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Die Wahrheit · 1917-11-16 · Heft 23 (16.11.1917) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1917
Issue
Heft 23 (16.11.1917)
Date
1917-11-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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- Die Wahrheit Seite $. Nr. 23. ausgenommen hat (Deutsche, Tschechen, Polen . . . Ruthenen, Juden und Zigeuner), sondern weil wir uns durch die Macht des Kongresses die völkische Stellung in Oesterreich erkämpft haben! Wird dies geschehen, dann dürsten wir auch schwerlich weiter von offizieller Seite erst vor die Zigeuner gestellt werden, denn die Juden in Oesterreich könnten, wenn sie endlich wollten, unter den ersten führenden Parteien stehen. Unbewußt hat aber die österreichische Regierung in dieser Flüchtlingsstatistik den Zionisten in die Hände gearbeitet und den Gegnern des Zionismus wieder einmal klarstens vor Augen geführt, in welche Kategorie man uns Juden einschiebt : vor die Zigeuner! Ein Volk ohne Heimat! Kehren wir nun nach dieser kleinen Betrachtung wieder zu unserem Hauptthema zurück. Ich sprach sowohl beim aktiven als auch beim passiven Wahlrecht bisher nur von den Männern. Wie soll nun die Stellung der Frau geregelt werden? Soweit sich jüdische Mädchen in jüdischen Organisationen betätigt haben, kommen sie fast alle wie die Burschen nicht in Betracht, weil sich bei den Mädchen die Wirkungen der Jndividualisierungsmethode viel deutlicher und in noch bedenklicherem Maße zeigen. Diese Mädchen müßten sozusagen „um"-erzogen werden, da sie gewöhnlich mit 12—14 Jahren völlig überspannte Ideen haben und von ebensolchen älteren Mädchen geleitet werden; die ersten Folgen sind eine Geschmacksverbildung, die weiteren dann mystische Ekstase; Es ist jammerschade um all die verlorenen Kräfte. Sie müssen wegfallen, weil sie zur Massenarbeit nicht fähig siud. Und die übrigen jüdischen Mädchen, die außerhalb jedweder Organisation stehen, wissen zu wenig vom Judentum, als daß sie dann als Frauen politisch fähig wären. Wie sich die Dinge also derzeit verhalten, muß rch mich strikte gegen die weibliche politische Beteiligung aussprechen. Die Frauen wären jetzt hindernder Ballast. Es möge daher der Kongreß der Männer erreicht sein, dann werden sich schon Mittel und Wege finden, die Frauen zu einem politisch brauchbaren Faktor zu machen. Wir können auf die Frauen im weiteren Verlaufe der Dinge nicht verzichten und wollen es auch nicht. Keine Kraft bleibe ungenutzt! Sind wir dann so weit, daß die Wahlen und alle, übrigen Vorarbeiten erledigt sind, dann möge der Kongreß einberufen werden. Das Programm möchte ich folgendermaßen aufstellen und werde ich die einzelnen Punkte noch genau behandeln: 1. Politisch-autoritative Organisation. 2. Religiöse Organisation. 3. Jugenderziehung. Ans der Wiener Knltnsgemeinde. (Oeffentliche Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 11. November 1917.) Vor Eingang in die Tagesordnung gibt Präsident Dr. Stern in tiefempfundenen Worten der innigen Freude der Judenschaft über die glückliche Errettung Sr. Majestät des Kaisers Ausdruck. Die Versammlung, welche die Ausführungen des Vorsitzenden stehend anhört und in das Hoch auf den \ Kaiser begeistert einstimmt, beschließt über Antrag des Präsidenten Dr. Stern einstimmig, diese Kundgebung in einem Telegramm an die Kabinettskanzlei des Kaisers gelangen zu lassen und Dienstag, den 13. d. M., 6 Uhr abends, im Tempel der Inneren Stadt einen feierlichen Gottesdienst abzuhalten. - Zur Tagesordnung übergehend fand eine Trauerkundgebung für den verstorbenen Ersten Sekretär kais. Rat Dr. Theodor Lieben statt, über welche wir an anderer Stelle berichten. Hierauf referierte Sekretär Dr. Adler über die vom Vertreterkollegium vorgeschlagene Aenderung des Statutes, Anhang III, Tarif für Abgaben, Taxen und Gebühren. Das Vertreterkollegium beantragt folgende Ergänzung: Punkt X Verpflegsgebühren im Spitale der israelitischrn Kultusgemeinde. „Je nach der Verpflegsklafse: Minimum X 5.