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Die Wahrheit · 1917-11-30 · Heft 24 (30.11.1917) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1917
Issue
Heft 24 (30.11.1917)
Date
1917-11-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Seite &. Nr. 23; Die Wahrheit blutigen Waffendienste für unvereinbar. Die Kultusgemeinden lassen aber ihren „Scholiach Zibbur," der mit' der Abhaltung des / öffentlichen Gottesdienstes die Aufgabe übernimmt, die seelische Hingebung der Andächtigen, die Erhebung ihrer Seelen zu Gott, dem Inbegriffe alles Seelisch en,. zu unterstützen, der, durch seine geschilderte Mission dem Seelenfrieden seiner Sender in eminenter Weise dient, als nicht in der „Seelsorge" beschäftigt erklären! Diesetz widerspruchsvolle Mißverhältnis, diese sich in Scheingründe hüllende Geringschätzung, dieses Ursache mit Wirkung verwechselnde Vorurteil bilden für junge, mit Gesangstalent begabte Männer von Ehre einen gefürchteten Stachel und deshalb ein unübersteigbares Hindernis, sich so sehr sie auch den Beruf in sich fühlen und so gerne sie es täten, dem erhabenen Dienste des „Scholiach Zibbur" zu widmen. Es ist daher in dieser großen Zeit endlich an der Zeit, die Frage zu beantworten, welcher Weg zur Heilung des besprochenen chronischen Nebels führt, soll sich der Nachwuchs der „Scholiche Zibbur" nicht ausschließlich aus Kreisen rekrutieren, die dem Judentume nicht zur Ehre gereichen können? Ich habe, meine sehr geehrten Herren, die einzig richtige Antwort auf diese Frage gefunden. Sie lautet: Soll in katholischen und protestantischen Ländern der „Scholiach Zibbur/ der Vertreter der jüdischen'Gemeinde in der Synagoge, jener Würdigung begegnen, die solchen Funktionären Andersgläubiger zuteil wird und ohne welche die nötige Achtung vor dem Gottesdienste nichtexistiert, dann muß er Rabbiner sein. Denn in puncto Wertschätzung wirkt das Beispiel der Majorität der Bevölkerung im Lande und in der Stadt suggestiv. Bei dem naturgemäßen Mangel dieser unerläßlichen ^Wertschätzung aber muß die Judenheit stets unzufriedene „Scholiche Zibbur" und demgegenüber unzufriedene Gemeinden haben. Kein anderer als ein Rabbiner soll daher nach einer zu bestimmenden größeren Frist, beim öffentlichen Gottesdienste als „Scholiach Zibbur" vor den Schulchan treten. Wenn ich in dem sicheren Bewußtsein, daß man den Inhalt meiner Worte zur Utopie stempeln und als verschrobene Ideologie bezeichnen wird, die Kühnheit aufbringe, mit einem solchen Anträge hervorzutreten, so geschieht es in der Ueberzeugung, daß sich diese Wahrheit über kurz oder lang durchringen muß. Bis dahin aber werde ich mich mit den goldenen Worten trösten : „in magnis et voluisse sat est“ (in großen^ Dingen genügt es auch nur gewollt zu haben). Getragen von der Voraussetzung, daß die jüdischen Vorstehungen die Lösung des Welträtsels durch das Judentum, das den letzten Grund aller Dinge in Gott sieht, für Wahrheit halten, und dyß öffentliche Gottesdien st e veranstaltet werden, um diesen Gott zu preisen und anzubeten, ist mein Vorschlag folgendermaßen gedacht: Jedem mit Gesangs- und musikalischem Talente ausgezeichneten jungen Manne, der sich dem Dienste des Judentums widmen will, muß durch Verleihung ausgiebiger Stipendien Gelegenheit geboten werden, neben seinen musikalischen 'und gesanglichen Studien, ein Rabbinerdiplom und das Doktorat der Philosophie zu erwerben. Unter der gesetzlich zu schützenden Hochhaltung des Prinzips, daß kein bereits Angestellter in irgend welcher Hinsicht geschädigt werden darf, sind nach einer Reihe von Jahren nur Rabbiner, die auch ihre Ausbildung zum „Scholiach Zibbur" erhalten haben, als solche anzustellen. Kein anderer und sei er ein Stimmkrösus ohnegleichen. Es gäbe dann zweierlei Rabbinen: solche, deren Begabung ihnen ermöglichte, neben dem Lehr- und Predigeramte auch das Amt des „Scholiach Zibbur" zu versehen und solche, die nur das Lehr- und Predigeramt