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Die Wahrheit · 1917-11-30 · Heft 24 (30.11.1917) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1917
Issue
Heft 24 (30.11.1917)
Date
1917-11-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
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S eite S. Die Wahrheit Nr. 24 . Israeliten wohnen, die wir zu rumänischen Bürgern machen muffen, während unsere eigenen Israeliten, die unter unseren Fahnen gekämpft haben, bei uns Fremde bleiben. Deshalb rst der Punkt, mit dem wir uns jetzt beschäftigen müssen, derjenige der Lösung der israelitischen Frage, aber einer breften vollständigen Lösung, ohne Einschränkungen, ohne Abstufungen, ohne Vorbehalte, einer Lösung im ehrlichen Geiste, wie es einem Lande gebührt, das fein Wort gegeben hat und Wert darauf legt, es zu respektieren. (Unterbrechung von antssemitischer Seite.) Rechnen Sie nicht darauf, daß ich durch Ihre Unterbrechungen oder Ihre Propaganda eingeschüchttrt, die moralische Feigheit begehen werde, eine gewisse Tatsache zu verschweigen, deren Existenz weder Sie «och jemand anderer aus der Welt zu schaffen imstande sein wird. Denn da die Regierungen beider Parteien und der König ihr Wort gesagt habeu, ist die Ehre Rumäniens im Spiebe und wird das Wort: Rumäniens respektiert werden. Ich habe diese Frage absichtlich zur Erörterung gebracht, damit die Israeliten aller Länder es wissen, daß, wenn es natürlich und gerecht war, aus dieser Frage eine Waffe gegen uns zur Zeit zu machen, wo wir noch nicht entschlossen waren, es heute unnütz und ungerecht wäre, sich dieser Waffe zu bedienen. Wenn die Israeliten Bürger sein werden wie wir, so wollen wir nicht, daß sie uns im Herzen fremd bleiben und daß wir selbst nur dem Anschein nach ihre Brüder sein sollen. Wir werden zu diesem Zwecke ein zweies Werk vollenden müssen, ein soziales Werk, und dies wird uns desto eher gelingen, je weniger das Ausland sich hier einmengt. Was mich anbetrifft, so werde ich nicht die Waffen niederlegen, bis die ssraelitische Frage gebührend gelöst ist." Zu dieser Erklärung des rumänischen Ministers wird aus maßgebenden jüdischen Kreisen geschrieben: „Es kann nicht der mindeste Zweifel darüber bestehen, dich die Rede Jonescos nichts anderes bezweckte, als den Brmdesgenoffen Rumäniens Sand in die Augen zu streuen und die Empörung der jüdischen Wett über die grausamen Judenverfolgungen in Adrmänien zu beschwichtigen. Indessen wird die phrasenreiche heuchlerische Erklärung der rumänischen Regierung, die am Schluffe eine kaum verhüllte Drohung an die Wresse der Juden des Auslandes enthält, auf diese nicht den mindesten Eindruck machen. Mit leeren Versprechungen und einem Wechsel auf eine unbekannte Zukunft Wt sich das jüdische Volk um so weniger abspeisen, als es aus Jahrzehnte aller Erfahrung die heimtückische JudenpolM der wechselnden rumänischen Regierungen zur Genüge kennt." Aus der Erklärung Jonescos gehen zwei Dinge klar hervor: Einmal, daß die rumänische Regierung ihre alle Verschleppungspolitik in Bezug auf die Juden ntcht aufzugeben gedenll, was auch durch die in der Presse gemeldete Antwort des rumämschen Königs an eine jüdische Deputation beweist, in der er erklärte, daß man der Reform der Judengesetzgärung erst nach dem siegreichen Feldzuge werde nähertreten können. Ferner bestätigt die Rede Jonescos die Angaben des rumänischen Sozialistenführers Rakowsky, daß die rumänische Regierung selbst in ihren Versprechungen die Gleichberechtigung der rumänischen Juden von der Besitzergreiftmg Transsylvaniens abhängig macht. Die Juden aller Länder fordern die unmittelbare, vom Ausgange des Krieges unabhängige Emanzipatton ihrer Bnrder in Rumänien, sie fordern die Einstellung der fortgesetzten brutalen Judenverfolgungen seitens der rumänischen Mütär- und ZiviLbehörden. Die Juden aller Länder sehen in der rumänischen Judenftage eine Angelegenheit, die alle Voller