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Die Wahrheit · 1917-10-19 · Heft 21 (19.10.1917) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1917
Issue
Heft 21 (19.10.1917)
Date
1917-10-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nun hat er die Anerkennung und den Dank des Monarchen, des Staates, voll und ganz verdient, erhalten. Es ist der Tugend Lohn, den er sicherlich nicht gesucht. Er - Hütte auch keine Zeit dazu; denn er ging in seiner „Arbeit^ auf, just wie es Nietsche voin Guten fordert. Die Auszeichnung dieses in Humanität schwelgenden Menschen hat alle seine Schützlinge in große Freude versetzt. Der edle Monarch sprach ihnen aus dem Herzen. Es freut tzns sehr, daß ein Sohn unseres Volkes jene hohe sittliche Kraft besitzt, welche die Griechen Kälokagatia (Schöngut, Güte des Herzens und Gewissens) nannten; es fteut uns, daß er nicht durch Zufall der Geburt, sondern ein bewußter Jude ist, der mit Heine sagtdaß er stolz darauf ist, „daß er ein Abkömmling jener Märtyrer ist, die der Welt einen Gott und eine Moral gegeben und auf allen Schlachtfeldern des Gedankens gekämpft und gelitten haben". Der Ewige segne ihn und sein Haus. Möge er wie bis nun der Menschheit und seinem Volke nur Ehre machen und nie ermüden, für die Armen, Unterdrückten und Verfolgten zu sorgen und einzustehen. Er gehört einem Volke cm, das leider des Schutzes und der Hilfe bedarf, weil es unschuldig gehaßt, angefeindet und verleumdet wird, bei dem man stets nur die Fehler heraussucht und diese an die große Glocke hängt, dem man keinen Platz unter der Sonne gönnt und der schlimmsten Taten boshaft beschuldigt. Dieses Volk braucht jetzt seine Kraft und seinen Einfluß mehr als jemals. Stehe er ihm ritterlich bei! Möge ihm folgende talmüdische Erzählung stets vorschweben: Als der berühmte Rabbi Jochanan den Sakkai von der Zerstörung des Gottestempels in Jerusalem erfuhr, zerriß er seine Kleider. Seine Jünger taten dasselbe, doch sie jammerten und riefen: „Wehe, daß die Stätte zerstört wurde, wo die Sünden Israels Sühne finden konnten." Da sprach der Rabbi feierlich: „Es gibt ein anderes Mittel, vermöge dessen die Sünden gesühnt werden, weit größer und heiliger als selbst der Tempel, das Allerheiligfte und die Opfer — die W o h l t ä t i gkeit!" — Errichtet jüdische Volks schulen! Man malt durchaus nicht grau in grau; man macht sich keiner Uebertreibung schuldig, wenn man behauptet, daß unsere religiösen Zustände geradezu trostlos sind und daher jeden treuen Sohn unseres Volkes mit tiefer Wehmut erfüllen müssen. Immer mehr schwindet in Israel der Sinn für das Religiöse; von Jahr zu Jahr wird die Zahl derjenigen größerwelche das altehrwürdige Banner des Judentums feige verlassen. Wieso kommt es, daß Israel, welches durch Jahrtausende allen Stürmen getrotzt, nun verfällt? Was ist die Ursache seines Niederganges in unseren-Tagen? Dreier Säulen bedarf — wie schon unsere alten Weisen bemerkten — das Judeutunr zu seiner Erhaltung: der Thora, des' Gottesdienstes, des Wohltuns. Nun kann sich allerdings unsere Zeit herrlicher Tempel mit einem erhebenden, weihevollen Gottesdienste rühmen; auch das jüdische Herz, stets bereit, Wohltun zu üben, verdient nach wie vor ein goldenes genannt zu werden, aber die dritte Säule, die Thora, fehlt, weil ein übel beratenes Geschlecht sie beseitigt hat. Das Fehlen dieses Pfeilers, dem eine unermeßliche Tragkraft innewohnt, ist es, warum unser Religionsgebäude so bedenkliche Sprünge und Risse aufweist, der Verfall desselben rapid fortschreitet. Wie kann die drohende Katastrophe in zwölfter Stunde abgewendet werden? Hat ein wahnbetörtes Geschlecht jene durch Jahrtausende bewährte Stütze des Judentums niedergelegt, so nlüssen wir, da wir die Folgen jener unseligen Tat immer mehr wahrnehmen, nun für die erneute Errichtung dieser Säule Sorge tragen, vor allem die religiöse Erziehung unserer Jugend uns angelegen sein lasten. Lernew