Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 25 (14.12.1917)
- Date
- 1917-12-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit Seite 7. Nr. 25. Gin Bänkelsänger des Ghetto. Die Wandersucht, so schreibt das „Wr. Journal" in einer überaus interessanten Skizze aus den: Leben eines jüdischen Volksdichters liegt, diesen Abkömmlingen eines alten Volkes, das einst ruhelos durch die Wüste zog, im Blute. Der jüdische Bohemien ist keine vereinzelte Erscheinung. Im ' Mittelalter war es der schwermütige Lebensdichter Jbn-Esra, der die Enge der Ghettogassen verließ, um unstet zu wandern. Jehuda Halevys Sehnsucht ging nach Palästina, und auch in unseren Tagen gibt es viele dieser wandernden Volksdichter und Schauspieler, die von Wilna nach New-Pork, von Lemberg nach London, Paris und Berlin sichmit ihrer kleinen Kunst begeben, mn in den Judenviertel das treueste, enthusiasmierteste Publikum zu finden, das man sich denken kann. So einer war der vor wenigen Jahren in Amerika verstorbene Lyriker, Humorist, Schauspieler' und Tondichter Goldfaden, und von seinem -Schlage war sein Vorgänger Benjamin Wolf Ehrenkranz, der nach seiner Heimstadt Zbaraz , den populären Namen Wölwel Zbarazer bekam. Wölwel Zbarazer war ein gottbegnadeter Sänger jüdischen Leids, Humorist mit beißendem Witz, der echteste Typus eines Ghettobohemiens, der in den Kneipen und Gast- Häusern von Jassy und Konstantinopel seine Stegreiflieder sang, ein ewiger Emigrant, der keine Heimat fand, seitdem er sein galizisches Heimatstädtchen verließ, wo er im Jahre 1826 geboren wurde. Zbarazer dichtete im Jargon und bediente sich auch der hieratischen Schönheit der hebräischen Sprache. Er konnte als Dichter weinen und lachen, tröstete und erheiterte die Bedrückten und schwang die Geißel einer vernichtenden Satire gegen die Verfolger und Haßerfüllten. In den von Dr. M. Grunwald herausgegebenen „Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde" ist-diesem Volksdichter von dem Stockholmer Forscher Dr. M. Fried eine interessante biographische Studie gewidmet wovden, der wir die nachfolgenden Mitteilungen entnehmen. Wölwel Zbarazers Vater war Schächter und wurde allgemein Moschke Schauchet genannt. Von ihm hatte der Dichter das heitere Temperament und den stets schlagfertigen Witz geerbt. Wie der alte Ehrenkranz über alles, was ihm widerfuhr, und mochte es noch so traurig sein, seine Scherze machte, möge folgendes Beispiel zeigen. In der Ausübung seines Berufes mußte er sich öfters auch nach den nahegelegsnen Dörfern chegeben. Einmal wurde er auf dem Rückwege aus einem Dorfe von einem Bauern überfallen und geschlagen. Zu Hause angelangt, sprach er hastig die Worte: „Ein Bauer hat mich schlagen wollen" und fiel, von dem ausgestandenen Schrecken und. Schlägen erschöpft, ohnmächtig hin. Als er dann wieder zu sich gekommen war, fragte ihn seine Frau: „Woher weißt du denn, daß der Bauer dich schlagen wollte?" „Gewiß, weiß ich es," sagte er, „denn er hat mich wirklich geschlagen." Moschke Schauchet, der den Talmud eifrig studierte und die -religiösen Vorschriften genau beobachtete, war kein Fanatiker. Er war ein frommer Mann mit gesundem Menschenverstand. Früh erkannte er die trefflichen Anlagen seines „Wölwel", der schon als zehnjähriger Knabe ein für sein Alter Ungewöhnliches Maß von biblischem und talmudischem Wissen besaß und ein ausgezeichnetes Gedächtnis verriet. Wölroel kam in die große Talmudschule und es war alle berechtigte Hoffnung vorhanden, daß er sich zu einer Leuchte jüdischen Wissens entwickeln würde. Mer es kam anders. Der junge Gelehrte wurde vom Geist der Aufklärung erfaßt und diese bewirkte in ihm eine vollständige innere Umwandlung. Er las heimlich deutsche Schriften und fiel so nach und nach von seiner bigotten Umgebung ab. Um ihn an die heimatliche Scholle zu fesseln, wurde der kaum achtzehnjährige Wölwel von seinem tiefbekümmerten Vater mit einem wohlgearteten Mädchen verheiratet. Wenige Tage nach seiner Hochzeit verließ. Wölwel jedoch seine' junge Frau und die Eltern und blieb lange Zeit verschollen. Erst nach einigen Jahren erfuhr man, daß er in Rumänien Zuflucht gefunden. Warum er aber, bemerkt Dr. Fried, die Heimat verließ und wovon er sich in Rumänien ernährte, erzählt Zbarazer selbst in dem Vorworte zum ersten Teil seiner