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Die Wahrheit · 1917-11-16 · Heft 23 (16.11.1917) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1917
Issue
Heft 23 (16.11.1917)
Date
1917-11-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 23. Die Wahrheit Seite 7. Ich schließe endgültig die Diskussion über die jüdische Schule. Der Worte sind genug gewechselt; nun möchte das -Judentum von seinen Vertretern endlich Taten sehen. Sonst müßte es inder Geschichte unseres Volkes einst heißen: „Das Judentum ist zusammengebrochen, nicht durch äußere Einflüsse, sondern durch die Indolenz derer, denen seine Erhaltung oblag." Adolf Fried. Englische Lockrufe. Es ist bekannt, daß die englische Regierung wiederholte Versuche gemacht hat, den Zionismus für ihre Zwecke auszunützen und so wird auch neuerdings wieder ein Köder ausgeworfen, indem der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Balfour, wie aus Holland gemeldet wird, in einem an Lord Rothschild gerichteten Telegramme die Erklärung abgibt, daß die englische Regierung dem Plane der Errichtung Palästinas als jüdischer Nationalstaat günstig gestimmt sei und die möglichst weite Verbreitung dieser Zustimmung innerhalb der zionistischen Organisationen wünsche. Was die Juden von Englands Uneigennützigkeit zu erwarten haben, das hat sich im Weltkriege mit genügender Deutlichkeit gezeigt und auch -die Zionisten, soweit sie nicht unter dem unmittelbaren Einflüsse der englischen Regierung stehen, werden sich hierüber vollkommen klar sein. Einen charakteristischen Beitrag zur Illustration der englischen und der Ententepolitik hinsichtlich des Zionismus liefert eine englische Zeitung, der geeignet ist, auch den Verblendetsten die Augen zu öffnen. „Manchester Guardian" verrät in einem Leitartikel, den die „Jüdische Korrespondenz" auszugsweise wiedergibt, daß die britische Regierung den Zionismus lediglich vorschiebt, um die imperialistischen Zwecke Englands zu fördern. Das Bemerkenswerteste dabei ist, daß das liberale Manchester-Blat, diese Politik unterstützt und von den Juden sogar erwartett daß sie sich im Interesse Englands entgegen ihren eigenen Ansichten in dm Dienst dieser Politik stellen. Das Blatt schreibt nämlich: „Die Argumente für die Ausdehnung der britischen Kontrolle über Palästina in irgend einer Form beruhen auf nnserer Lage in Aegypten. Es ist offenbar, daß, wenn bei dem Eintritt des Friedens die türkische Herrschaft in Palästina und Syrien fortdauern würde, unsere militärischen j Probleme in Aegypten sehr ernster Natur sein würden. Unsere! ganze Orientpolitik war auf dem Gedanken aufgebaut, daß die Türkei ein freundlich gesinnter Pufferstaat sei, und dieser Gedanke ist nun zusammengebrocheu. Wir haben neue Grundlagen zu schaffen, und der erste naheliegende Gedanke wäre die Teilung der Souveränität über die asiatische Türkei südlich des Taurus mit Frankreich in der Weise, daß Syrien an Frankreich gegeben und Palästina zu einem jüdischen Staat gemacht würde, der von unserem Lande abhänge. Das gleiche Resultat kann indessen auf andere Weise erreicht werden. Die Souveränität von Palästina könnte international sein mit Großbritanien als Mandatar der Mächte. Oder schließlich,-wenn die Vereinigten Staaten von nun ab ein Mitglied des europäischen Konzerts und einer zukünftigen Friedensliga sein wollen, müssen die Vereinigten Staaten gewillt sein, nach den Ratschlägen von Europa einen territorialen „locus standi“ zu erwerben und als Beauftragte Europas in Palästina auftreten." Die Schlußsätze des Artikels^des „Manchester Guardian" lauten: „Es ist schade, daß zur Zeit einer solchen Krise die Juden nicht einmütig sind. Es ist nicht unsere Aufgabe, in dem Streit der beiden Richtungen zu entscheiden, aber wir wollen zwei Punkte anführen: 1. Diejenigen Juden, die glauben, daß die Errichtung eines jüdischen Staates für die Rechte der Juden in anderen Ländern nachteilig sein würde, und daß die jüdische Freiheit in einem Palästinaheim weniger Freiheit für die Juden in ihrem Adoptivheim bedeuten würde, haben scheinbar einen unvollkommenen Begriff von den -Grundsätzen der britischen Freiheit und religiösen Duldung. 