bekleiden könnten. Suum cuique. Jedem von ihnen wird Gelegenheit gegeben sein, gleich hervorragendes innerhalb seines Wirkungskreises zu leisten. Die sich hier zeigenden Klippen sind leicht umschiffbar, die Vorteile aber, die mit der Annahme meines Vorschlages der Judenheit erwüchsen, wären unschätzbare Kleinodien, herrliche am Himmel des Judentums prangende Sterne. Das verunglückte Stiefkind des Judentums, das in keiner anderen Konfession ein Analogon hat, der derzeitige „Kantor" wäre von der Bildfläche verschwunden und das Amt des „Scholiach Zibbur", vom Rabbiner bekleidet, den allein — täuschen wir uns doch nicht länger — der Staat und die Judenschast gebührend zu würdigen wissen, wird unter den Fittigen des Rabbinates, seinen heutigen Deckmantel abwerfend, sich in seiner wirklichen Gestalt zeigen und zu seinen Ehren gelangen, die die Achtung vor dem Gottesdienste fordert. Dem Postulate der Erbringung eines Befähigungsnachweises für das in Rede stehende Amt wäre endlich Rechnung getragen. Der Musikwissenschaft im Dienste der Synagoge wird dann durch den „Scholiach Zibbur" eine ganz andere Pflege als heute zuteil werden. Kleinere Gemeinden lverden nur einen Funktionär für Lehr-, Bet- und Predigeramt anzustellen haben. Da die Thora, bei ihrer Devise „Io bascJaomajim hi", für Niemanden in unerreichbaren Höhen schwebt, sondern jedem Durstigen ihre Brüste reicht, werden in der Uebergangs- und Vorbereitungsperiode — ich denke an einen Spielraum von 10 Jahren — wißbegierige und lernfähige, bereits amtierende „Scholiche Zibbur" bestrebt sein, die Rabbinatsprüsung zu bestehen. So könnten auch einer großer: Schar hoffnungsvoller Männer dieser Kreise die Tore der jüdischen Wissenschaft geöffnet werden. Die „Schechitah" wird in kleineren Gemeinden nicht mehr, zum Gaudium unserer Feinde, mit der Gesangskunst kumuliert, sondern Handwerkern übergeben werden, die neben der „Schechitah" ein zweites Gewerbe zu betreiben hätten. Meine sehr geehrten Herren! Heilen Sie die bestehende schwärende Wunde durch Realisierung obiger Idee. Sie wäre eine erlösende, bahnbrechende, große Tat und große Zeiten wollen große Taten. Prüfen Sie daher gründlich meinen Vorschlag. Sie werden zur Ueberzeugung gelangen, daß das Problem nicht nur unlösbar, sondern daß die Schwierigkeiten, die sich hier aus den ersten Blick aufzutürmen scheinen, bei richtiger Verteilung von Licht und Schatten, in ein Nichts zerrinnen und daß jede andere Lösung der aufgeworfenen Frage nur eine ungesunde Halbheit erzeugte. Mt der Vornahme des angeregten Umbaues, durch solche Veredelung einer hochwichtigen jüdischen Institution aber wäre ein gesundes Ganzes geschaffen zum Heile des Gottesdienstes und zur Ehre des Judentums. *) Mit vorzüglicher Hochachtung Zagreb (Agram) den 22. November 1917. Oberkantor Josef Rendi. Me Indenfraye in Rumänien. Das Jüdische Preßbureau in Stockholm berichtet: Die französische Presse veröffentlichte ein Telegramm aus Jassy, das den Wortlaut der Erklärung wiedergibt, die der Staatsminister Take Jonesco in der rumänischen Kammer während der Debatte über die Reformen der Konstitution über die Judenfrage abgab. Die Erklärung lautet: „Kein vernünftiger Mensch hält es für möglich, daß wir unserem Vaterlande Provinzen angliedern, in welchen *) Wir haben den vorstehenden überaus sachgemäßen und zutreffenden Ausführungen nur das eine hinzuzufügen, daß das Präsidium des „Oesterr.-ungarischeu Kamorenvereines" si-fort nach Bekanntwerden des Entwurfes bei dem Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde des österreichischen israelitischen Gemeindebundes, Herrn Dr. Alfred Stern in dieser Angelegenheit vorgesprochen und auch eine Eingabe an das Ministerium für Kultus und Unterricht gerichtet, in welcher das wohlmotivierte Ersuchen gestellt wurde, dem Kantorenstande eine Vertretung in den Verbänden einzuräumen Die Redaktion.

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