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Die Wahrheit · 1917-09-21 · Heft 19 (21.9.1917) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1917
Issue
Heft 19 (21.9.1917)
Date
1917-09-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 19. Jedenfalls müßte die Zahl 500 eine Höchstzahl sein, die womöglich nicht erregt werden soll, da es doch allgemein bekannt sein dürfte, daß eme zu große Anzahl von Vertretern nur Hindernd, verlangsamend auf die Verhandlungen wirken würde. Wie schon gleich zu Beginn kurz angedeutet wurde, muß auch die kleinste Minorität ihre Vertreter erhalten, ob dies nun durch den natürlichen Wahlgang gelingen wird- oder ob erst gegenseitige Kompromisse zur Erreichung dieses Zieles führen werden, Aas ist ebenfalls eine Sache, die sich erst während der praktischen Vorbereitungsarbeit wird erkennen lassen! 9hm kommt ein Hauptpunkt, der sich nicht mit großen Umnffen skizzieren, oder mit wenigen Worten übergehen laßt, das ist nämlich die Frage, wem das aktive und wem das passive Wahlrecht zusteht, ich meine nämlich wie hoch, oder besser gesagt, wie tief wir die Altersgrenze setzen sollen. Diesen Punkt möchte ich nächstens etwas eingehender behandeln, da wir speziell bei uns Juden nicht allgemein gellende Wahlregeln berücksichtigen können, sondern uns bei der Ausstellung der Altersgrenze mehr mit der jüdischen Mannesindioidualität, mit der den Juden eigenen Frühreife befassen müssen! Kit»! tora. Ein Wort an die Rabbiner, von N. Lothringer. Der Altruismus ist nach der Emanationslehre, wie jeder andere seelische Vorzug, ein Ausfluß der göttlichen Gnade. Die Altruisten sind nicht gut daran, denn sie leiden Kaffandraschmerzen. Sie sind Propheten, die von reinster Menschenüebe durchglüht, ihr Leben auf dem geheiligten Zlltar der Menschheit, vorzüglich ihres Volkes, opfern. Ein glänzendes Vorbild eines solchen Propheten war — um gleich einen Großen zu nennen — Esra hassofer, dessen Spuren noch heute in unvergänglichem Goldglanz des Genius leuchten. Er/ hätte sein Leben für's geistige und materielle Wohl seines Volles hingegeben. Dieser esraischhumanistische Geist zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Geschichte Israels und wirkt, wenn auch wellenförmig, zielbewußt in den Seelen seiner großen Söhne fort. Ost ttitt auch eine Stockung ein, eine Art Kondensierung der Kraft, die eines Stoßes, einer Anregung bedarf, um nach Ueberwindung des Trägheitsgesetzes wieder in Bewegung gesetzt zu werden. Dieser Stoß kommt entweder von außen vermöge gewisser Ereignisse, die zu einer Auftaffung und Anspannung der Kräfte bestimmen, oder von innen durch die Liebe, den altruistischen Trieb. Diese innere Batterie, dieser geheimnisvolle Trieb, den Aristoteles Entelechie nennt, lebt und wirkt noch in der Seele der jüdischen Rabbiner, die die moralischheilige Pflicht ttagen, jene Kraft zu gebrauchen und in richttge Bahnen zu leiten. Es berührt jedoch schmerzlich, wenn man trotzdem zusteht, wie schlimm es gegenwärttg mit dem Wissen der Tora bestellt ist, wie das Interesse für sie langsam aber sicher schwindet, wie die jüdische Jugend seit Jahrzehnten, jedes jüdischen Wissens bar, über die Tora als ein „unmodernes Werk" zur Tagesordnung übergeht. Der Schmerz ist umso größer, wenn man weiß, wie sich Andersgläubige, Dichterfürsten und Denkhelden, über die Tora äußern. Herder vergleicht sie nnt der Stimme eines Vaters, einer geliebten Braut. Goethe verbürgt chr eine Zukunft, die ihrer Vergangenheit würdig sein werde. Je höher die Jahrhunderte an Bildung steigen, sagt er, desto mehr werde die Bibel zum Teil als Fundament, zum Teil als Werkzeug der Erziehung genützt werden. Lord Byron findet in diesem großartigen Werke das Geheimnis aller Geheimnisse. Wilhelm von Humboldt nennt sie das einzige Volksbuch, das Geschichte, Dichtung und Philosophie zugleich enthalte, auch dem gemeinen, schlichten Sinne zugänglich sei und zwar, daß es schwerlich eine Geistes- und