Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 21 (19.10.1917)
- Date
- 1917-10-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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(Seit* 6. Die Wahrheit Nr. 21, soviele Freiheit und Herrlichkeiten genießen", beschloß er, neue Ansredlungen zü verbieten und nur die alten JudenfamMen zu dulden. In der Wiener Konferenz des Hofkriegsrates vom Jahre 1780 lag unter anderem die Frage zur Beratung vor: „Wie können die Juden in der Bukowina, die sich durch Einwanderung um das Doppelte vermehrt hatten, vermindert werden?" Es ist hochinteressant, daß eine von General Enzenberg behufs Begutachtung der Exilierungen berufene Offizierskommsssion sich in Gegensatz zur engherzigen Auffassung der Zentralregierung stellte. Sie forderte, daß den Juden alle Berufszweige erschlossen werden, und wies nach, daß die Abschaffung von Juden den modernen Staatsgrundsätzen widerspreche. Sie äußerte sich folgendermaßen: „Das Bukowinaer Volk — mit Inbegriff der Juden — hat 1777 dem Monarchen gehuldigt und die Zusicherung des Wnftigen allerhöchsten Schutzes erhalten, somit vertragsmäßige Rechte erworben, gegen Beobachtung der Untertanen- Psücht auf immer Mitbürger des Distriktes zu verbleiben. Der Regent scheint daher nach den Grundsätzen des Völkerrechtes verpflichtet, ihnen Sicherheit zu verschaffen. Zwischen Juden und den anderen Glaubensgenossen darf kein Unterschied gemacht werden!" Sie wünschte die Reformen für die Juden, da sonst „ihre Erziehung zu nützlichen Gliedern des Staates" — Worte des Kaisers — unmöglich und als geschichtliche Ironie" erscheinen würde". Dieses Gutachten trug der Offizierskommission eine Rüge ein. Schließlich aber trugen die modernen Anschauungen den Sieg davon. Nach der österreichischen Okkupation siedelten sich die Juden immer mehr auf dem flachen Lande an, wo sich eine eigene Berufsschicht herausbildete: die Ackerjuden. Das waren jüdische Bauern, die ihr Feld selbst bestellten und mit den anderen ackerbautreibenden Dorfinsaffen die ^eigentlichen Träger der Landwirtschaft wurden. Da im Jahre 1783 jene Juden, die eingewandert waren und keiner vorgeschriebenen Beschäftigung oblagen, das Land verlassen mußten, verblieben zumesst außer den Alteingesessenen nur solche, die für den Ackerbau oder ein Handwerk sich entschieden hatten. Von altersher gab es in der Bukowina ackerbautreibende Juden. Mehr als die Halste der zurückgebliebenen Juden wurde überdies für die Landwirtschaft klassifiziert. Sie wurden teils auf Kameral- und Religionsfondsgütern, teils auf Privatgütern angesiedelt. Eine Reihe von Begünstigungen wurde den jüdischen Ackerbauern gewährt, um sie bei der Beschäftigung mit der Feldwirtschaft zu erhalten. Sie wurden von der Schutzsteuer gänzlich befreit und hatten für die Gemeindebedürfniffe geringere Beiträge zu leisten. Auch wurde fremden jüdischen Ackerbauern ausnahmsweise sogar die Einwanderung gewährt. In den Dörfern war überhaupt nur Handwerks- und Ackerjuden der Aufenthalt ^gestattet. Ausgenommen wurden bloß Wiznitz und Sadagora — beide jetzt Sitze von Rabbinateu —, die zu Marktflecken erhoben worden waren und offenbar einer handeltreibenden jüdischen Bevölkerung nicht entraten konnten. Im Laufe der Zeit stieg die Zahl der jüdsschen Ackersleute. Noch heute gibt es in der Bukowina jüdische Bauern. In Terescheny — einstmals eine tatarische Kolonie — lebte eine ganze Gemeinde von Aökrjuden. In jener Gegend finden sich auch viele jüdische „Lohnackerer" — Wirte, die sich mit ihrem Pfluge verdingen. Um Nepolokoutz sind auch viele jüdische landwirtschaftliche Mordarbeiter anzutreffen. Außerdem sind in der ganzen Bukowina zerstreut noch kleinere selbständige jüdische Wirte, die ein bis zwei Joch ihr eigen nennen und es selbst bebauen, vorhanden. Das Groß der Ackerjuden ist jedoch seit 1848 verschwunden. Der Grund hiefür ist in den eigenartigen Landesverhaltniffen zu suchen. Kaßner schildert die große wirsschastliche Bedeutung des Landes für ganz Oesterreich, indem er auf den Waldreichtum und den