wir endlich von den Völkern, unter denen wir wohnen! Auf breiter Grundlage erfolgt in der allgemeinen Volksschule, beziehungsweise in der evangelischen Schute die religiöse Erziehung der nichtjüdischen Jugend. Ahmen wir das Beispiel unserer nichts jüdischen Mitbürger nach! Tragen wir Sorge dafür, daß unseren Kinder bereits in den ersten Schuljahren eine gründliche religiöse Erziehung zuteil «erde: gründen wir für oi'e jüdische Jugend jüdische Volksschulen! Wolf Fried. ' Dir Juden in der S»korvir»a. Die glorreichen Siege an der Ostftont lenken in erhöhtem Maße die Auftnerksamkeit auf die Bukowina, die bekanntlich wegen ihres Völkerkonglomerats Kleinösterreich genannt wird. Wie verkannte Einzelindividuen, so gibt es auch verkannte Volksstämme und Provinzen. Es mußte erst der Weltkrieg kommen, um mit seinen schicksalsreichen und schicksalsschweren Kämpfen, die auf ihrem Boden sich abspielten, uns die Bukowina nahezubringen. Ein junger Sohn des blutgetränkten BuchenlandeS hat nun be« Versuch unternommen, in einer geschichtlichen Skizze diese Vergangenheit zusammenzusaffen. Es sind Grundlagen zu einem breiteren geschichtlichen Bilde, die Doktor S. Kaßner in einem jüngst erschienenen sehr lesenswerten Büchlein: Die Juden in der Bukowina" (Wien, Löwit, 1917) beisteuert, — ein einziges Kapitel erst, in dessen Mittelpunkt er die Bukowinaer Juden hinstellt, die vollends von der Geschichtsforschung vernachlässigt wurden. Es ist bezeichnend, daß Professor R. F. Kain dl, dessen Lebensarbeit die Landeskunde der Bukowina bildet, sich damit begnügte, 1901 eine sehr kurze ethnographische Studie über die Juden in der Bukowina zu veröffentlichen und ihre Unzulänglichkeit damit entschuldigte, daß es Sache eines Juden wäre, sich dieses Gegenstandes anzunehmen. Jedes Volk in der Kulturoase an der Grenze Rußlands und Rumäniens hat seine besondere Geschichte; so erzählt Kaßner, daß die Juden der Bukowina teils vou den Chazaren, jenem finnischen Volksstamme, der ini 7. Jahrhundert das Judentum angenommen hat, abstannnen, teils Abkömmlinge jener römischen Einwanderer sind, die nach der Zerstörung ihrer Heimat durch Titus in Dazien, dem die Bukowina angehörte, unter König Dezebal Aufnahme gefunden haben. Eine Reihe allgemeiner geschichtlicher Episoden des Landes steigert noch das Interesse für das Büchlein, so beispielsweise die Erwähnung der Zusammenkunft zwischen Kaiser Franz I. und Zar Alexander I. in Czernowitz im Jahre 1823. Es handelte sich um eine Beratung wegen der griechischen Erhebung gegen die Pforte. Die Hauptstadt der Bukowina wurde so zur Geburtsstätte des hellenischen Königreiches. Erst seit der österreichischen Okkupation unter Kaiserin Maria Theresia wurde die Bukowina der westlichen Kultur erschlossen und wies inmitten einer bunten Bevölkerung einen vorwiegend deutschen Charakter aus. Aber auch unter der österreichischen Militärverwaltung blieben die Juden von Ausweisungen bedroht. General Karl Freiherr von Enzenberg erkannte wohl die außerordentliche politische und wirtschaftliche Bedeutung der Juden für das Land und schloß mit ihnen eine Reihe von Wirtschaftsverträgen ab. Die Zahl der armen Juden war gering. Geldgeschäften widmeten die Juden sich nicht. Ihre hauptsächlichste Beschäftigung war der Vieh- und Produftenhandel, sowie der Warenhandel mit den angrenzenden russischen Provinzen, mit der Moldau und Siebenbürgen. Ihre höhere Bildungsstufe wurde anerkannt. Sie spielten auch in dem primitiven Verwaltungsorganismus jener Zeit eine gewisse Rolle. Sie bestimmten oder wählten unter Enzenberg noch den Dorsrichter. Die starke Vermehrung der Juden und die Zerklüftung zwischen den autochthonen und den eingewanderten Inden bewirken indes, daß er seine freundliche Gesinnung^bald änderte. Da ' die jüdischen Dorfrichter als Obrigkeit „auch Christen zu ihren Untertanen haben" und die Juden „in keinem Lande

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