2. Was auch immer gegen die Einrichtung eines jüdischen Staates als materielles jüdisches Interesse gesagt werden mag, es handelt sich zweifellos um ein Interesse Großbritanniens und der Alliierten, und das sollte von den Juden erkannt werden, die das Wohlergehen ihrer Adoptivländer wünschen." Literatur. Jüdische Lieder vonJanot S. Roskin. (Musikverlag für nationale Volkskunst Berlin-Halensee.) Die Anzahl jüdischer Volksweisen oder Lieder ist zugleich mit den Autoren dieser Kunstform etwas über Gebühr angeschwollen, denn nur selten hören wir eine solch neue Weise, die, rein musikalisch genommen, „jüdisch" stilecht und volkstümlich klirrgt; was segelt aber auch alles unter der Flagge „Jüdische Musik" durch unsere Konzertsäle? Wem der Quell wahrhaft stilechter Musik nicht so recht aus der Seele fließt, wer sich ihr auf absichtsvoll reflektiertem Wege nähert, der kann wohl nur Erzeugnisse bringen, die haltlos zwischen zwei Stilen pendeln, iveder Ohr noch Herz befriedigen; man wollte dem Kunstlied ausweichen, traf aber den Volkston nicht, so bleibt an solchen Liedern die Charakterlosigkeit das einzig charakteristische. Nach all dem haben uns die jüdischen Volkslieder des Berliner Komponisten Janot S. Roskin aufs angenehmste überrascht. Wir horchen auf — da einer hier gewissermaßen aus seinem Herzen heraus schreibt; er bringt nns die Erinnerungen aus dem Khille-Leben des russischen Ghettos, sie haben ihm bei Fassung dieser Volksweisen die Feder geführt, zugleich aber steigert er die beengte Symetrie der altjüdischen Weise durch instrumentale Polyphonie in Klavier oder Geige zu dramatischer Wirkung. Roskin durchdenkt seine musikalische Ausschmückung mit Schärfe; er findet zu den Texten stets die richtigen Ausdrucksmittel und führt uns prächtige, oft meisterliche Stimmungsbilder vor, inanches gewinnt durch einfache Natürlichkeit, anderes blendet durch potenzierten Ausdruck, quasi vergeistigte Volkstümlichkeit, nur »selten ist etwas trockenere Melodik oder gesuchte Harmonie zu finden. Es scheint, daß Roskins künstlerische Individualität sich in einer prägnanten Charakteristik wohler fühlt, als in der Ausinalung tieferer Seelenzustäude; dementsprechend scheinen auch die Texte in seinen Heften gewählt. Besonders hervorheden möchte ich die so treffend musikalisch untermalten Volksweisen „Der Fuhrmann" und „Der Parom", nicht niinder den „Seiger" mit dem Continua des Uhrentikeus. Eine Glanznummer für Tenöre ist das „Neie Lied", von bezwingender, echt jüdischer Art das in düsteres Es-moll getauchte „Troirige Lied". Wir lnöchten den Arbeiten Roskins keine orakelhaften Deutungen mit auf den Weg geben; es sind in sich selbst geschlossene Kunstprodukte, deren Wert voll und ganz zu verstehen ein näheres Vertrautsein mit alt-jüdischer Musik voraussetzt. Für das vorhandene wenig stilreine dieser Kunstgattung bedeuten Roskins Arbeiten eine wertvolle Bereicherung. Oberkantor Singer, Kattowitz. Jüdischer Naiionalkaiender 5678. (Verlag „Jüdische Zeitung".) Der heurige Nationalkalender bildet wieder eine neue Stufe der Vervollkommnung dieser jedenfalls nützlichen Einrichtung. — Er beinhaltet eine Reihe interreffanter Abhandlungen, die geeignet sind einem, dem modernen nationalen Strome fernerstehenden, Juden ein getreues Bild des heutigen Judentums zu geben. Allerdings dürfen bei der Vollständigheit dieses Bildes auch nationale Fehler, oder Schwächen nicht fehlen, weshalb wohl auch Martin Buber vertreten sein mußte! — Besondere Erwähnung verdienen aber die anscheinend unscheinbaren, zwischen die einzelnen Abhandlungen gesetzten „Kernworte" bedeutender Männer unseres Volkes. Unter diesen verdient ein Ausspruch ganz besonders hervorgehoben zu werden, der, so verborgen er auf Seite>35 ab-

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