—, Maximum X 100.—. Für Unbemittelte gratis." (Der Antrag wurde einstimmig angenommen.) Konstituierung der Spitalskommission. Das Vertreterkollegium beantragt die Herren Vertreter M. B. Eißler und Leopold Simon in die Spitalskommisfion zu kooptieren. (Einstimmig angenommen.) Weiters wird berichtet, daß in der am 8. d. M. stattgefundenen Sitzung der Spitalskommission Vertreter Dr. Wilhelm Pappenheim zum Obmann und Vertreter M. B. Eißler zum Obmann-Stellvertreter gewählt wurden. (Zur Kenntnis genommen.) Zeichnung auf die VII. Oesterreichische Kriegsanleihe. Auf die VII. Kriegsanleihe ist gleichwie auf die früheren Kriegsanleihen ein Betrag von X 500.000'— (Fünhunderttausend Kronen) zu zeichnen. Abschluß des Vertrages mit dem Verbände der türkischen Israeliten (Sephardim) zu Wien. Vertreter Dr. Pappenheim teilt mit, daß unmittelbar nach dein Brande des Leopold-! stödter Tempels vom Vorstande des Verbandes der türkischen! Israeliten das dankenswerte Anbot gemacht wurde, behufs j Abhaltung des Freitag-Abend- und Samstag-Vormittags-! Gottesdienstes den türkischen Tempel ohne jedes Entgelt zur - Verfügung zu stellen. Das Vertreter-Kollegium erbittet sich j die Ermächtigung, einen dahin gehenden Vertrag mit den. Verbände der türkischen Israeliten abzuschließen. Dieser Vertrag hätte vorläufig bis Pessach in Kraft zu bleiben, in der Annahme, daß bis dahin der Tempel wieder benützbar sein wird. Der Antrag des Vertreter-Kollegiums wird ein stimmig angenommen und den: Verbände der türkischen Israeliten der Dank des Kulturvorstandes ausgesprochen. Anschließend an die öffentliche Plenarsitzung fand eine vertrauliche statt, irr welcher an Stelle des verstorbenen Herrn Salo Cohn, Herr Dr. Jakob Engel in das Vertreterkollegium gewählt wurde. i fr. Theodor lieben.; In der öffentlichen Plenarsitzung des Kultusvorstandes! vom 11. dm. hielt Präsident Dr. Alfted Stern dem verj ewigten Ersten Sekretär der Kultusgemeinde, kais. Rat j Dr. Theodor Lieben, folgenden Nachruf: > j Heute vor acht Tagen, fast um dieselbe Stunde, haben wir den teuren Mann zu seiner letzten Ruhestätte geleitet.! Seine letztwillige Anordnung ging dahin, es solle seine j Bestattung in den allereinfachsten Formen geschehen, keine vorherige Parte, kein Chor, keine Leichenrede und so mußte auch ich den überströmenden Gefühlen Halt gebieten, durste, so sehr es mir am Herzen lag und so sehr es auch meines Amtes gewesen wäre, an der Bahre zu sprechen, zu sagen, was er der. Gemeinde gewesen ist, ihm ein Dankeswort nachzurufen, so mußte auch ich schweigen, mußte mich beschränken auf das Segenswort: Lscrdsr hazadik liwrochoh! Das dort Versäumte nachzuholen, gebietet mir mein Herz, meine Pflicht. Vor dem hier versammelten Kultusvorstand, öffentlich muß es gesagt werden, was Dr. Theodor Lieben, der nahezu 45 Jahre der Gemeinde diente, der Gemeinde war. Um dies zu besprechen, muß die Frage aufgeworfen werden: was war die Gemeinde, was ist sie vor 45 Jahren, als Dr. Lieben bei ihr seinen Dienst als Sekretär antrat, gewesen, was und wie ist sie geworden, was ist sie heute? Einen großen Teil dieser Zeitstrecke, fast ein Menschenalter, habe ich selbst im Dienste der Gemeinde, als Mitglied des Vorstandes, zurückgelegt und schon in früheren Zeiten gehörte ich dem Vorstande des einen und des anderen Wohltätigkeitsvereines in der Gemeinde an, sowie mir auch

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