Liedersammlung „Mattel Noam." Die Hoffnung auf ein glücklicheres und menschenwürdigeres Dasein habe ihn aus seinem Heimatlande - weggelockt Rumänien war das Ziel seiner Reise. Hier suchte er das gehoffte Glück, wurde aber auch dort von demselben gemieden. In den ersten Jahren ernährte er sich dort durch Erteilung hebräischen Unterrichts. Später versagte ihm jedoch dieser Erwerb, angeblich weil er deu damaligen hebräischen Lehrern (Melamdim) in Rumänien nicht ebenbürtig war. Tatsächlich mußte Ehrenkranz sich nach einem anderen Erwerbszweig umsehen, um nicht zu verhungern. Nun hatte er sich schon als Lehrer mit der hebräischen Poesie befaßt, und so glaubte er eine Zeitlang, wie er uns in der (Anleitung weiter erzählt, in dem hebräischen Liede seinen Nahrungszweig finden zu können. Aber dies schlug gar nicht an. Da fiel ihm ein, seine Muse in „zwei Gewänder" zu kleiden, in ein gestücktes und grobes — Jiddisch — und in ein köstliches, fein gewobenes — Hebräisch. Erfteres sollte ihm zu seiner Ernährung dienen. Letzteres zur Erhaltung seiner Ehre beitragen. Zbarazer errang großen Beifall und materielle Erfolge. Er sang in Kaffee- und Weinhäusern, in Restaurants und Gesellschaftszirkeln. Seine Lieder zeichneten sich vor allem durch beißenden Humor aus. Der Spott war immer seine stärkste Seite. Am meisten aber bewunderte man in ihm die seltene Geschicklichkeit, aus dem Stegreif zu dichten, den ungewöhnlichen Dichtungsstoff in hebräische Reime zu bringen, selbst zu komponieren und in einer anziehenden Weise vorzutragen. Er wurde dadurch in kurzer Zeit ein berühmter Mann und verdiente an einem Mend mehr als hundert Gulden, die unter „guten Brüdern" (Taugennichtfen) ebenso schnell verschwanden. Er hätte ein großes Vermögen j ansammeln können, wenn er nicht so unmäßig und veri schwenderisch gelebt hätte. Außerdem war er gutherzig und! mildtätig. Er geht auf die Wanderschaft mit diesen Liedern, - wird von der rumänischen Regierung ausgewiesen, tancht für , eine Zeit wieder in Zbaraz auf, wo er es nicht mehr aus- - hält, und schlägt seinen dauernden Wohnsitz in Konstantinopel > auf, wo er sich mit einer Hotetdesitzerin verheiratet. Auch im j Stadtviertel Galata fand Zbarazer ein begeistertes Publikum! von Handwerkern und sonstigen kleinen Leuten, die seinen Liedern lauschten. Am 2. Juni 1883 starb der Dichter fern! seiner Heimat, von allen betrauert, die er mit seiner Poesie j aufrichtete und erheiterte.! i | Spende» für den Leopoldstädter Tempel.! Dem Komitee für den Wiederaufbau des Leopoldstädter 'j Tempels sind in der abgelaufeneu Woche nachstehende Spenden j zugekommen: i Bon Herrn k. k. Bergrat Max Ritter v. Gutmann K 100.000, j Firma Klein u. Brandt 1000, Herrn L. R. 2000, Herrn Eduard j Herlinger 200, Firma I. Turnowky u. Co. 500, Herrn Georg Adleri stein 200, Herrn Paul L. Weiler 100, Herrn Wilhelm Weiß 200,! Herrn Ignaz Beckmann 200, Firma Josef Herzog 100 Herrn Isidor » Schwarz 200, Herrn Friedrich Korn 100, Herrn Leop. Schafranek j 300, Herrn Ernst Wassermann 200, Herrn Josef Neuherr 100, Herrn! I. Ziegler 100, Herrn Emil Lederer 100, Herrn Salomon Bauer! 100, Herrn Leopold Bruckner 100, Herrn Markus Fischer 100, Herrn M. Fnchs 200, Herrn Karl Löbl 300, Herrn Karl Lemberger 500, Herrn Alsted Alten 200, Herrn Wilhelm Lvwbeer 500, Herrn Jacques Karpeles 300, Herrn Eduard Denes 150, Herrn Gottlieb Herrmann 500, Firma Herz u. Strauß 100, Herrn Karl Böhm 100, Herrn N. W. 200, Herrn M. Schlesinger 200, Firma Brüder Hassan 500, Herrn Hugo Weltsch 300, Herrn Moritz Fritsch 200, Herrn Leopold Geiringer 600, Herrn M. H. 300, Herrn Bernhard Figdor 1000, Herrn Siegwart Frecherr von Mayer-Ketschendorf 20.000, i Firma Koppel, Frisch u. Co. 5000, Herrn Adolf Freund 400, Herrn j Moritz Weller 200, Herrn Emil Kanitz 500, Firma Friedenstein u.! Co. 1000, Herrn Siegmund Geiringer 1000, Herrn kais. Rat Ludwig Herzfell» 1000, Familie Dr. Hermann Löwy 1000, Herrn Heinrich Mayer 200, Herrn Ernst Klein 100, Herrn L. S. Weiß 200, Herrn Gustav Heffel 100, Herrn Ludwig Adler 200, Firma B. M. 200, Herrn Jnfelo 100, Herrn Benjamin Bürger 100, Herrn Joses Johnscher 100, Herrn L. Stiasny 200, Herrn Markus Mittler 300, Herrn-zkais. Rat Heinrich Haas 100, Herrn Maximllian Prager 100, r Herrn Ignatz Haas 100, Herrn Bernhard Lichtenstein 250, Herrn