unausgenützten Bergbau desselben vermesst. Die Aufschlüsse, die er bietet, sind nicht nur für die Juden der Bukowina wertvoll, sondern sie sind auch eine für jeden österreichischen Politiker beachtenswerte Darlegung von Vechältmffen, die die nationale Frage wie das Problem der nationalen Autonomie mit interessanten Streiflichtern erhellen. Wie ein Oaveant Consules klingt sein Appell: „Die Juden sind wohl an dem wirtschaftlichen Wiederaufbau des Landes in hervorragendem Maße interessiert. Seine. Förderung ist aber auch vom österreichischen Standpunkt notwendig. Deutschland trifft schon heute seine Vorbereitungen, um nach dem Kriege alle volkswirtschaftlichen Kräfte dem Reiche dienstbar zu machen. Der Balkan wird für die Handelsbeziehungen sehr in Betracht kommen. Die Bukowina wird als Grenzland von Rußland, Rumänien Und Siebenbürgen die Schraube bilden, die Ost und West verbindet und für die gesamtwirtschaftlichen Interessen der Monarchie von hohem Werte sein. Die große wirtschaftliche Bedeutung der Bukowinaer Juden ist deshalb ganz zu erfassen und entsprechend zu würdigen. . . . Auch den Juden der Bukowina wird es dann besser ergehen, denen der Kaiser als Thronfolger in der Ansprache an den Repräsentaten der Czernowitzer Kultusgemeinde, den Landtagsabgeordneten Dr. Wender, das ihn und sie hochehrende Zeugnis ausstellte: „Ihre Glaubensgenossen haben wegen ihres Patriotismus unter der russischen Herrschaft sehr gelitten, Die jüdische Bevölkerung ist sehr patriotisch. Wir werden ihr das nie vergessen!" - B. Münz. Ars der Mieuer Kultusglemeiude.* Bon Rahel Edelstein-Friedmann, Zürich. *) „Israelitisches Wochenblatt" für die Schweiz Nr. 27. „Wien hat Glück mit seinen Funktionären" pflegte Lektor M. Friedmann vom Wiener Bet-ha-midrasch zu sagen; und er meinte damit, daß, wie er selbst und diese seine Lehranstalt zu einer Wechselwirkung von Beeinflussung gelangt waren, auch alle anderen Wiener Bildungs- und'- Humanitätsanstalten) welche von der Judenschaft in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ins Leben gerufen worden waren, Persönlichkeiten zu Leitern und Direktoren erhielten, welche diesen Anstalten eine weit über die Erfüllung ihrer Aufgaben hinausreichende Bedeutung, ja geradezu Weltruf verliehen. Und in der Tat, man könnte sich, von den Kanzelrednern Dr. Adolf Jellinek und Dr. Moritz Güdemann, von den Oberkantoren Sulz er und Gold st ein abgesehen — welche den Ruhm. des Wiener Gottesdienstes in aller Welt verbreiteten, keinen tüchtigern Direktor des Tanbstummen-Jnstitutes denken als Joel Deutsch, keinen geeigneteren Leiter des unter dem Protektorate der jeweiligen Kaiserin stehenden Kindergartens als Albert S. Fischer, den Gründer der ersten Bildungskurse für Kindergärtnerinnen in Oesterreich, keinen als Fachmann und Erzieher gleich hervorragenden Direktor für die Blindem anstatt auf der Hohen Warte als Direktor kaiserl. Rat Simon Heller, dessen Lebenstage noch gemehrt werden mögen. Ist es nun bei all diesen Wackern das spezielle Fachwissen und die besondere Eignung, wodurch sie ihr Amt zu einem Segen für das Judentum gestatten durften, so fragen wir: Mit welchen Fähigkeiten und Eigenschaften muß der Mann ausgestattet sein, der Jahrzehnte hindurch an der Spitze der Wiener Kuttusgemeinde zu schaffen und zu wirken berufen ist, einer Kuttusgemeinde, die eigentlich nichts anderes ist, als eine große Bildungsanstalt, und dann noch etwa: eine noch größere Humanitätsanstalt? Als erste Station für alle, die das Judenelend des Ostens Jahrzehnte hindurch nach dem Westen trieb, war es die Aufgabe der Wiener Kultusgemeinde, die Flüchtigen zu pflegen und für die Weiterreise zu versorgen, ungeachtet der Scharen Hilfesuchender aus dem eigenen Nordosten der Monarchie, die jahraus und jahrein an die Tore der alten Amtshäuser in der Settenstettengaffe anpochen. Daß eine Kultusgemeinde aber auch ungewollt in erster Linie Bildungsanstalt ist, braucht den Lesern eines jüdischen Blattes nicht auseinandergesetzt zu werden. Sie ist es in Oesterreich um so mehr, als nach der