Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 21 (19.10.1917)
- Date
- 1917-10-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 21. Herzen und so ist es verständlich, daß solche habsüchtige Leute schließlich sMrpel- Und erbarmungslds das Massen Unglück für sich auszunützen suchen. Es ist offenbar, daß nur die amerikanischen Milliardär und Millionäre ihre Vaterländer itt den Weltkrieg gedrängt haben und die armen Volksschichten weder in Frankreich, noch in England oder Italien die Kriegsverlängerung wünschen. Wer auch in Deutschland und Oesterreich-Ungarn gibt es leider solche Volkskreise, die sich während der blutigen Kriegszeit der vielen Bereicherungsmöglichkeiten wegen wohl fühlen und gewissenlos genug sind, einen baldigen Friedensschluß hintertreiben oder mindestens erschweren zu wollen. So gab es am 6. l. M. im deutschen Reichstage eine scharfe Anfrage ün den Reichskanzler wegen Duldung, ja Unterstützung der Annexionsbestrebungen der Alldeutschen gegen die Beschlüffe der Parlamentsmehrheit. Die Rede des Kriegsministers y. Stein für diese Bestrebungen der Vaterlandspartei, noch mehr aber die herausfordernden Anklagen des Reichskanzlers Dr. Michaelis und des Staatssekretärs des Reichsmarineamtes v. Capelle gegen die unabhängigen Sozialdemokraten schweißte alle sozialdemokratffchen Abgeordneten wieder enger zusammen und regte auch den Widerstand des Zentrums, der Nationalliberalen und der fortschrittlichen Volkspartei gegen den ' Reichskanzler an, deren Redner, Dr. Sttesemann und Dr. Namnann, sich ganz energisch gegen solche Allgemeinbeschuldigungen politischer Parteien wendeten. Selbst der konservattve Wgeordnete Kreith meinte, wenn unabhängige Sozialdemokraten im Reichsrate Hochverrat begangen haben, dann Muß ihre Immunität aufgehoben und die Strafverfolgung gegen dieselben eingeleitet werden. Die unabhängigen Sozialdemokraten waren beschuldigt worden, sie verfolgen denBestand des deutschen Reiches gefährdende Zieles!) Dafür konnten aber keine anderen Beweise erbracht werden, als daß 3 Abgeordnete mit einem Marinesoldaten gesprochen hÄben, welcher später wegen Gehorsamsverweigerung mit dem Tode bestraft wurde. (An Vergleich des deutschen Reichskanzlers mit dem Grafen Czemin fällt wohl sehr zu Gunsten des Letzteren aus. Wer auch in Oesterreich gibt es leider Freunde der Kriegsoerlängerung nach Art der Alldeutschen. Man braucht da nur an den famosen deutschnattonalen Auhmf „An die Deutschen Oesterreichs" zu denken, der nur einen „vorteilhaften Frieden" anstrebt, oder an die jüngste Friedensversammlung der Christlichsozialen, in welcher Fürst Liechtenstein dm Grafen CzemiN zu friedensfreundlich fand. Kenner der politischen Verhältnisse finden dies nicht erstaunlich, dmn die Agrarier, Kapitalisten und Großproduzenten bilden in den zuletzt gmanuten bürgerlichen Parteien die Mehrheit. Wohl müssen alle tteuen und anständigen Staatsbürger, wenn auch mit blutendem Herzen, solange im Kriege ausharren, als dies unsere unmenschlichen Kriegsgegner wünschen, denn Leben und Habe verteidigt man in der Regel bis.zmn letzten Atemzuge. Doch geht es Nicht an, daß die Armen und Schwerbeladenen zu Gunsten der morallosen Kndgsverdiener nach den klaren, bescheidenen Kriegszielen des Reiches und nach so lange andauernden Leiden und Entbehrungen noch ferner Leben und Gesundheit für einen „ausgiebigen" Frieden opfern sollm. Die Staatsmänner Deutschlands und Oesterreich-Ungarns erklärten wiederholt, daß wir nur einen Verteidigungskrieg führen, wir haben uns der russischen Friedensformel „Keine Annexionen und Kontributionett" und den päpstlichen Friedensvorschlägen aNbequeMt, aber diese Bedingungen müssen eben Kr alle Kriegsteilnehmer gleichmäßig gelten. Der letzte furchtbare Weltkrieg darf eben keinem daran Beteiligten Nutzen bringen, sonst ist er nicht der letzte Krieg gewesen, sonst könnten sich solch schreckliche