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Die Wahrheit · 1917-11-16 · Heft 23 (16.11.1917) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1917
Issue
Heft 23 (16.11.1917)
Date
1917-11-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Die Wahrheit - Seite 4. beeinflußt, darauf verzichten, das künftige Polen ohne demokratische Mithilfe der betroffenen Völker selbstherrlich gestalten zu wollen und Graf Ezernin seinen geäußerten Prinzipien eines nötigen Verständigungsfriedens ohne Eroberungen und Entschädigungen treu bleibt, dann werden. es sich die bis nun säbelklirrenden Ententestaaten nach der großen italienischen Mederlage reiflich überlegen, ihr eigenes ferneres Schicksal aufs Spiel zu setzen und dem russischen Friedensantrage noch weiteren Widerstand entgegenzusetzen. Das Ausspringen des großen Rußland und etwa auch Italiens und Rumäniens aus ihrer Waffengemeinschaft können sie auf keinen Fall herausfordern und ruhig abwarten. Gehen jetzt die Zentralstaaten auf die russischen Friedensvorschläge ein, was sie mit Ehren tun können, da sie doch nur einen VerteQigungskrieg glorreich führten, dann kann der heißersehnte Welffrieden bald da sein. Ihre Volksheere haben sich in dem überlangen Kriege unvergleichlich tapfer gehalten und die Bevölkerung im Hinterlande mit Ausnahme der Kriegsverdiener hat unsägliche Leiden in echt patriotischer Weise erlangen. Mit Ausnahmedes französischen undse rbischen Volles waren die Leiden der Völler in den Zentralstaaten in diesem Kriege am größten. Durch eine rasche Friedensverständigung mit Rußland können nun die Regierungen der Mittelmächte diesen verderblichen, die Zukunst aller Staaten bedrohenden Weltkrieg mit Ehren beenden und sich nicht nur den heißen Dank ihrer Völler, sondern der ganzen Menschheit erwerben. Nur wenn dieser Krieg gar keinem beteiligten Staate Nutzen bringt, ist er definetiv der letzte gewesen. Hoffen wir, daß dieser günstige Moment nicht ungenützt versäumt wird! Nur die größten Egoisten unter den Menschen, die die fürchterliche Blutzeit als günstige Konjunktur für ihre Börsen ansahen und rücksichtslos diese Bereicherung fortsetzen wollen, können einem baldigen Friedensschluffe opponieren. Ist der Welffriede auf demokratischer Basis geschloffen und wählt dann die polnische Nation den Kaiser von Oesterreich zum König" von Polen, dann kann kein Staat und auch kein österreichischer Bürger etwas dagegen haben, wenn die betreffenden Volksvertretungen alle etwa dadurch möglichen Schädigungen unmöglich gemacht haben: Die Juden Europas haben alle Ursache, eine solche baldige und glückliche Kriegsbeendigung herbeizusehnen. Von einem demokratischen Verständigungsfrieden haben die Juden nichts zu fürchten. Nur judenfeindliche Herrscher konnten sie schädigen, diese Wahrheit wird gegenwärtig in Rußland auffallend bestätigt. Wo das Voll selbst regiert, dort tront die Gerechtigkeit. Trotz Burgfrieden litten die jüdischen Staatsbürger Oesterreichs unter dem absoluten Regime des Grafen Stürgkh. In Rußland erlebten die Juden durch den Sturz des zarischen Alleinherrschers eine Erlösung. Unter dem Regime der aufgeklärten österreichischen Herrscher erfreuten sich die jüdischen Staatsbürger seit dem Jahre 1848 der vollen Gleichberechtigung und auch die polnischen Juden atmen seit der Abtrennung ihres Landes vom zarischen Rußland, wie von einem schweren Alp bestell, auf. Hoffen wir, daß der schreckliche Kriegsspuk nun bald seinem Ende zueill. Die unsäglich gequälte Menschhell würde den Frieden wie ein Paradies empfinden und sich mit allen Verlusten und schweren Schädigungen, die ihr der überlange Weltkrieg zufügte, versöhnen. B. L. I«r jüdischen Kongretzfrage in Oesterreich. Bon B. b. I. HI. Wie haben wir also bei Aufstellung der Allersgrenze für das Wahllecht vorzugehen? Ich sagte schon unlängst, , daß wir dabei vor allem von der jüdischen Individualität ausgehen müssen und diese unbedingt bei uns Juden zu Nr. 23. berücksichtigen ist. Um den jüdischen-Mann