Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 21 (19.10.1917)
- Date
- 1917-10-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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re ayfystt Redaktion und Hbminiliraiiön: Wien, II., Novaragasse 27 Selcpfcoit: Nedattlon «utouiat *1.88». Hsaöhängige * Zeitschrift für Mische Bezugspreis: tLanzjührig.K 16.— Halbjährig.K 7.B0C Administration Mut. *7.65* Ä. f. üsterr. Postsparkafia» Echeck-Konro Nr. 100.918. >nteresserr. Für KultuSbeaiute: Ganzjährig.JC 10.— Inserate. , — Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. KrscheiI» 1 jeden ArerLtlA. Für Ausland: Abonnement»- nnd Insertion»- Ganzjährig.6 Mark betrüge find in Wir» zahlbar und klagbar. Motto: „Da« Siegel Gotte» ist Wahrheit!“ 6 Studel oder 10 Fee». Ur. 81. Mir«. 19. Oktober 1917. Inhalt: Wo sind die Kriegsverlängerer? — Der neue Ritter. — Errichtet jüdische Volksschulen. — Die Juden in der Bukowina. — Ander Wiener Kultusgemeinde. — Spenden für den Leopoldstädter Tempel. — Verschiedene Nachrichten. — Aufruf. Mo sind die Kriegsverliingerer? Weitaus die Majorität der Menschheit ist durch den nun schon mehr als 38 Monate andauernden, verderblichen Weltkrieg in allen kriegführenden Staaten in namenlose Not und unbeschreibliches Elend gestürzt worden. Auch die noch neutralen Staaten sind nicht ohne empfindlichen Schaden davongekommen. Die Krieger, welche in diesem noch nie dagewesenen Riesenkampfe das Leben verloren haben, erreichen bereits die zehnte Million und die aus den: Kriege kommenden Krüppel und durch dauernde Krankheit zum ferneren, der Allgemeinheit nützenden Lebenskämpfe Untauglichen erreichen davon das Vielfache. Der Sachschaden hat eine furchtbare, gar nicht abschätzbare Höhe erreicht, alle kriegführenden Staaten, besonders in Europa, stehen hart vor ihrer völligen Erschöpfung und doch dauert der Massenmord auf allen Schlachtfeldern noch fort und doch werden Verhandlungen zwecks eines Verständigungsfriedens noch nicht geführt. Es ist einfach unfaßbar! Am Begiml des laufenden Monates legte der österreichische Minister des Aeußern Graf Czernin österreichische Friedensziele dar, welche die Entente nach ihren-^früher publizierten Kriegszielen, besonders nach Aeußerungen des nordamerikanischen Präsidenten Wilson, sofort als Grundlagen zu Friedensverhandlungen annehmen müßte. — Graf Czernin sagte von Oesterreich-Ungarn: „Wir wollen keine Vergewaltigungen begehen, aber solche auch nicht erdulden!" „Die Zentralmächte und speziell Oesterreich-Ungarn wollen in Zukunft auf militärische Rüstungen verzichten." „Wir wollen gleichzeitig mit unseren Gegnern die Waffen ablegen mld unsere etwaigen Streitigkeiten schiedgerichtlich und friedlich regeln." „Eine neue internationale Rechtsbasis muß Sicherheit dafür bieten, daß es keinen Revanchekrieg mehr geben kann." „Der Weg zu diesem Ziele führt über internationale Weltabrüstung und Anerkennung 'des schiedsrichterlichen Verfahrens." „Als Mittel der Politik muß der Krieg bekämpft und die Wehrmacht muß überall auf das unumgänglichst Notwendige beschränkt werden." „Das schrecklichste Unglück, das uns widerfahren könnte, wäre, wenn das Well rüsten nach Friedensschluß seinen Fortgang nehmen würde." „Jeder Staat wird etwas von seiner Selb- - ständigkeit aufgeben müssen, mm den Weltfrieden zu sichern." „Auch die Freiheit des hohen Meeres und die Abrüstung zur See muß erreicht werden." „Wenn die internationale Abrüstung zur Tatsache wird, dann brauchen wir keine territorialen Sicherungen, dann können wir auf Vergrößerungen der österreich-ungarischen Monarchie verzichten." „Aber auch die freie wirtschaftliche Betätigung aller Staaten der Welt und die unbedingte Vermeidung zukünftiger Wirtschaftskriege muß erreicht werden." Angesichts der bisherigen großsprecherischen Ablehnung aller Friedensangebote der Zentralstaaten durch die Entente glaubte jedoch Graf Czernin hinzuzufügen zu müssen, daß wir uns, im Falle die Feinde auch diese Friedensbedingungen nicht hören wollen, die Revision unseres P r o g r a m m e s und die Freiheit unserer Bedingungen Vorbehalten. Nachdem der Häuptling der Entente, das weltbeherrschende England, und der amerikanische Präsident Wilson immer versichert hatte, den Militarismus Zentraleuropas niederringen wollen und nachdem auch die neue russische Republik erklärt hatte, einen allgemeinen Weltfrieden auf demokratischer Grundlage anzuftreben, müßte man glauben, der ewige und vollkommene Weltfrieden im Sinne des unsterblichen Propheten Jesaias sei vor der Tür. Aber die Pläne der unbedingten Wettbeherrschung, Vergewaltigung und Ausnützung aller Völker der Erde durch die grandiose Raubgemeinschaft der Entente wären durch einen gerechten Verständigungsfrieden nicht erfüllt und so muß die barbarischeste Menschenschlächterei bis zur Bewußtlosigkett fortgesetzt werden. Der Merverband, der in Wahrheit beretts ein Fünfzehnerverband geworden ist, welcher angab, für das Recht ‘ und die Freiheit aller Nationen in den Kampf zu Lehen, hat nicht nur in den eigenen Staaten den ÄMitarismus zur größtmöglichen Entwicklung gebracht, nicht nur den größten Teil der Welt in den verderblichen Weltkrieg verstrickt, sondern auch die neuttalen Staaten in seinen wichtigsten Lebensbedürfnissen bedroht, wenn sie sich seines Kommandos nicht fügen wollten. Diese rücksichtslose Ausnützung der rohen Gewalt wäre aber sicherlich so lange Zeit nicht möglich gewesen, wenn der Egoismus innerhalb der Menschheit nicht überall zu einer teuflischen Macht emporgewachsen wäre. Der Kultus des goldenen Kalboc, der Mammonsdrenst, warme so allgemein wie in der Gegenwart. Großgrundbesitzer, Fabrikanten, Großindustrielle und Großhändler sind nie so rasch in die Höhe gekommen wie während der Jahre der Kriegsnot. Diese Besitzenden haben Gelegenhett, ihre Habe zu verzehnfachen, sie können die Bitternisse der Kriegsnot unschwer von sich und den Ihren abhallen, weil bei ihnen Geld keine Rolle spiett. Reichtum verhärtet aber häufig die