Kriegsunternehmungen wiederholen. Nur wenn dieser Kckeg allseitig Schaden bringt, ist eine aufrichtige Bölkerversöhnüng wieder möglich, die die Meisschhert Mm unbedigt bvawht. Und NUr dann, wmn matt sich MMll dttztt Htttschließen wird, von dett MiHbegüterten a us g i e bige Verm ö ge n s abg a b e tt zu heischen, kötinen die Staaten künftig vor ührgroßen dauernden Lasten bewahrt wekden und im Vereine niit einer ausgiebigen Weltabrüstung im Sinne des Grafen Czernin ist auch dann eine neue Anbahnung künftigen Menschenglückes auf der Erde möglich. Der Fluch des unbedingten und hemmungslosen Kultus des goldenen Kalbes muß von der Menschheit genommen werden, derselbe gleicht dem alten Molochdienste. Krieg und Kampf allen Kriegsverlängerern! R. L. Der neue Ritter. Von N. Lothringer. Auf einer Ausstellung in London befand sich ein von Meisterhand geschaffenes Bild, welches folgende Situatton darstellte: Am Rande einer Straße bietet ein bleichsüchtiges, halberwachsenes Mädchen, ein Kind aus der Tiefe des Elends, den Verübergehenden Blumen mit flehendem Blick zum Kaufe an. Das tut es auch, als ein reicher Bürger vorüber^ geht. Dieser faßt es als eine Bettelei auf, gerät über die Störung in Wut, wirft dem zitternden Mädchen einen verächtlichen Blick' zu und winkt einen Polizeimann herbei, damit er die Passanten von der „Bettlerplage" befreie. Soweit das Bild. Nun beginnt die Geschichte. Eine Dame von bestem Stande besucht die Ausstellung. Sie versenkt /ihren Blick in die Gestalten und. ihre Seele in den Sinn des oben beschriebenen Bildes. Sie schaut bald auf das arme, von Hunger und Krankheit zermürbte Mädchen', das wohl zuhause eine kranke Mutter hat, die auf den „Erlös" wartet, bald auf den übersatten Krösus, der, anstatt ihr eine Blume abzukaufen, herzlos nach der Polizei ruft; sie sieht den Hüter des Gesetzes herbeieilen, um den Befehl des Grausamen zu vollziehen und die Blumen aus der zitternden Hand der Aermsten zu Boden fallen und— fängt heftig zu weinen an. Die Tränen rollen wie Perlen über die rosigen Wangen der reichen Dame und sie lispelt wehmütig: „Ach, wie kann man denn so herzlos sein? So herzlos!!!" Plötzlich hört sie in ihrer Nähe ein leises Geräusch, es ist ihr, als berührt jemand ihre Seidenrobe, sie wendet sich rasch um und siehe, ein kleines blasses Mädchen, just so aussehend wie das Kind im Bilde (als hätte das gemalte Mädchen Leib und Leben bekommen) bietet ihr irgend ein Ding zum Kaufe an, indem es schüchtern lispelt: „Bitte schön, gnädige Frau, bitte schön!" Da wischt die Edle schnell ihre Träne ab und schreit: „Polizei, schaffe sie doch die Rangen weg, sie verleiden mir den Aufenthalt hier." Herzlos sind die Reichen, meint der Maler, gut in der Idee, aber schlecht in der Wirklichkeit meint der Verfasser der Anekdote. Beide kamen mir in den Sinn, als ich den Dt. Schwärz-Hiller an der „Arbeit" sah. Er hat die Behauptung des Verfassers, daß die Gesellschaft Herz und Gemüt verdirbt, ad at>surdum geführt. Er ist nicht nur gut itt der Idee, sondern auch inder Tat, in der lebendigen, wirklichen Tat. Unzählige Arme haben ihn aus seiner Ruhe aufgestört, wie ein Meer umtost, an den Rockschößen gezupft, Nut tausenden Wünschen bestürmt und er ist seit August 1914 bis heute nicht aus der Rolle gefallen. Drei volle Jahre sah er in bleiche, von Gram und Armut zerfurchte, angsterfüllte Gesichter, er weinte nicht, aber er half, half nach allen Seiten, in allen Gassen, auf allen Bahnhöfen, in allen Flüchtlingswohnungen. Er rückte dem Elend hart zu Leibe, er konnte es nicht ertragen, er haßte es und beschloß, es rnit Stumpf und Miel auszurotten. Kein Flüchtling darf materiell leiden, sagte er fich und stampfte Geld aus — edlen Herzen. Was dieser Mann für die Aermstm der Armen in Wien und außerhalb Wiens begolu tat, wissen Viele, was er bsssssr tat, wissen nur Wenige, denn es sind vistorot „sch’en megalin «la, lessniun“. —-