Gefühlsrichtung geben könne, die nicht darin einen entsprechenden Anklang fände. Heine nennt sie das schöne heilige Erziehungsbuch für kleine und große Kinder, das große Reich des Geistes, das Reich der Nächstenliebe, der Reinheit und wahren Sittlichkeit, die nicht durch dogmatische Begriffsformeln, sondern durch Bild und Beispiel gelehrt werden kann. Renan steht in ihr das heiligste und mächttgste aller Bücher, den Erzieher der Jugend, den Führer des Mannes, den Tröster des Alters. Leibnitz weist auf den historischen Umstand hin, daß ein großer Teil unseres gegenwärtigen Wissens und Bildung direkt oder indirekt der Bibel entnommen sei, daß sie der Haupthebel war, womit der sittliche und auch der .intellektu elle Charakter Europas seine Höhe erreicht hat. „Durch die Seiten dieses Buches", sagt Sachor-Masoch, „weht der Geist der Gottheit gleich dem Hauch der Ewigkeit, der durch die Schöpfung zieht, in seinen Klagen tönt das Leiden aus, in seinen Verheißungen liegt die einzige Zuflucht aller Geschlechter. Sie war die Lehrmeisterin der Menschen, langebeoor Homer sein Epos, Horaz seine Oden schrieben". . Wenn schon nicht aus religiösen, so doch aus humanistischen, ich möchte fast sagen utilitaristischen Motiven, sollen wir uns dem Studium der Tora weihen, denn sie war und bleibt immer noch die goldene Quelle unserer Macht, unseres Seins und ewig wahr klingen die köstlichen Worte Mosis: „Li sot oboattmatohsm ubiuLbollsoa bssus haamim" (denn darin wurzelt eure Weisheit und Vernünftigkeit — das Ansehen — in den Augen der Völker). In diesem Satze liegt Schicksal. Mögen die Herren Rabbiner, die Könige im Geiste, jene Köpfe voll Licht und Klarheit, die Gestalter neuer Menschheitsgedanken, die berufenen -Führer Israels, die großen und echten Altruisten, vom Geiste Esra's erfaßt, Mittel und Wege suchen und finden, die Torawieder „modern" zu machen. Mögen sie eine große Tat leisten, das Interesse der Jugend zur Torawissenschaft wecken etwa durch Herausgabe populärer billiger oder unentgeltlicher Schriften oder durch Vorträge oder durch andere Mittel, die die Not erfinden lehrt. Mögen sie beratschlagen utesckuja berow joez — und viele Ratschläge bringen Sieg. — Der jüdische Staat.* Unsere Leser dürften jedenfalls Interesse daran haben, durch' nachstehende zeitgemäße Bettachtung einiges über die staatlichen Einheitsbesttebungen des Judentums zu erfahren. Seit einiger Zeit werden von Seite der Entente Nachrichten in die Welt gesetzt, nach denen sie die zionistischen Bestrebungen auf P a l ä st i n a unterstützen und ' dort eine „jüdische Republik" gründen will. Die Oesfentlichkeit hat bisher sehr wenig oder nichts von dem Vorhandensein einer zionistischen Bewegung gewußt, die jetzt so plötzlich eine Rolle in der Weltttise spielen soll. Und doch handelt es sich um eine sehr ernste gmd erfolgreiche Bewegung, die über die ganze Erd? verbreitet ist. Ihre Anfänge reichen weit zurück. Aber erst der Wiener Schriftsteller Dr. Theodor Herzl, der ein wahrhaft staatsmännisches Genie war, hat ihr Form und Lebensfähigkeit gegeben. Er kam ganz selbständig bei der Untersuchung der „Judenftage", ohne vom Bestehen einer nach Millionen zählenden' ostjüdischen Volksmasse mit eigener Sprache (Jiddisch) und Kultur Kenntnis zu haben, zur Erkenntnis, daß die Juden ein Volk und keine Konfession seien und die Judenfrage nur dadurch gelöst werden könne, daß die Juden, anstatt sich unter alle Pölker zu zerstreuen und unter ihnen eine wenig beneidenswerte Rolle zu spielen, sich in *) Das sozialdemokratische „Linzer Tagblatt" veröffentlicht in einer ihrer letzten Nummern den obigen höchst bemerkenswerten Arttkel. Der Versuch, die Leser des genannten Blattes über aktuelle jüdische Fragen zu orientieren und Interesse für dieselben anzuregen, verdient vollste Anerkennung und wird sicherlich dem genannten Blatte zahlreiche Freunde aus jüdischen Kreisen bringen. Die Red. V

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