verstehen zu lernen, müssen wir bis auf seine früheste Jugend zurückgreifen. Das jüdische Kind zeigt da schon, zum großen Unterschiede der Kinder anderer Nationen, eine auffallende geistige Regsamkeit. Diese bewirkt nun gewöhnlich, daß die jüdischen Eltern das Kind in seinem eigenen „Jch"-Kreise aufwachsen lassen; es isteben nicht das erst Heranwachsende, auszubildende Kind, sondern „Jemand", eine eigene Person, eine Individualität. Es sei zugegeben, daß wir durchwegs bei der jüdischen . Jugend eine gewisse Frühreife wahrnehmen können; dies zeigt sich auch darin, daß ein großer Teil der sogenannten Wunderkinder jüdische Kinder sind. Ich will da bloß den in letzter Zell so viel genannten sechsjährigen Schachmeisters Rzeszewski ewähnen. Doch darf diese Frühreife nicht dazu dienen, den Kindern ihre Erziehung gewissermaßen selbst in die Hand zu geben. Leider haben diese unbedingt verfehlte Methode der Jndividualistik auch einige jüdische Jugendorganisationen, beeinflußt durch eben diese Jugend, aufgegriffen, und eS kann im Interesse der Gesamtheit des Judentums nicht genug dagegen angekämpft werden. Das jüdische Kind wächst also in dieser selbstherrlichen Sphäre auf und wir können dann im Atter von 12—18 Jahren Jungens und Mädchen sehen, die in phrastnreichen Reden über alles und jedes im menschlichen Leben urteilen zu können" glauben. Die so herangewachsenen Juden, und es ist der allergrößte Teil, ist dann als reifer Mann oder Frau von vornherein eine Persönlichkeit. Dies wird zur Folge haben, daß, wollten wir jetzt einen jüdischen Kongreß äbhalten, wir statt der jüdischen Masse eine Masse oon Iuden vor uns ^haben werden! Dies wird leider eine unabänderliche traurige Tatsache sein, die wir zu gewärtigen haben, andernteils hat sie bloß das einzige Mute an sich, daß wir mit einer auffallenden politischen Regsamkeit rechnen können. Diese wäre allerdings bei der dem Juden angeborenen Denkkrast auch ohne Auf^, zucht von Uebermenschen zu erreichen gewesen. Wir benötigen heute keine „Personen", Uebermenschen, sondern sollen lieber vollwertige Durchschnittsmenschen heranzubilden trachten, die fähig sind, sichere Stützen der organisierten Masse sein zu können. Wenn wir also diese ganze Entwicklung der Juden ins Auge fassen, so müssen wir das Alter derart setzen, daß es die goldene Mitte hält zwischen frühreifer jüdischer Jugend und der Reife bei anderen Völkern. Für das aktive Wahlrecht halte ich das vollendete 22. Lebensjahr am geeignetsten. In dieser Zeit ist der Jude über seine eigentliche Jugend hinaus, er steht gewöhnlich mitten im akademischen Leben und weiß auch schon den Ernst des Lebens anders zu schätzen, als er es mit 20 Jahren getan. Mit 22 Jahren kann der Jude wohlüberlegte, wohldurchdachte, vernünftige Entschlüsse fassen, er ist fähig, aktiv in das jüdisch-politische Leben durch Abgabe seiner Stimme eingreifen zu können. Für das passive Wahlrecht halte ich das vollendete 28. Lebensjahr als richtig gewählt. Da steht der Jude nicht nur im Leben draußen, sondern hat sich schon im Kampfe ums' Dasein eine feste Position geschaffen. Außerdem ist diese Zeit die Vollkraft des Mannes, und diese müssen wir nützen. Die alten Kräfte des Judentums sind verbraucht, sie stehen einem selbstbewußten kraftvollen Auftreten des Judentums wenn nicht direkt, so doch geisti g völlig ferne. Sie werden nicht dagegen sein, doch ihre Kräfte sind kaum zu verwerten. Der jüdische Kongreß soll zwar das gesamte österreichische Judentum umfassen, wird sich auch auf alte Kräfte stützen müssen und doch den Charakter der Jugend in sich haben. Junge^ Kräfte können es nur sein, die nicht erst mll den allen Ansichten der Unterwürfigkeit und des Kriechertums brechen müßten, sondern die stei von solchen Banden in die Well Hinausrufen können: Wir österreichische Juden stehen zusammen als ein Volk, nicht nur weil uns die österreichische Flüchtlingsstatistikin die Reihe der Völker vor den Zigeunern

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