angeht, und beharren auf ihrer Forderung internattonaler Garantten für die gesetzliche und faktische Gleichstellung der rumämschen Judenhell. Ein Dankeswort an die jüdischen Wohltäter von N. Lothringer. Und es geschah, erzählt der Tälmund, daß der Naffi (Fürst) und Vorsteher des Lehrhauses Raban Gamliel den Rabbi Josua wegen eines Rechtstreites öffentlich gedemüftgt hatte und dann, seine Tat bereuend, ins Haus Rabbi Josuas ging, um ihn zu versöhnen. Als der Naffi die Wohnung des Rabbi betrat, gewahrte er, daß die Wände ruffigschwarz waren und er sprach voll Verwunderung: „Die Wände deines HauseS verraten, daß Du ein Schmied bist". Anspielend auf die längst bekannte Sorglosigkell des Naffi betteffs der Not der talmide ckachomim, rief Rabbi Josua die denkwürdigen Worte wehmutsvoll: „0 io leolam, scheata manhigo weo lo lesfina, scheata kabornito!u „Wehe der Wett, deren Leiter und wehe dem Schiffe, dessen Steuerer Du bist, da du die Not der Weisen nicht kennst und nicht einmal weißt, wovon sie sich ernähren!" Diese feierlichen Worte klingen jedem Talmudkenner in den Ohren, wenn er sieht, daß die Großen und Reichen in Israel der Notleidenden nicht gedenken. Wann das Schicksal einen an die Spitze der Menschheit stellt, meint Rabbi Josua, so soll er, wie ein braver Schiffskapitän, für das Schiffspersonal liebreich sorgen. Wenn der edle Rabbi Josua zu unsere Zeiten lebte und sähe, was die jüdischen Großen für die Notleidenden im allgemeinen und für die talmide ckachomim im besonder» tun, so würde er glücksgläubig lächeln und nicht „wehe", sondern „heil" rufen. Die talmide ckachomim haben von den hiesigen Institutionen vor allem der Jsr. Kultusgemeinde, Jsr. Allianz, der Baronin-Hirsch-Stiftung, von Vereinen, Rabbinern und Bürgern eine so generöse Fürsorge erfahren, daß die in Humanität schwelgenden Manen der Weisen des Talmuds vollkommen zufrieden sein können. Die Wiener Judenheit hat ein volles Verständnis für die Not aller Flüchtlinge gehabt, vorzüglich für die Not der Weisen und Gelehrten (bezaaron schel talmide chachomim), welche schon deshalb das höchste Mtleid verdienen, weil sie erstens der Fähigkeit bar sind, vermöge Handels oder Spekulation Geld zu erwerben, indem sie, um mit Schiller zu reden, bei der „Teilung der Erde" nicht zugegen waren und dann, weil sie zu den verschämten Armen gehören, die den sittlichen Mut nicht aufbringen können, ihre Not zu Markte zu ttagen. Für diese hohen und hehren Taten gebührt allen Wohltätern seelen- und segenvoller Dank. Ihr Verdienst ist groß, sehr groß. Die Zedaka steht in der jüdischen Ethik so hoch, daß sie als Gipfel aller menschlichen Tugenden gilt. Unter den fast zahllose» Sprüchen betreffs der zedaka befindet sich auch der famose Spruch: „Schekila zedaka keneged kol hamizwot sckebetora“. „Die Wohltätigkeit Überwiegt alle Gebote der Tora". Das ist ein großes Wort. Alle 613 Ge- und Verbote der Tora fallen nicht so schwer in die Wagschale der Tugend wie die Wohttättgkeit. Diese ist sonach Ziel und Zweck aller Religionen, Quintessenz aller Ethiken, Halt und Pol aller Moral. Die jüdischen Weisen sind Teleologen. Sie stehen auf dem Standpunkte Platos, daß alles in der Wett einen Zweck, eine Zielstrebigkeit hat. Der Mittelpuntt der Wett ist nach ihnen der Mensch, der Letztling der Schöpfung, dessen denkender und vernünftiger Geist ihn auf den Thron der Welt hinstellt, der fähig ist, den größten Gedanken nachzudenken, sich zur fteien Geisteswürde, zur Weisheit und Sittlichkeit zu erheben. Dieses Wiffenswesen soll vollkommen sein, soll werktätige Liebe, Güte und Barmherzigkeit üben. Der Talmud lehrt kein blindes Triebleben, sondern ein Leben des Bedachts, der- Verantwortung, der Pflicht. Er will, daß der Mensch sich heiligt als Zweckträger, der den geheimnisvollen Weltenzweck trägt auf seinen breiten Schuttern von Ewigkeit zu Ewigkeit: „Olom chesed jebone.“

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