutreffenden Worte des Herrn Steinhardt, die in der „Wahrheit" vom 2. November l. I. zu lesen sind: „Ich sage den LHern nichts neues, wenn ich behaupte, daß in der großen Mehrzahl die Einnahmen der kaufmännischen Welt, der Arberterkrcise und der bäuerlichen Bevölkerung mit den steigenden Preisen der Lebensmittel und der Wirtschaftsgegenstände sehr wohl Schritt gehalten haben, daß die obwaltende Kriegsteuerung in diesen Schichten der Bevölkerung auch kaum empflmden wird. Drückend ist jedoch die Not bei der Beamtenwelt und unerträglich wird sie den jüdischen Kultusbeamten. Hier droht eine absehbare Zeit eine Katastrophe. Die christliche Lehrerschaft und auch die sonstige Beamtenwelt beschäftigt sich vielfach — namentlich auf dem Lande — mit Gartenbau und Landwirtschaft; städtische Beamten haben wiederum auf dem Lande Verwandte, die sie einigermaßen mit Lebensmitteln versorgen und dadurch ihre wirtschaftliche Lage noch erträglich gestalten. Dem jüdischen Kultusbeamten fehlen alle diese Dinge. Sogar die letzte Zuflucht der notleidenden Bevölkerung, die Kriegsküche, ist ihm aus rituellen Gründen versagt." Man bedenke, daß die Beamten der israelitischen Kultusgemeinden durchgängig differenzierte Menschen sind, denen das moralische Gefühl verbietet, sich irgendwo anders um Hilfe umzuschauen. Es würde auch der Ehre der Brotgeberin Eintrag tun, wenn ihre Beamten etwas unternehmen, was auf diese einen Schatten-werfen würde. Es würde sie auch kränken, wenn sich die Beamtenschaft notgedrungen an die Oeffentlichkeit um Hilfe wenden oder wenn jemand anders, von Mitgefühl ergriffen, für diese eine Sammlung oder sonst eine Wohltätigkeitsaktion veranstalten möchte. „En ‘ zibur oni.u Eine Genteiinde ist nicht arm. Auf. _ einer israelitischen Gemeinde liegt gleichsam der Nimbus der Weihe, welche dem Begriffe „Kultus" entströmt. Es fft ein „abodot hakodosch,“ so daß deren Funktionäre den Leviten während des Bestandes des jüdischen Gemeinwesens in Palästina gleichen. Diese waren auf Geheiß der Thora pietätvoll versorgt. Die Funktionäre am Altar Gottes durften keinen Mangel leiden. Außer dem Zehnten wurden ihnen auch Weideplätze in den Vorstädten angewiesen. Die Priester waren schon gar gut daran. Diese hatten glänzende Einkünfte und die Bürger wetteiferten miteinander, diese reichlich zu beschenken. Was Gutes vor vielen Hunderten Jahren geschah, dürfte heute umsomehr geschehen. Die Mitglieder der israelitischen Kultusgemeinden werden diese in ihrem menschlich schönen Unternehmen zweifellos unterstützen, denn sie werden es nicht übers Herz bringen können, daß ihre Priester und Leviten am Hungertuche nagen. Es würde mit ihrem Gewissen, ihrer Pietät und hohen WohltätigkeitssiNn im Widerspruche stehen. Der jüdische Wohltätigkeitssinn ist zu bekannt, als daß man es nötig hätte, desselben nochmals hier rühmend zu erwähnen. Er ist ein teueres Erbe jenes Menschenideales, deffen Mildtätigkeit und Gastfreundschaft allen Völkern der Erde als ein leuchtendes Vorbild dient: Des Patriarchen. Abraham, den die Mystik mit dem Epipheton „chesed“ krönte. Jede Tat dieses Mannes war getaucht im Sonnenglanz der göttlichen Liebe und Gnade und dieser Glanz ruht noch heute auf dessen Nachkommen „sera Abraham.“ Die Nachkommen eines solchen Mannes werden ihre Pflicht erfüllen. Und. wenn sie dies tun, wenn sie das wenig beneidenswerte Los der Kultusbeamten zeitgemäß, würdig ihres eigenen und der Beamten Standes, verbessern wird, dann wird der Segen Gottes, wie der himmlische Tau auf ihre Häupter fließen; dann werden sie das Gotteswort erfüllen: „Wechaj ochieko imoch.“ „Und es lebe dein Bruder neben dir." Sch'liach Zibbur oder Kantor? Von Professor Dr. Kahan,? Znaim. Der Vorbeter in der Synagoge hat von jeher entweder Chasan oder Sch'liach Zibbur geheißen. Chasan heißt eigentlich „Aufseher", also von gleicher Bedeutung wie Bischof (von Episcopus), gewiß ein Ehrennamen. Sch'liach Zibbur wiederum (nicht Scholiach k) heißt „Abgesandter der Gemeinde" — kann es eine ehrenvollere Bezeichnung geben? Zum Unglück aber sind beide Bezeichnungen hebräisch, d.h. jüdisch! Und es kam eine Zeit, wo man sich in gewissen Kreisen alles Jüdischen zum schämen anfing — warum sollte da der jüdische Vorbeter eine Ausnahme machen? Er wollte nicht durch den jüdischen Titel Chasan oder Sch'liach Zibbur (in der Abkürzung — Schazz) gebrandmarkt sein. Er legte sich lieber den Tstel des Vorsängers in der Kirche bei und nannte sich stolz — Kantor! Für den Juden blieb er zwar noch immer der Vorbeter, ohne den ein jüdischer Gottesdienst nicht stattfinden kann. Aber der Nicht-Jude, namentlich die Regierung hiett sich an die Bedeutung des Wortes: Kantor — Sänger! Gesang verschönt allerdings den Gottesdienst, aber schließlich hängt doch der.Gottesdienst nicht vom Gesänge ab, und so wurde der Kantor als ein Luxus, als überflüssiges Möbelstück beim Gottesdienst bettachtet. Und so konnte das Widersinnige geschehen, daß, während die Regierung für den ungestörteu Gottesdienst bei allen Religionen Sorge trug und die dazu gehörigen Personen vom Heeresdienste befteite, sie den jüdischen Kantor als entbehrlich betrachtete, ihn zmn Heeresdienste heranzog und so in manchen Gemeinden den jüdischest Gottesdienst unmöglich machte! Aber auch auf den Vorbeter selbst übte die neue Bezeichnung eine unheilvolle Wirkung , aus. Er war eben in erster Linie Sänger, der Sch'liach Zibbur ttat ganz in den Hintergrund. Wenn er nur schön fingen konnte — brauchte er du noch zu wissen, was er sang? Weder die,Gemeinden

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